Aachen - Zukunft der Klubs liegt auf Kunstrasen

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Zukunft der Klubs liegt auf Kunstrasen

Von: Thomas Vogel
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Ist vom Kunstrasenplatz an der Siegelallee überzeugt: Udo Hirth, Fußball-Geschäftsführer des Burtscheider Turnvereins. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Was die Plätze angeht, da werden sich die wenigsten Fußballer in Aachen beschweren. 19 der 39 Vereine können zu Hause auf einem Kunstrasenplatz spielen, zehn auf Naturrasen. Einige suchen sich sogar aus, auf welchem Belag sie ihre Gäste begrüßen. Zwölf Klubs – meist kleinere – spielen auf Ascheplätzen.

Der Grund ist einfach: Mitgliederschwache Vereine verfügen nicht über die finanziellen Möglichkeiten, wie große Klubs sie haben – mit Folgen. Exemplarisch Uschi Brammertz, stellvertretende Vorsitzende des BC Rhenania 08 Rothe Erde: „Wir haben keine Investoren, weil wir keine Kinder haben und haben keine Kinder, weil wir keine Investoren haben. Ohne Rasenfläche sind wir auf lange Sicht aber nicht konkurrenzfähig.“

Funktionäre anderer Vereine bestätigen das. Aus diesem Kreislauf auszubrechen ist schwer. Brammertz sieht eine Möglichkeit: „Die Fusion mit einem anderen Verein könnte ich mir durchaus vorstellen. Aber dafür müsste ein anderer Verein uns erst einmal wollen.“

Der erste Kunstrasen sei 2004 in Aachen verlegt worden, erklärt Gerta Keller, Leiterin der Abteilung Planung, Organisation und Einrichtung von Sportstätten. Stolzer Nutzer ist Inde Hahn. Zwei Jahre später, 2006, sei die Stadt in die Finanzierung eingestiegen. Der neue Kunstrasenplatz an der Rombachstraße sei komplett aus kommunalen Kassen finanziert worden. Im gleichen Jahr wurden die ersten Aschenplätze auf Kunstrasen umgebaut.

Sein Verein, Eintracht Verlautenheide, habe bei der Stadt angefragt, ob der Wechsel auf einen Kunstrasenplatz mit Unterstützung der Stadt möglich sei, erinnert sich 1. Vorsitzender Herbert Linden. Laut Vorschlag sollte der Verein selbst die Mittel auftreiben, die ein Kunstrasen teurer als ein Aschenplatz sei. Das Projekt bekam grünes Licht, wurde außerdem beim SV und der Arminia in Eilendorf angegangen. Bauherr waren die Vereine.

Wegen Problemen mit am Bau des Platzes beteiligten Firmen änderte sich das bei nachfolgenden Projekten. Es entstand das mittlerweile übliche Finanzierungsmodell: Der Verein, der später Hauptnutzer des Platzes wird, steuert ein Drittel der Kosten bis maximal 100.000 Euro bei. Diese Maximalgrenze wird immer erreicht, weil die Projekte stets teurer als 300.000 Euro werden. Von dem Eigenanteil können in vielen Fällen noch einmal bis etwa 25.000 Euro abgezogen werden, die die jeweilige Bezirksvertretung zuschießt.

Kunstrasen ist bei Funktionären und Aktiven beliebt. Keine Spielausfälle, kein Markieren, kein Unkraut – zum Beispiel. Aber es gibt auch weniger schmutzige Klamotten, weniger Dreck, der an Schuhen in Autos und Häuser gelangt. Für viele Eltern ist neben der geringeren Verletzungsgefahr das ein gewichtiges Argument, die Kids in einem Verein mit Kunstrasenanlage anzumelden.

Kurt Dahmen ist Vorsitzender der Senioren bei der DJK Arminia Eilendorf. Sein Verein ist in der glücklichen Lage, über einen Kunst- und einen Naturrasen zu verfügen. „75 Prozent der Spiele bestreiten die Mannschaften auf dem Kunstrasen, der immer eben und glatt ist.“ Bei großer Hitze aber sei der Naturrasen einfach angenehmer, weil sich das Granulat im Kunstrasen in der Sonne erhitze.

Ansonsten sei der Naturrasen anfällig, wie der 1. Vorsitzende der DJK FV Haaren, Adrian Hermanns, erzählt – meistens unbespielbar. Um die Pflege kümmert sich die Sportplatz-Pflegekolonne der Stadt, bei Aschen-, Natur- und Kunstrasenplätzen. Die Vereinsbosse signalisieren vollste Zufriedenheit mit dem Service.

Aber es gibt eben auch Probleme. André Lütz, 1. Vorsitzender des SV 1914 Eilendorf: „Mittlerweile hat der Platz so viele Macken und Flicken, dass wir mit dem Hersteller Desso gerne eine Lösung zu einer Kompletterneuerung finden würden.“ Kein Einzelfall, wie das Beispiel der Hertha aus Walheim zeigt. Ihr Platz muss nach nur sieben Jahren komplett erneuert werden. Das Gros der Vereine aber gibt an, zufrieden zu sein. „Wir können absolut nicht klagen“, resümiert Bernd Vecqueray, 1. Vorsitzender der Eintracht aus Kornelimünster.

Als ein Vorteil von Kunstrasenplätzen gilt, dass die Verletzungsgefahr deutlich geringer ist. Sicher ist das allerdings nicht. Es werde gemunkelt, dass die immer häufiger auftretenden Verletzungen am Schambein und im Leistenbereich vom Spiel auf dem künstlichen Grün stammen, sagt Hermanns. Außerdem würden die Gelenke intensiver beansprucht.

Udo Hirth, Fußball-Geschäftsführer des Burtscheider Turnvereins 1873: „Wir haben damals die Erfahrung gemacht, dass die muskulären Probleme bei den Spielern deutlich zugenommen haben.“ Nachdem sich der Körper an den veränderten Untergrund gewöhnt habe und das Training umgestellt worden sei, habe sich das aber gelegt.

Sicher ist: Was früher an Schürfwunden als Trophäe vom Aschenplatz getragen wurde, ist im Kunstrasenzeitalter die Verbrennung. Obwohl die mit der zweiten Generation der Plätze seltener werden, wie Sportmediziner Dr. Frank Uhl weiß. Aber: „Ich habe ebenfalls den Eindruck, dass die chronischen Schambeinentzündungen durch Kunstrasenplätze zunehmen.“

Überhaupt sieht Uhl, der Vereine sportmedizinisch betreut und täglich Sportler behandelt, insgesamt mehr chronische Belastungsschäden. Neben Physiotherapie und Entzündungshemmern sei als Behandlungsmaßnahme am wichtigsten, das Training auf den anderen Belag einzustellen. Fest steht für den Arzt: „Es gibt nicht eine Zunahme an Verletzungen, sondern das Verletzungsbild hat sich verändert.“

Das Kunstrasenprogramm der Stadt ist nun erst einmal für rund zwei Jahre ausgesetzt. Schuld sind die knappen Kassen. Erst 2015 ist wieder ein neuer Platz geplant, für 2016 seien ebenfalls Mittel im Haushalt vorgesehen, sagt Keller.

Und: Die Bewerbungsphase für einen neuen Kunstrasenplatz läuft. Rasensport Brand, Blau-Weiß Aachen-Burtscheid, VfR Forst und VfJ Laurensberg etwa haben bereits Interesse bekundet. Das Problem für kleine Vereine bleibt, wie beispielsweise die Vertreter von SC Yurdumspor und SV VUK Aachen bestätigen: Sie haben zu wenige Mitglieder und Sponsoren, um ein Kunstrasenprojekt zu stemmen. Eine Bewerbung hat für sie keinen Sinn.

Ohne Kunstrasenplatz sieht es dann auch mit der Zukunft und dem Nachwuchs schlecht aus. „Keiner will auf Asche spielen“, sagt Vecqueray. Schleckheim nennt er als Beispiel: Der Klub liege zwischen zwei Vereinen mit Kunstrasen, die Jugendspieler anziehen. Die Fußballabteilung sei quasi „tot“.

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