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Dank Louis Braille kann Helga Krings lesen

Von: Andreas Bongartz
Letzte Aktualisierung:
Helga Krings liest fast jeden
Helga Krings liest fast jeden Tag, ohne Blindenschrift wäre dies nicht möglich. Für sie ist die Erfindung der Braille-Schrift, die am Mittwoch weltweit gefeiert wird, von zentraler Bedeutung. Foto: Andreas Bongartz

Düren. Am Mittwoch wird des Erfinders der Blindenschrift gedacht. Helga Krings (67) verlor ihr Augenlicht als kleines Mädchen im Krieg. Ihr größtes Hobby: Lesen.

Flink gleiten Helga Krings Finger über die Seiten. Von links nach rechts tastet die 67-Jährige mit ihren Zeigefingern das Papier ab, dabei ist sie hochkonzentriert. Schließlich bedarf es feinen Fingerspitzengefühls, um die Geschichten zu erfahren, die das Blatt erzählt. Diese verbergen sich in einem System aus Punktmustern: Drei Punkte in der Höhe, zwei in der Breite bilden die Eckpunkte von Helga Krings literarischer Welt.

Helga Krings ist blind - bereits als kleines Kind erblindete sie 1944 bei einem Phosphorbomben-Angriff. Die 1825 von Louis Braille entwickelte und nach ihm benannte Blindenschrift ist für die muntere Frau die einzige Möglichkeit, zu lesen. Und sie liest wirklich gerne. In den Regalen in ihrer kleinen Wohnung im Anna-Schoeller-Haus in Düren drängen sich dicht an dicht dicke Ordner - Bücher in Braille-Schrift sind etwas umfangreicher als normale Schriftwerke. So findet sich etwa Salingers „Der Fänger im Roggen” in drei Bänden im Schrank der 67-Jährigen, auch Mankells „Das Rätsel des Feuers” ist auf mehrere Bände aufgeteilt.

„Ich lese wirklich unheimlich gerne, jeden Tag”, sagt Helga Krings. Krimis, Arztromane, Bauern- und Familienromane verschlinge sie mit Vorliebe. „Unterhaltsame Literatur ist etwas Wunderbares.” Und: Sie liest auch gerne vor. Zum Beispiel den Mitbewohnern im Anna-Schoeller-Haus. Denn nicht alle blinden Menschen können die anspruchsvolle Schrift von Braille lesen.

Helga Krings hat die Schrift als sechsjähriges Mädchen in der Dürener Blindenschule gelernt und ist darüber mehr als froh: „Für mich persönlich ist Brailles Schrift eine ganz tolle Sache. Ich bin ihm wirklich dankbar, dass er sie erfunden hat, sonst könnten wir blinde Menschen ja nicht lesen.” Und nach einem kurzen Moment des Nachdenkens fügt die lebensfrohe kleine Frau noch hinzu: „Dann wäre es wirklich schlimm...”

Brailles System der erhobenen Schriftnotationen ist von enormer Bedeutung für blinde Menschen wie Helga Krings. Mittels der Erfindung des Franzosen ist auch für blinde Menschen Schulbildung und damit die Chance, am wirtschaftlichen, politischen und eben vor allem am kulturellen Leben der Gesellschaft teilzuhaben, möglich geworden. Deshalb wird die Entwicklung der Blindenschrift seit 2001 jedes Jahr am Geburtstag von Louis Braille, dem 4. Januar, gefeiert.

Denn im Grunde hat sich am System Brailles seit seiner Erfindung 1825 nicht viel verändert. Einige Veränderungen hat Helga Krings miterlebt. So habe sie früher in der Dürener Blindenschule eine Kurzform der Blindenschrift gelernt, die später durch eine neue Kurzform ersetzt wurde.

„Die alte Kurzschrift hat mir eigentlich besser gefallen, aber die neue habe ich auch schnell gelernt.” Wobei: „Es gibt in der neuen Kurzschrift manche Worte, wo man raten muss, aber meistens kann man sie lesen.” Kein Wunder, handelt es sich bei der Kurzschrift doch um Abkürzungen der normalen Blindenschrift, ähnlich der Stenografie.

Natürlich kann Krings die Blindenschrift nicht nur lesen, sondern auch in Braille-Schrift schreiben, mit einer speziellen Punktschriftmaschine. „Manchmal schreibe ich für unser Haus den Speiseplan in Blindenschrift, dann können die anderen Bewohner zwischendurch fühlen gehen und wissen, was es zu essen gibt.” Beschäftigung hat sie vor allem durch ihre zahlreichen Bücher, nicht nur in den Regalen reihen sich die Bücher in Blindenschrift aneinander, auch die Schränke sind bereits voll.

Ein kleiner Wermutstropfen für Helga Krings, hat sie doch fast keinen Platz mehr für neue Bücher. „Die Schränke sind voll, da kann man nichts machen.” Doch die 67-Jährige siehts pragmatisch: „Dann lese ich eben meine alten Bücher noch einmal.”
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