Auf Fähigkeiten achten, nicht auf Defizite

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
5326963.jpg
Ingrid und Rainer Lensing suchen Sponsoren für das Projekt Ehrenamt trotz Handicap. Foto: bugi

Düren. Trau dich! lautet die simple Aufforderung. Carmen Güster aus Düren hat sich getraut, obwohl es ihr manchmal schwer fällt, sich etwas zuzutrauen. Die 40-jährige Dürenerin ist seit vielen Jahren depressiv, arbeitet gegen ihre Krankheit an. Geholfen hat ihr dabei ein besonderes Programm.

Gefördert von der Aktion Mensch vermittelt das Freiwilligenzentrum Düren Menschen mit Handicap in ehrenamtliche Tätigkeit. Der Grundgedanke dieses Projektes: Man soll die besonderen Fähigkeiten des Einzelnen betrachten und nicht so sehr seine Defizite. Im Fall von Carmen Güster ist das einzige Defizit ihre Krankheit, mit der sie lernt umzugehen.

„Ich brauche meinen Schutzraum. Mit einer psychischen Erkrankung fällt es sehr, sehr schwer, von Null auf 100 Prozent zu gehen“, sagt sie. Die gelernte Bürokauffrau hat mit 30 Jahren ihren Sohn bekommen, gab ihren Job auf. Sie wurde depressiv, es kamen Beziehungsprobleme hinzu, der Sohn erkrankte, es wurde finanziell eng – „es kam immer noch ein Päckchen oben drauf“, erinnert sie sich. Sie war bei Null. „Ich wollte gerne etwas machen. Auch, um zu sehen, was ich noch kann“, sagt sie.

Das Projekt Partnerschaftliches Engagement kam da genau zur rechten Zeit. Carmen Güster hat sich im Rahmen dieses von der Aktion Mensch geförderten Projektes beim Freiwilligenzentrum selbst engagiert, zunächst nur mit wenigen Stunden in der Woche, später mehr. „Für die Arbeitsvermittlung ist man entweder behindert oder voll einsatzfähig. Dazwischen gibt es nichts“, lautet eine Erfahrung von Carmen Güster. Voll einsatzfähig ist sie nicht, behindert erst recht nicht.

Die 40-Jährige ist dabei nur eine von 20 Personen aus Düren mit einem Handicap, die das Freiwilligenzentrum innerhalb von drei Jahren vermitteln konnte. „Bei den meisten Organisationen herrschte zu Beginn unseres Projektes Skepsis gegenüber einem solchen Engagement“, beschreibt Ingrid Lensing die Startphase. Überzeugen konnte sie dennoch nahezu alle potenziellen Kooperationspartner.

Ob nun im Eine-Welt-Laden oder bei der Dürener Tafel – im Idealfall sollen die unterschiedlichen Partner voneinander Lernen. „Viele der von uns vermittelten Menschen mit Handicap fühlen sich danach gestärkt und trauen sich mehr zu. Es sind auch einige dabei, die sich jetzt eine Arbeit suchen“, erklärt Ingrid Lensing den Erfolg des Projektes.

Eine Erfahrung, die auch auf Carmen Güster zutrifft. Sie hatte zunächst nur mit zwei Stunden in der Wochen beim Freiwilligenzentrum angefangen, um bei der Schulmaterialausgabe zu helfen. „Das hat mich motiviert, darauf konnte ich dann aufbauen“, sagt sie. Seit einer Woche arbeitet Carmen Güster in einem Seniorenheim, ist dort Empfangsmitarbeiterin. „Ich muss immer sehr genau darauf achten, wie weit ich gehen kann“, sagt sie.

Und stellt fest, dass sie dabei ihre Grenzen erweitern kann. Die Spätschicht? „Das war schon happig.“ Aber sie hat es geschafft. Der nächste Schritt: „Acht Tage durcharbeiten – schaffe ich das?“ Selbst wenn es aufgrund ihrer Krankheit Rückschläge gab, hat sie ihre Grenzen immer ein Stück mehr erweitern können.

War sie mal bei Null, sieht sie sich heute eher bei 60 bis 70 Prozent. Und vielleicht auch irgendwann wieder bei 100 Prozent. Wie viele Menschen mit Handicap nach ihr eine ähnliche Chance erhalten, ist derzeit nicht ganz klar. Die Förderung durch die Aktion Mensch ist ausgelaufen, das Freiwilligenzentrum will das Projekt jetzt selbst stemmen. 

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.


Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert