Der Narr als „die politischste Figur aller Zeiten“

Von: Julian Loevenich
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Der Historiker Dr. Marcus Leitfeld aus Köln unternahm in der „Närrischen Akademie“ ein informative Zeitreise. Dabei wurde deutlich, dass Karneval und Politik die zwei Seiten einer Medaille sind. Foto: Julian Loevenich

Düren. Ob Rosenmontagszug in Köln, Düsseldorf oder Mainz. Ob Alaaf oder Helau, die fünfte Jahreszeit hat eine vereinende Eigenheit in allen Region: die Politik. Büttenredner wettern gegen die Politprominenz, Karnevalswagen rollen in der Gestalt einer Persiflage auf politische Geschehnisse durch die Menschenmassen. Doch woher kommt diese Verbindung von Karneval und Politik? Die Studenten der „Närrischen Akademie“ kennen nun die Antwort.

Am gestrigenSonntag öffnete bereits im neunten Jahr die von der KG Närrische Nord Dürener ins Leben gerufene Närrische Akademie im Haus der Stadt ihre Pforten. Pünktlich vom Pedell (Professor Dr. Herbert Schmidt) um elf Uhr eingeläutet, beginnt das 17. Semester. Am Rednerpult: „Lehrer Welsch“, gemimt von Dr. Marcus Leitfeld.

Der aus Nordkirchen stammende Karnevalist, ist Mitglied der Kölner Gesellschaft „Rote Funken“ und studierter Historiker und ein Experte in der Historie der fünften Jahreszeit. In einer tiefgreifenden Zeitreise durchlief Leitfeld sukzessive markante Punkte in der Geschichte, stellte sie heraus, beleuchtete und illustrierte sie anhand von historischem Bildmaterial. Auch unterstützte ihn Philipp Oebel mit traditionellen Liedern und Büttenreden.

„Lektion I – Der Narr“. Als „politischste Figur aller Zeiten“ deklariert, nahm Marcus Leitfeld den Narren als Ausgangspunkt seiner Reise und ging weiter in die Richtung, dass Karneval aus einem religiösem Verständnis heraus politisiert worden sei. Denn, so erklärte Leitfeld, mit der Fastnacht habe man die Macht der Könige relativiert und gezeigt, dass sie genau so wie der Karneval irgendwann ein Ende fänden und nur etwas Irdisches seien, „im Gegenteil zur Fastenzeit, die für das Himmlische, das Ewige steht.“

In weiteren Etappen klopfte der promovierte Historiker, der den Spitznamen „De Mottekist“ trägt, auch das 19. Jahrhundert ab. Eine Zeit, in der der Karneval hochpolitisch wurde. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch stark durch die preußische Monarchie kontrolliert, habe danach der Einfluss des französischen Freiheitsgedanken und der Revolution von 1848 Karneval nationalisiert und zu einer politischen Veranstaltung entwickelt, so Marcus Leitfeld. Im Kontrast zu dieser patriotischen Entwicklung habe die Weimarer Republik gestanden, ein weiterer Baustein des Puzzles.

„In den 20er Jahren hat der Karneval die heimische Politik verhöhnt“, schilderte Leitfeld eine Zeit, in der nicht nur im Karneval gegen Erfüllungspolitiker, Versailler Vertrag, Völkerbund und Kapitalismus gewettert wurde.

Leitfeld reiste weiter: „Unter den Nationalsozialisten gab es eine strikte Trennung von Karneval und Politik“. Doch indoktriniert wurde das Volk mit antisemitischen Wagen trotzdem. Das Ziel: „Unterhaltung zugunsten der Obrigkeit“, sagte Leitfeld. In den Jahren nach 1945 bis heute habe es eine Verharmlosung dieser Politisierung gegeben, glaubt Marcus Leitfeld, dennoch sei der Karneval einflussreich „und kann Leute lächerlich machen und sie ausgrenzen.“

Mit diesem Punkt fand Leitfelds Zeitreise ein Ende – eine Reise, die zeigte, wie tief der Karneval in der Geschichte verwurzelt ist und wie sehr er immer den Zeitgeist und die Einstellungen der Menschen widerspiegelt.

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