Wie ein Weihnachtsmärchen: Kirche wird saniert

Von: Werner Czempas
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1885 erbaut: Die doppeltürmige Kathedrale, Hauptkirche der katholischen Christen im Erzbistum Sarajevo, wird dank Unterstützung aus Aachen restauriert.

Aachen. „Das ist wie Weihnachten!” Wenn Pfarrer Heribert August von der Gemeinde St. Gregor von Burtscheid voller Freude und mit strahlenden Augen erzählt, ist seine Geschichte gefühlt noch viel mehr: wie Weihnachten, Neujahr, Ostern, Geburtstag und Ferien zusammen. Ein Weihnachtsmärchen aber, das wahr wird.

Es spielt im fernen Sarajevo, 1600 Kilometer weit weg von Aachen. Die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina ist dem 63-jährigen Pfarrer „ein zweites Zuhause” geworden. Vor 34 Jahren lernte er durch den jungen Priester Marco Josipovic aus Sarajevo die bosnische Stadt, das Land und seine Menschen kennen und lieben. Jahre später, im Balkankrieg in den 90er Jahren und als Sarajevo von den Serben eingeschlossen war, organisierte er große Hilfstransporte an Lebensmitteln und Kleidung von Aachen ins Kriegsgebiet - „für alle Menschen ungeachtet ihrer Religion”. Stadt und Domkapitel dankten es ihm: 2003 wurde Heribert August zum Domherrn der Kathedrale von Sarajevo berufen.

Als der Priesterfreund Marco im Sommer 2009 im Sterben lag, eilte Heribert August zu ihm. Das Herz war ihm schwer und betend saß er in der Kathedrale. In diesen Tagen des Betens und bedrückten Wanderns durch die Stadt machte ihn nicht nur der nahe Tod des Freundes traurig.

So prächtig ringsum die Moscheen und orthodoxen Kirchen, nach den Zerstörungen des Krieges mit serbischem Geld und Ölmillionen aus arabischen Ländern wunderschön wieder aufgebaut. Allein „sein” Dom, die 1885 erbaute doppeltürmige Kathedrale, Hauptkirche der katholischen Christen im Erzbistums Sarajevo, war nach den Kriegsschäden äußerlich zwar wieder hergestellt, bot im Inneren aber immer noch einen beklagenswerten Anblick.

Was der Domherr aus Aachen sah, stimmte ihn noch düsterer. Es machte ihn auch „ein bisschen wütend”. Er klagte über den unwürdigen Zustand der Kathedrale: „Mein Gott, was geben wir Christen für ein Bild ab? Es kann doch nicht wahr sein, dass wir nicht die Kraft finden und es nicht schaffen, die letzte große Kirche an der Schnittstelle zum Islam in einen ordentlichen Zustand zu versetzen und damit ein würdiges Bild des Christentums abgeben.”

Spontan nahm Heribert August sich vor, sich nach seiner Rückkehr nach Aachen um die Instandsetzung der Kathedrale und um den Erhalt der historischen Gestalt ihres Innenraums zu kümmern. „Damit sie wieder ein Schmuckstück in der wieder erstandenen Touristenstadt sein wird”, hoffte er. Ihm war sonnenklar, dass Kirche und Handwerk in Sarajevo wegen der viel drängenderen anderen Aufbauarbeiten überall in der geschundenen Stadt nicht auch noch diese Aufgabe schultern konnten, weder finanziell noch fachlich.

Wie aber den Entschluss daheim umsetzen? Wie geht man so ein Projekt an? Wen fragen? Welcher Architekt unterstützt, welcher Kunstexperte rät? Was kostet das? Wer, wo, was, wann, wie - tausend und mehr Fragen.

Das Weihnachtsmärchen nimmt seinen Lauf. Bei einem städtischen Empfang steht der Burtscheider Pfarrer plötzlich vor Dieter Philipp, dem Präsidenten der Handwerkskammer Aachen, Malermeister, bundesweit renommierter Fachmann für Kirchen-Restaurierungen, mehr als 100 Gotteshäuser hat die Aachener Firma Philipp restauriert. Im richtigen Augenblick ein Wink des Schicksals oder, für den Priester, ein Fingerzeig Gottes: „Es war wie ein Tack von oben, wie ein Blitz, ich musste ihn einfach ansprechen.” Heribert August erzählt von seinen Sarajevo-Sorgen. Auf der Stelle sagt Dieter Philipp Hilfe zu.

Seitdem ist das Projekt in voller Fahrt. August und Philipp fliegen mehrmals gemeinsam nach Sarajevo, sichten die Schäden, lassen Gutachten erstellen, Zeichnungen fertigen, sie kramen in alten Unterlagen über den ursprünglich sehr kunstvoll gestalteten Innenraum, der Aachener Freund und Architekt Franz Lobs untersucht die Bausubstanz und findet die Kathedrale „baulich in gutem Zustand”, die Burtscheider Elektrofirma Anton Beckers engagiert sich.

Ein Philipp-Meister steuert mehrere Tage im Monat die Arbeiten vor Ort, fünf Farbschichten müssen entfernt und die alten Originalfarben wieder hervorgeholt werden. Der Aachener Malerbetrieb hat in Sarajevo einen Kooperationspartner aufgetan, Experten weisen die Arbeiter ein, aber „machen sollen die selber”, sagt Dieter Philipp. Heribert August ergänzt: „So erreichen wir, dass Arbeitsplätze vor Ort entstehen und sich die Handwerker weiterqualifizieren.”

Für Handwerkskammerpräsident Dieter Philipp ist die wiederentdeckte „Malerei in dieser Kirche integraler Bestandteil der Architektur”. Die Restaurierung sei das „Schaffen von örtlicher Identität und ein Aufzeigen der christlichen Wurzeln eines Teiles der Stadt”. Wenn von christlichen Wurzeln die Rede ist, gehört diese Zahl dazu: „In Sarajevo leben nur noch sieben Prozent Katholiken”, weiß Pfarrer August.

Alles Zupacken der vielen helfenden Hände aus Aachen und Sarajevo könnte nicht geschehen, wäre nicht die bemerkenswerte Spendenbereitschaft in der Bevölkerung. In seiner eigenen Pfarre St. Gregor von Burtscheid und in der Pfarrgemeinde Mönchengladbach-Hardt, der Stätte seiner früheren Kaplans-Tätigkeit, schlägt Heribert August eine außergewöhnliche Hilfsbereitschaft entgegen. Die eigene Familie, Freunde, Bekannte, Pfarrmitglieder, Banken und Firmen spenden und spenden. Rund 300.000 Euro wird die Restaurierung der Kathedrale kosten, sage und schreibe 200.000 Euro hat Pfarrer August schon beisammen, seitdem er im Sommer 2009 begann, für seinen Dom zu sammeln. „Wir schaffen das”, ist der Domherr zuversichtlich.

In diesen Tagen steht die Kathedrale im Inneren voll eingerüstet. Ende 2011 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Im Frühjahr 2012 könnte die Kathedrale im neuen Glanz eingeweiht werden. „Für das Erzbistum Sarajevo gibt es kein schöneres Weihnachtsgeschenk als der Beginn der Restaurierung. Ich bin dem lieben Gott dankbar, dass so etwas möglich ist”, sagt ein demütiger Heribert August.

Dankbar zeigte sich auch Papst Benedikt. Auf Initiative des Bistums Sarajevo zeichnete er den Burtscheider Pfarrer mit einer hohen geistlichen Würde aus. Der Heilige Vater ernannte Heribert August zum Prälaten. Der „Ehrenkaplan seiner Heiligkeit” kann seitdem den Titel Monsignore führen - eine Auszeichnung, die es in den vergangenen 25 Jahren in Aachen nicht mehr gegeben hat.

Spenden erwünscht

Pfarrer Heribert August hofft auf weitere Spenden für sein Projekt. Wer bei der Restaurierung der Kathedrale von Sarajevo helfen möchte, kann das unter folgenden Konten tun: Sparkasse Aachen 1070527500 (Bankleitzahl 39050000) und Aachener Bank 468468468 (BLZ 39060180); Kennwort: „Sarajevo”.
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