Aachen - Zwangsprostitution - mitten in Aachen

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Zwangsprostitution - mitten in Aachen

Von: Werner Czempas
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Aachen. Als die junge Frau ihren Vortrag beendet hatte, herrschte das sprichwörtlich blanke Entsetzen im Sozialausschuss. „Es ist erschütternd, was bei uns vor der Tür stattfindet”, rang Maria Drews (CDU) nach Fassung.

„Das ist doch menschenunwürdig. Und das direkt in der Nähe des Rathauses”, suchte Frank Hansen (FDP) nach Worten.

Roshan Heiler heißt die junge Frau, die mit ihrem Bericht bei Politikern und Zuhörern betroffene Gesichter zurückließ. Roshan Heiler leitet in Aachen die überkonfessionelle und überparteiliche Hilfsorganisation Solwodi (Solidarity with women in distress - Solidarität mit Frauen in Not). Solwodi hat beim Bistum Unterschlupf gefunden. Mit Frau Heiler kümmern sich dort zwei weitere hauptamtliche und fünf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen um Frauen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sind.

Mit bewundernswertem Mut gehen die Solwodi-Frauen vor. Ihr Operationsfeld ist Aachens Bordellmeile, die Antoniusstraße. Einmal in der Woche gegen 16 Uhr zieht dort ein Zweier-Team von Solwodi wie Streetworker von Fenster zu Fenster und sucht den direkten Kontakt mit den in den Bordells anschaffenden Frauen.

„Wir wollen die Frauen psychisch und physisch stabilisieren”, berichtet Roshan Heiler, „wir klären sie über ihre Rechte auf, bieten Ausstiegsmöglichkeiten an.” Obwohl die Zuhälter der Prostituierten oft in Sichtweite sind oder sogar im Zimmer sitzen, stecken die Helferinnen den Frauen ihre Visitenkarten in verschiedenen Sprachen zu, damit sie sich bei Solwodi melden können.

Zwischen 18 und 30 Jahre alt

In den 30 Häusern der Antoniusstraße arbeiten nach Schätzung von Roshan Heiler rund 150 Frauen. Die meisten sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Viele sprechen kein oder kaum Deutsch. Die Mehrzahl, etwa 70 Prozent, stammt aus Rumänien, gefolgt von Bulgarinnen und Afrikanerinnen (je zehn Prozent), Asiatinnen, Albanerinnen, Tschechinnen.

Eine Menge Freier muss eine Prostituierte haben, denn es fallen horrende Kosten an: Zimmermiete in der Antoniusstraße 100 Euro täglich (makaber: Sonntage und Geburtstage sind mietfrei), tägliche „Steuer” 15 Euro, wöchentliches Schutzgeld von 300 - 500 Euro, Zuhälter kassieren zwischen 50 und 100 Prozent der Einnahmen.

Dienstleistungen werden in der Antoniusstraße bei 20 Minuten im Schnitt für 30 Euro gewährt, sind aber immer häufiger auch schon ab 10 Euro zu erhalten. Die Frauen sind nicht krankenversichert, hohe Arztrechnungen fallen an, die Zahl der Infektionskrankheiten (Syphilis) steigt. Bei einer derartigen massiven sexuellen Ausbeutung stehen die Frauen folglich unter dem ständigem Druck ihrer Zuhälter, täglich viele Freier zu bedienen.

Die Aachener Hilfsstelle Solwodi ist nach Duisburg und Oberhausen die dritte in Nordrhein-Westfalen. Roshan Heiler und ihr Team haben seit Januar 2011 in der Antoniusstraße 350 Erstkontakte mit betroffenen Frauen geknüpft.

In sechs Fällen kamen sie dabei dem Straftatbestand des Menschenhandels (Frauenhandel) auf die Spur, betroffen darunter ein 15-jähriges Mädchen. 13 Frauen werden zur Zeit regelmäßig betreut. Frauen, die aus dem Gewerbe aussteigen möchten. Solwodi hilft bei Gängen zu Behörden, vermittelt Ärzte, bietet eigene Schutzhäuser an, arrangiert Deutschkurse, unterstützt bei der Suche nach alternativen Erwerbsmöglichkeiten.

Schwerkrank und allein

Ein entsetzliches Beispiel für den Solwodi-Einsatz: Eine in die Zwangsprostitution gepresste 30-jährige rumänische Frau litt an offener Tuberkulose, nach acht Wochen des Dahinvegetierens ohne jede ärztliche Hilfe in einem Hinterzimmer konnte Solwodi die Kranke nach Hinweisen einer Kollegin aus der Antoniusstraße endlich ins Krankenhaus einliefern.

„Viele betroffene Frauen wissen nicht, dass die Prostitution in Deutschland legal ist”, berichtet Roshan Heiler. Ein Unwissen, das von den Frauenhändlern ausgenutzt wird. Die Täter überzeugen sie davon, dass sie sich strafbar gemacht haben. Die Frauen werden in den Bordellen ständig kontrolliert und überwacht. Viele werden mit roher Gewalt gefügig gemacht. Viele leben, wenn das denn „leben” ist, ständig eingesperrt. Oft wissen die Opfer nicht einmal, in welcher Stadt sie sich befinden. So besteht wenig Gefahr für die Täter, dass ihre Opfer sich an die Polizei wenden und um Hilfe bitten.

Solwodi Aachen arbeitet eng mit der Polizei zusammen. Und dennoch bilanzierte Leo Deumens (Die Linke) nach dem erschütternden Heiler-Vortrag: „Behördlicherseits geht offensichtlich niemand gerne an die Dinge ran. Wir brauchen ein Gesetz, Möglichkeiten, härter durchzugreifen.” Den Ruf nach schärferen Gesetzen hält Martin Künzer (SPD) für überflüssig: ”Was Frau Heiler uns berichtet hat, war doch eine Straftat nach der anderen, das waren doch mindestens zehn schwere Straftaten.”

Von Fenster zu Fenster

So lange sich aber kein Gesetz und kein Amt und niemand aufrafft, energisch gegen den Frauenhandel vorzugehen, so lange werden Roshan Heiler und ihr Team weiterarbeiten müssen: Einmal in der Woche, 16 Uhr, in der Antoniusstraße von Fenster zu Fenster ziehend, immer zu zweit, die Visitenkärtchen in der Hand - und die kriminellen Zuhälter im Blick. Solwodi ist ein starkes, ein tapferes, ein mutiges Team.

So erreicht man Solwodi Aachen

Die Kontaktaufnahme mit Solwodi Aachen ist möglich unter aachen@solwodi.de und per Telefon unter S0241/413174713, montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr.

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