Aachen - Zu jung für die Rente und zu alt für eine neue Stelle

Zu jung für die Rente und zu alt für eine neue Stelle

Von: Georg Dünnwald
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„Die Arbeit macht Freude”, s
„Die Arbeit macht Freude”, sagen die drei „Beschäftigten”, die vom Job-Center neben Hartz IV 1,10 Euro je Stunde bekommen. Sie schmücken Blumentöpfe, die nicht in den Handel gehen dürfen. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Ich bin zu jung, um frühverrentet zu werden und zu alt, um eine Stelle zu bekommen”, sind die bitteren Worte der 54-jährigen Christiane. Christiane möchte ihren richtigen Namen nicht bekannt geben.

„Denn Arbeitslosigkeit ist immer noch ein Makel. In der Kartei des Job-Centers werde ich als ungelernte Kraft geführt.” Deshalb habe sie es schwerer bei der Vermittlung von Arbeitsangeboten. Meist würden die Fallmanager der Arge-Job-Center nur bedauernd den Aktendeckel wieder schließen.

Dennoch: Christiane ist zurzeit bei Low-Tec in der Aachener Otto-straße beschäftigt. Das ist eine gemeinnützige Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft. Trägerin ist die evangelische Kirchengemeinde Düren. Low-Tec unterhält Filialen in Aachen, Eschweiler und Stolberg.

Corinna Bornscheuer-Heschel leitet die Aachener Niederlassung. Dort werden vor allem Schüler aus allen Schulformen, vornehmlich aber aus dem Bereich Förder-, Haupt- und Gesamtschulen beraten, damit sie zielgerichteter den Berufsweg planen können.

Auch die „zweite Chance” ist ein Arbeitsgebiet von Low-Tec. Langzeitarbeitslose Menschen werden auf Einzelumschulungen in Betrieben vorbereitet. „Wir vermitteln sie dann auch und begleiten sie während der Ausbildung im Betrieb”, erklärt Corinna Bornscheuer-Heschel.

Ramona Schrader hat sich für die „zweite Chance” beworben. Die 27-Jährige will Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste im medizinischen Dokumentationsbereich werden. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Zunächst aber bereitet sie sich auf eine Ausbildung in diesem Beruf vor. Dabei hat sie schon einen Beruf. Sie ist Ergotherapeutin mit Bachelor-Abschluss. Dennoch ist sie arbeitslos.

Zur Zeit haben jedoch alle Arbeitsloseninitiativen ein großes Problem: Das Bundesarbeitsministerium hat zum 1. März vergangenen Jahres Ein-Euro-Jobs da verboten, wo Geld verdient wird. In Sozialkaufhäusern wurden beispielsweise Möbel aufbereitet, dabei gleichzeitig Langzeitarbeitslose für den Arbeitsmarkt fit gemacht und ihre „Produkte” dann weiter veräußert. Das ist mittlerweile nicht mehr möglich.

Die Bundesregierung fordert auch hier versicherungspflichtige Arbeitsplätze. Und das könnten sich die Projekte nicht leisten, sagen sie. Weil Konkurrenz zu „regulären” Firmen bestehe, begründet das von-der-Leyen-Ministerium seine Entscheidung, der Wettbewerb werde verzerrt. „Deshalb dürfen wir keine Ein-Euro-Jobber in diesem Bereich mehr beschäftigen”, sagt Bernhard Preuß von Spectrum, einem Qualifizierungs- und Beschäftigungsprojekt des Rheinischen Vereins für Arbeiterkolonien (Ableger der Caritas).

Neue Regelungen

Christiane wurde übrigens vom Job-Center in die Abteilung „Qualifizierung und Beschäftigung” vermittelt. „Von Qualifizierung kann keine Rede sein”, kritisiert die Leiterin der Einrichtung. Denn Christiane darf nicht qualifiziert werden. „Sie darf nur beschäftigt werden”, erläutert Corinna Bornscheuer-Heschel. Wegen der neuen Regelungen, die die Ministerin erlassen habe. „Ministerin von der Leyen ist nicht daran gelegen, allen eine Qualifizierungsmaßnahme zuzugestehen”, meint Corinna Bornscheuer-Heschel. Sonst würde die Ministerin ja auch weiter die Arbeitslosenprojekte unterstützen und hätte nicht die Gelder für Qualifizierungen um etwa 50 Prozent gekürzt.

Christiane und ihre Kollegen, die einen Newsletter für Sozialkaufhäuser erstellen, würden ausschließlich beschäftigt. „Denn dieser Newsletter bringt kein Geld ein und würde auch nie auf dem sogenannten freien Markt produziert”, erklärt die Low-Tec-Chefin.

„Ich habe mich beim Job-Center um eine berufliche Weiterbildungsmöglichkeit bemüht. Dort wurde mir eiskalt gesagt, dass ich zu alt sei”, sagt die 54-jährige Christiane, die übrigens ein Abitur und ein vorzeitig abgebrochenes Studium der Germanistik und Philosophie aufweisen kann.

Auch beim Kollegen Hans (Name auch von der Redaktion geändert), der gemeinsam mit Christiane arbeitet, kann von geringer Qualifikation nicht die Rede sein. Der 48-Jährige, nun seit zweieinhalb Jahren Hartz-IV-Bezieher, lernte einst bei der Bundesknappschaft den Beruf des Sozialversicherungs-Fachangestellten. Nach einem Wechsel in den Verkauf stand er plötzlich ohne Anstellung da. Obwohl auch er nicht qualifiziert wird, glaubt er fest daran, eines Tages wieder eine feste Stelle zu bekommen.

Zugelassenes Praktikum

Das Spectrum engagiert sich den Bereichen Holz, Garten- und Landschaftsbau, Maler und Lackierer und Hauswirtschaftliche Dienstleistungen. In der Großküche wurde Qualifizierung geleistet oder eben auch nur beschäftigt. „Weil die Ein-Euro-Jobs verboten sind, dürfen wir auch in unserer Großküche keine Kenntnisse mehr vermitteln”, sagt Spectrum-Chef Bernhard Preuß.

Eine Frau, die zum Beispiel bei Spectrum vom Job-Center der Arge untergebracht wurde, musste für ein Praktikum in der Kantinenküche eine Genehmigung vom Job-Center bekommen. „Weil Speisen gegen Bezahlung über den Tresen gehen”, erklärt Chefkoch Detlef Bock. Im Aachener Stammhaus werden zurzeit Frauen beschäftigt, „die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance hätten”, sagt Preuß. Je Woche würden sie für 15 bis 32,5 Stunden beschäftigt. „Je nach Belastbarkeit, die vom Job-Center gemeinsam mit dem zuständigen Sozialarbeiter bestimmt wird”, erklärt Ulrike Hillen, zuständige Sozialarbeiterin bei Spectrum. „Es wird berücksichtigt, ob die Frauen drogenabhängig sind, einen Migrationshintergrund haben, Alkoholikerinnen oder ob ihre Familienverhältnisse kompliziert sind”, erläutert Hillen.

Zurzeit werden mehrere Frauen bei Spectrum, meist drei Stunden täglich, beschäftigt. Sie schmücken Blumentöpfe aus Ton mit Servietten. Dazu werden einlagige Serviettenblätter auf die Töpfe geklebt. In die werden Gewürzsamen gepflanzt. Wenn Schnittlauch und Co. gewachsen sind, werden sie in der Caritasküche eingesetzt. In den Handel gehen die Blumentöpfe nicht.

Kollekten kommen Arbeitslosenprojekten zugute

In den katholischen und evangelischen Kirchen sind in den Samstags- und Sonntagsgottesdiensten an diesem Wochenende die Kollekten für die kirchlichen oder kirchennahen Arbeitslosenprojekte bestimmt.

Im vergangenen Jahr kamen 20.000 Euro bei der Solidaritätskollekte zusammen. „Geld, das wir brauchen, weil wir die Arbeitslosen sonst nicht mehr betreuen betreuen können”, sagen Bernhard Preuß und Corinna Bornscheuer-Heschel. „Unsere Projekte sind dringend auf das Geld angewiesen.” Das Bistum Aachen investiert jährlich 380.000 Euro, zusätzlich werden 50.000 Euro an Spenden eingenommen.

Weil das Kirchensteueraufkommen im vergangenen Jahr höher ausgefallen ist, hatte sich der Kirchensteuerrat des Bistums Aachen entschieden, eine weitere - einmalige - Finanzspritze über eine halbe Million Euro zu bewilligen.

Die Kirchen bitten um Spenden; Konto-Nr. 10 50 74, BLZ: 380 601 93, Pax-Bank Aachen. Die Spenden können steuerlich geltend gemacht werden, wenn das auf dem Überweisungsträger vermerkt ist.

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