„Altersarmut kommt in der Mitte der Gesellschaft an“

Von: Stephan Johnen
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Immer mehr Rentner haben finanzielle Probleme.

Düren. Was tun, wenn im Ruhestand das Geld nicht reicht? Immer mehr Rentner gehen regelmäßig arbeiten. In einem Land, das als äußerst wohlhabend gilt. Doch wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie herausfand, machen es zwei Drittel aller Ruheständler nicht aus finanziellen Nöten, sondern weil sie Freude an der Arbeit haben.

Das Klischee vom Rentner, der arbeitet, um nach Jahrzehnten im Beruf über die Runden zu kommen, muss nicht richtig sein. Das Bild kann aber auch zutreffen. Dagmar Becker von der Dürener Schulden- und Insolvenzberatung warnt davor, das Thema Altersarmut auf die leichte Schulter zu nehmen. Lange Zeit seien vor allem alleinstehende Frauen betroffen gewesen. „Die Altersarmut kommt aber in der Mitte der Gesellschaft an. Sie kann jeden treffen“, sagt die Mitarbeiterin der Beratungsstelle.

So sei der Beratungsbedarf von Senioren in den vergangenen Jahren kontinuierlich und überdurchschnittlich gestiegen. Etwa 68.000 Menschen über 60 Jahren leben im Kreis Düren, davon haben nach Auskunft der Schuldenberatung rund 1000 einen Antrag auf Grundsicherung im Alter gestellt. Die Berater rechnen damit, dass diese Zahlen steigen werden. Deutlich sogar. „Viele Menschen trauen sich derzeit nicht, Hilfe zu suchen“, weiß Dietlinde Folger-Kastrau. Wohl kaum ein Thema sei so mit Scham behaftet wie (drohende) Armut. Auch mit der Familie werde darüber oft nicht gesprochen.

Risiken, im Alter in eine finanzielle Schieflage zu geraten, gebe es viele. Krankheit, den Verlust des Partners, Preissteigerungen, die den Rentenanpassungen davonlaufen, und steigende Fixkosten eines Familienhauses, das nach dem Auszug der Kinder nur noch von den Eltern bewohnt wird. In Zukunft werde sich das Problem Altersarmut auch aus anderen Gründen verschärfen, befürchtet Dagmar Becker: Es gebe zunehmend Brüche in den Erwerbsbiografien der Menschen.

Hinzu kommen zum Teil prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die es nicht zulassen, Rücklagen zu bilden. Wer privat fürs Alter vorsorgen wolle, dem fehle gerade in jungen Jahren oft das Geld dazu. Besonders dramatisch werde es, wenn mitten im Berufsleben das Schicksal zuschlägt. Zu einem Zeitpunkt, an dem viele Menschen beispielsweise einen Kredit für das Eigenheim oder eine Wohnung noch nicht abbezahlt haben.

Die derzeitigen Beratungsmöglichkeiten seien für diese zeitintensiven Fälle kaum ausreichend. Die Zahl der Ratsuchenden übersteige die Beratungskapazität. „Viele Menschen müssen zunächst auf ein persönliches Beratungsgespräch warten“, bedauert Dagmar Becker. Oft sei das Kind auch schon in den Brunnen gefallen. „In diesen Fällen ist die Existenzsicherung vorrangig“, sagt Dietlinde Folger-Kastrau.

Danach komme die Schadensbegrenzung. Die Expertinnen sind überzeugt, dass ein genereller Ausbau der Schuldenberatung notwendig ist. Gerade für ältere Menschen sei eine zusätzliche Sozialberatung ideal. Dort könnte es Informationen zum Thema Wohngeld und zu staatlichen Hilfen geben, dort könnten die Lebenshaltungskosten unter die Lupe genommen werden, ebenso Versicherungen.

Auch die Frage, ob ein Verbraucherkredit für über 80-Jährige sinnvoll ist, wenn das Geld nicht für die Stromrechnung reicht, oder ob es nicht andere Einsparmöglichkeiten gibt, könnte bei einem ausgeweiteten Beratungsangebot rechtzeitig diskutiert werden. Mit Blick auf die eingeschränkte Mobilität mancher Senioren sollte es zudem mobile Sprechstunden und Beratungsangebote geben.

„Niemand gesteht sich gerne ein, Hilfe zu benötigen. Aber manchmal sind Menschen einfach in finanziellen Fragen überfordert“, wirbt Dagmar Becker darum, rechtzeitig Freunde, Familie oder Vertraute über sich abzeichnende Probleme zu informieren und Rat zu suchen. Versagens- und Existenzängste würden zu oft diese Schritte hemmen – bis es zu spät ist. Die wichtigste Botschaft laute: „Es gibt Hilfe.“

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