„Zeitsprünge“: Kleine Funde erzählen alte Geschichten

Von: Martina Feldhaus
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Auswählte Funde aus Aachener Ausgrabungen sind von nun an im Haus Löwenstein zu sehen. Vertreter von Stadtarchiv, Aachener Geschichtsverein, Stadtarchäologie, Kulturamt und RWTH eröffneten gestern die neue Reihe „Zeitsprünge“. Foto: Harald Krömer

Aachen. Eine unscheinbare Scherbe, Reste eines Holzpfahls oder die Überbleibsel eines Werkzeugs – in der Archäologie sind es oft die ganz kleinen Dinge, die Großes bedeuten. So verhält es sich auch mit einem zunächst recht unauffälligen Siegelstempel, der jetzt im Haus Löwenstein am Markt hinter dicken Glasscheiben zu betrachten ist.

Er ist Teil einer Grabung, die bereits in den 80er Jahren auf Gut Melaten stattgefunden hat und die jetzt vom Landschaftsverband Rheinland neu aufgearbeitet wird.

Ebenso ist das Siegel Teil einer neuen Ausstellungsreihe mit dem Titel „Zeitsprünge“, mit der die Stadt das Warten auf die Eröffnung des Centre Charlemagne etwas verkürzen will. „Wir wollen hier wechselnde Einblicke in die reichhaltige Stadtarchäologie geben“, erklärt Thomas Müller, Projektverantwortlicher für die Route Charlemagne, zu der auch das Haus Löwenstein gehört. „Denn die hat viel mehr zu bieten, als wir später am Katschhof zeigen können.“

Alle zwei Monate soll deshalb von nun an ein interessanter Fund gezeigt werden, der entweder aus einer ganz aktuellen Ausgrabung stammt oder aber aus einer älteren, die im Augenblick aufbereitet wird. Zu letzteren gehört auch der Fund, der den Auftakt der Reihe macht – das kleine Siegel, das auf dem Friedhof Melaten in einer Gürteltasche gefunden wurde, die an einem noch gut erhaltenen Skelett hing.

Keine Erkrankung an Lepra

„Mutmaßlich ist der Mann 50 bis 60 Jahre alt geworden und lebte im 13. oder 14. Jahrhundert“, erklärt Stadtarchäologe Andreas Schaub. „Anhand des Siegels wollen wir nun herausfinden, wer er war und warum er neben der ehemaligen Leprastation begraben wurde.“ Eine Erkrankung an der mittelalterlichen Seuche jedenfalls konnten die Forscher – der Medizinhistoriker Professor Egon Schmitz-Cliever fand in den 70er Jahren die ersten Gebeine auf Gut Melaten – bereits ausschließen.

Genaueres will nun Dietmar Kottmann herausfinden. Der pensionierte Jurist ist Schriftführer im Aachener Geschichtsverein und Vorsitzender der Laurensberger Heimatfreunde und als solcher sehr interessiert an der Historie seiner Stadt. Und er hat den Text auf dem Siegel weitestgehend entziffert. So sei darauf etwa „de wavre“ zu lesen. Kottmann: „Das könnte auf den Ort ‚Wavre‘ in der Wallonie hindeuten.“

Weitere Hinweise führten zum Adelsgeschlecht von Johann I., Herzog von Brabant. „Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Siegel direkt neben einem Skelett liegt. Die Chancen stehen deshalb sehr gut, dass wir herausfinden, wer der Mann war und wie er sich in Aachens Stadtgeschichte einfügt.“

Es sind genau solche Geschichten, die aus oftmals kleinen Funden entstehen, die Kottmann, Schaub, Müller und andere Beteiligte mit der „Zeitsprünge“-Reihe erzählen wollen. So wollen sie die Arbeit der Archäologen bürgernah erklären. Das geht selbstverständlich nicht nur mit einem einzigen kleinen Exponat, das in einer Vitrine gezeigt wird.

Auch Erklärtafeln – im Falle des Siegels zur Melatener Leprastation und dem dazugehörigen Lepra-Friedhof – sollen jeweils über die Funde und ihre Zusammenhänge aufklären. Die Aachener Stadtgeschichte sei spannend und umfangreich, erklärte Stadtdirektor Wolfgang Rombey. „Diese Ausstellung im Haus Löwenstein ist eine weitere Möglichkeit, von ihr zu erzählen.“

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