Zähne retten hoch oben im Himalaya

Von: Martina Rippholz
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Der Norden Indiens haben es ih
Der Norden Indiens haben es ihnen angetan: Die Aachener Ärzte Rainer Lezius und Claudia Weber unterstützen in der Region Zanskar die Einheimischen bei der medizinischen Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Doch, Zahnbürsten habe es schon gegeben in Sani, knapp 4000 Meter über dem Meeresspiegel im Himalaya. Sie seien von der indischen Zentralregierung per LKW in die Region Zanskar geliefert worden - als Gesundheitsprophylaxe für die nördlichen Randbezirke des Landes.

„Aber das sei auch so ziemlich alles, was den Menschen dort an zahnmedizinischer Vorsorge und Versorgung zur Verfügung stand”, erzählt Rainer Lezius. „Wenn ein Zahn schmerzte, schüttete man oft einfach Batteriesäure drauf, bis der Nerv tot war.”

Solche Horrorgeschichten gehören - zumindest in dem 900 Seelendorf - der Vergangenheit an. Dank dem Allgemeinmediziner Lezius aus Aachen und anderen Ärzten aus der Region und NRW. Sie gehören dem Aachener Förderverein Sani Zanskar an und haben in einem neuen Projekt vor gut eineinhalb Jahren eine tragbare Zahnarzteinheit in den Himalaya gebracht. Es ist ein robuster Koffer mit Bohrer, Sauger, Ultraschall und Aushärtungslampe für die Grundversorgung am Zahn. „So einer wird auch auf der Polarstern, dem deutschen Forschungsschiff in der Antarktis, benutzt”, erklärt Lezius aus eigener Erfahrung als Antarktis-Schiffsarzt. Mit dieser mobilen Einheit versorgten auch im Sommer dieses Jahres wieder deutsche Zahnärzte zwei Wochen lang die Bergbewohner an der Grenze zu Tibet.

Zu ihnen gehörte auch Claudia Weber aus Aachen. Gemeinsam mit den Kollegen unterrichtete sie Kinder und Erwachsene im richtigen Umgang mit der Zahnbürste. „Das funktionierte in Form eines kollektiven Zähneputzens”, erzählt die Ärztin. „An Modellen haben wir außerdem gezeigt, was Karies ist und wo Zahnschmerzen eigentlich her kommen.” Neben den Schulungen behandelten Weber und die anderen Kollegen die Bewohner aus Sani und den umliegenden Dörfern auf einem Zahnarztstuhl, den ein mitreisender Schreinermeister vor Ort gezimmert hat. Vor allem aber gaben die deutschen Zahnärzte ihr Wissen weiter an die einheimischen Mediziner, die sogenannten Amchis.

Begegnung auf Augenhöhe

„Die Amchis behandeln nach der alten tibetischen Medizin”, erklärt Rainer Lezius. „Das funktioniert sehr gut bei chronischen Krankheiten. Aber effektive Zahnbehandlungen gibt es bei ihnen nicht.” Deshalb wollen die deutschen Mediziner ihren indischen Kollegen helfen. Aber nicht, indem sie den Amchis einfach ihre westliche Medizin aufdrücken. Darauf legt Lezius großen Wert: „Wir begegnen uns auf Augenhöhe und lernen voneinander.”

Nur bei der Zahnheilkunde sind die Amchis - in Sani gibt es zwei von ihnen - in der Schülerrolle. Sie lernen bohren, betäuben, Zähne ziehen und Füllungen machen. Lezius: „Darin sind sie unglaublich geschickt”. Doch auch der Allgemeinpraktiker, Zahnärztin Weber und die anderen weiten ihren Horizont, lernen Kräuterkunde und die sanft wirksame, traditionelle Medizin der Amchis kennen. Jeden Sommer findet dieser Austausch auf 4000 Metern Höhe statt, unter anderem auch in den Bereichen Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Möglich wurde all dies durch die Einbindung der Architekturfakultät der RWTH Aachen in das Hilfsprojekt. Im Sommer 2007 errichteten Studenten und Lehrende unter Leitung von Professor Jo Ruoff vor Ort ein Null-Energie-Haus, das als Mehrzweckgebäude dienen sollte. Es wurde so konstruiert, dass es sich in den Wintermonaten - dann kann es in der Region Zanskar gerne mal minus 40 Grad Celsius kalt werden - durch Sonnenlicht selbst aufheizt. Das Gebäude veränderte das Leben der Dorfbewohner grundlegend. Seither können die Kinder auch in den harten Wintermonaten zur Schule gehen. Denn in dieser Jahreszeit ist die Region monatelang von der Außenwelt komplett abgeschnitten. Im Winter dient das Null-Energie-Haus als Schule, im Sommer auch als Krankenstation - für Lezius, Weber sowie ihre deutschen und indischen Kollegen.

Sani ist für Rainer Lezius mittlerweile zu einem zweiten Zuhause geworden. Mitte der 90er Jahre reiste er erstmals in den Himalaya, auf das Dach der Welt - und verliebte sich in Land und Leute. „Ein derartiges Gefühl von Gemeinschaft, Herzlichkeit und Lebensfreude habe ich noch nirgends sonst erfahren”, sagt der Aachener Arzt. Deshalb reist er jedes Jahr nach Zanskar, nimmt eine beschwerliche Anfahrt auf sich, um sich dann wie „in eine vergessene, aber irgendwie auch bessere Welt versetzt” zu fühlen. In Sani sind Plumpsklos Standard, die Menschen leben mit Nutztieren in einem Haus. „Wenn wir dort sind, leben wir bei den Bewohnern, ein Gästehaus oder so etwas gibt es nicht”, erzählt Lezius. „Daran muss man sich erst gewöhnen.”

Wie sehr sich dieser Verzicht lohnt, merkt der Arzt aber immer aufs Neue. Neugierig erlernen die Amchis die Zahnmedizin aus dem Westen und die Menschen lassen sich bereitwillig behandeln. Langfristig soll all das ohne deutsche Hilfe funktionieren. „Das wird gar nicht mehr so lange dauern”, ist Lezius überzeugt.

Der Verein Sani Zanskar will die medizinische und schulische Versorgung in dem nordindischen Dorf Sani und der Region Zanskar unterstützen. Der Verein betreut Schüler-Patenschaften, sorgt für die Finanzierung einzelner Projekte des Partnervereins vor Ort und unterstützt den Betrieb einer Krankenstation (Bild: zwei Frauen nach der Zahnarzt-Behandlung) sowie einer Winterschule.

Weitere Informationen über Schüler-Patenschaften, Spendenmöglichkeiten und das neue Müllentsorgungsprojekt gibt es beim Förderverein Sani Zanskar, Goethestraße 29 in Aachen, Telefon 0241/1899880, mail@sani-zanskar.de
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