Als Gast gekommen, als Dürener geblieben

Von: Isabelle Hennes
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Als Gastarbeiter gekommen und
Als Gastarbeiter gekommen und in Deutschland ein neues zu Hause gefunden: Sefer, Sevin, Jana und Erol Aydin (von links) stehen für ein Beispiel gelungener Intergration mitten in Foto: Isabelle Hennes

Düren. Der Tisch von Familie Aydin ist übersät mit Tellern und Schüsseln. Sie sind gefüllt mit türkischem Gebäck, Börek und Süßigkeiten. Es duftet nach türkischem Tee und Kaffee.

Sefer Aydin kam als Gastarbeiter aus Karadeniz Ereğli, einer Stadt im Nordwesten der Türkei, nach Deutschland. Deutschland ist zu seiner neuen Heimat geworden: Jetzt empfängt er Gäste in seinem Haus. Die Regierungen beider Länder schlossen ein so genanntes Anwerbeabkommen: In Deutschland fehlten Arbeitskräfte, die Türkei hatte sie. Das war 1961.

Und heute? Sefer Aydin sitzt mit seiner Frau Sevin, seinem Sohn Erol und seiner deutschen Schwiegertochter Jana am gedeckten Tisch an der Alten Jülicher Straße in Düren. Seine Familie ist nicht in die Türkei zurückgekehrt. Sevin Aydin lächelt freundlich unter ihrem Kopftuch, Sefer Aydin trägt eine Fenerbahçe-Kappe. Auf die Frage, ob er Fußball-Fan ist, lächelt er verschmitzt: „Die Galatasaray-Fans ärgere ich immer”, berichtet er.

Seit 42 Jahren in Deutschland

Obwohl die beiden seit 42 Jahren in Deutschland leben, hier gearbeitet, Familie und Freunde haben, sprechen sie nur gebrochen Deutsch. Die Sprache zu lernen sei nicht nötig gewesen - zu Recht gefunden haben sie sich auch so. Das Angebot eines vierwöchigen Sprachkurses hat Sefer Aydin nach seiner Ankunft in Deutschland genutzt; Sevin Aydin hatte in der Türkei keine Gelegenheit, Lesen und Schreiben zu lernen. Ihr Sohn Erol, 33 Jahre alt, übersetzt für seine Eltern.

„Für mich stand nach einem Jahr fest, dass ich nicht in die Türkei zurückgehe. Der Freundeskreis wurde hier größer, weil immer mehr Bekannte aus der Türkei nach Deutschland kamen”, sagt Sefer Aydin. Einer der Bekannten ist Muzaffer Tek, 76 Jahre alt. Der gebürtige Istanbuler kam schon 1962 nach Düren, und war einer der ersten Gastarbeiter überhaupt an der Rur. „Ich habe die Rückkehr immer weiter aufgebschoben. Irgendwann waren dann alle Kinder hier geboren, und wir sind geblieben.” Im Gegensatz zu Sefer Aydin bereut Muzaffer Tek seine Entscheidung. „In Istanbul hatte ich ein Geschäft mit zehn Angestellten”, das habe er hier nicht erreicht.

Als Sefer Aydin am 14. Februar 1969 in Istanbul in den Zug stieg, um die dreitägige Reise über München nach Aachen anzutreten, hatte er lediglich einen Holzkoffer dabei. Was ihn erwartete, wusste er nicht. Das, was er über Deutschland wusste, kannte er aus Berichten seiner Landsleute. Mittlerweile ist dem quirligen 68-Jährigen vor allem der deutsche Ordnungssinn ans Herz gewachsen - und die deutschen Autos. Trotzdem sei es nicht leicht gewesen, von heute auf morgen die Zelte in der alten Heimat abzubrechen.

Während seiner ersten Zeit in Deutschland arbeitete Aydin in Alsdorf unter Tage. Dort wohnte er in einem Heim zusammen mit seinen Kollegen. „Drei Heime für 2500 Arbeiter, manchmal waren wir zu viert oder fünft auf einem Zimmer”, erinnert er sich. Nachdem er zu Isola gewechselt hatte, konnte sich die Familie eine Wohnung zur Miete leisten. „Häuser waren damals schwer zu finden”, sagt Sevin Aydin und gießt mit einem Lächeln heißen Tee nach, „wir sind oft umgezogen, bis wir 1986 das Haus an der Alten Jülicher Straße gefunden haben.”

Seit 2002 im Ruhestand

Schon in der Türkei war Aydin im Bergbau tätig, hat dort als Schlosser Transportbänder gewartet. 1973 kam er zur Isola, arbeitete anschließend bei Schoellershammer. Bevor er 2002 in den Ruhestand ging, war er bei Zanders angestellt.

1971 packte auch seine Frau die wichtigsten Dinge zusammen und folgte ihrem Mann. Sie erinnert sich noch gut: Da sie im sechsten Monat schwanger war und ihre eineinhalbjährige Tochter mit im Schlepptau hatte, leistete sie sich den Luxus eines Flugtickets. Die 63-Jährige erfüllt nicht die Klischees einer türkischen Frau, die kein Deutsch spricht und ein Kopftuch trägt.

Sie hat sich etwas aufgebaut in Deutschland, ihr eigenes Geld verdient und sogar den Führerschein in Form einer mündlichen Prüfung gemacht. „Fünf Frauen mit Kopftuch in einem Auto, da haben die Leute schon komisch geguckt”, erinnert sie sich lachend. Familie Aydin ist ein Beispiel für gelungene Integration, trotz der Sprachschwierigkeiten. Der Grund dafür könnte die Offenheit sein, mit der Sevin und Sefer ihren Mitmenschen begegnen. Im Supermarkt beispielsweise hat Sevin Aydin dem Kassierer die Geldbörse hingehalten, im Vertrauen, dass er sie nicht übers Ohr haut.

Freundlich aufgenommen

Vertrauen war damals wichtig, auch für Sefer Aydin. „Ich wusste nicht einmal, wo das Rathaus ist. Der Fabriksleiter hat unsere Ausweise eingesammelt, um die Aufenthaltsgenehmigung verlängern zu lassen.” Trotzdem sah er seine Situation gelassen, denn er fühlte sich freundlich aufgenommen.

Bis auf Erols Schwester kamen und seine beiden anderen Geschwister in Deutschland zu Welt. Manchmal sei es ihm schon etwas unangenehm, wenn er merkt, dass seine Eltern Schwierigkeiten mit der Sprache haben. Wenn beim Arzt etwas Wichtiges ansteht, begleite er sie meistens. Erol ist beim Ordnungsamt der Stadt Düren beschäftigt. „Meinen Eltern war es wichtig, dass wir die deutsche Sprache lernen und eine Ausbildung machen”. Erols Schwester Senay ist Versicherungskauffrau, sein Bruder Senol Elektriker und Birol arbeitet in der Metallbranche.

Mehrmals im Jahr fahren Sefer und Sevin in die Türkei, manchmal sogar mit dem Auto. „Wenn ich in der Türkei bin, vermisse ich Deutschland und umgekehrt”, sagt Sefer Aydin. Was Familie Aydin sich aus ihrer alten Heimat erhalten hat, ist die türkische Gastfreundschaft.

Die Städtepartnerschaft als Verbindung zwischen alter und neuer Heimat

Sefer Aydin war es wichtig, dass es eine Verbindung zwischen seiner alten und neuen Heimat gibt. Deshalb hat er als Ideengeber bei der entstandenen Städtepartnerschaft zwischen Karadeniz Ere?li und Düren mitgewirkt.

2009 wurde die Partnerschaft von Bürgermeister Paul Larue und seinem türkischen Amtskollegen Halil Posbiyik im Dürener Rathaus unterzeichnet. Im Jahr 2010 war eine Delegation aus Düren zu Gast in Karadeniz Ere?li.

Karadeniz Ereğli hat rund 100.000 Einwohner und liegt im Nordwesten der Türkei, direkt am Schwarzen Meer. Gegründet wurde die Stadt im 6. Jahrhundert v. Chr. unter dem Namen Heraklia Pontike.

Die Stadt ist berühmt für ihre osmanischen Erdbeeren. Jedes Jahr findet das Erdbeerenfest, ein internationales Kultur- und Gesangfestival statt.

„Wegen des angenehmen Klimas findet das Leben in Karadeniz Ere?li meistens draußen statt. Alle Menschen sind dann auf den Straßen und im Freien unterwegs”, berichtet Erol Aydin.
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