Aachen - Westspiel Poker Tour: Mit Kapuzenpulli zum kleinen Vermögen

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Westspiel Poker Tour: Mit Kapuzenpulli zum kleinen Vermögen

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
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Der Direktor trägt Anzug, die Spieler meist Kapuzenpullis oder etwas ähnlich Bequemes: Thomas Salinger legt bei der diesjährigen Westspiel Poker Tour im Casino Aachen großen Wert auf den „Wohlfühlcharakter“. Fotos (3): Rolf Hohl Foto: Rolf Hohl
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Marleen Wenthe ist als Dealerin der personifizierte Glücksfaktor beim Poker: Mit einer Handbewegung ist sie Glücksfee und Pechmarie zugleich.

Aachen. Karten in der Hand, Kapuze überm Kopf und ganz viel Kohle im Visier: 391 Hobbyspieler ermitteln bis zum Sonntag den Sieger der Westspiel Poker Tour 2014 (WSPT) im Casino Aachen. Dem Sieger winken mit einem Einsatz von 1100 Euro exakt 105.000 Euro – nach gut 40 Stunden Kopfarbeit im Sitzen. Kenner der Szene berichten über Können, Kontrolle und den Wohlfühlcharakter.

„Pokern hat mit Verruchtheit schon lange nichts mehr zu tun. Es ist ein Unterhaltungsangebot, wie viele andere auch“, beantwortet Casino-Direktor Thomas Salinger die Image-Frage des in den USA populär gemachten Kartenspiels. Salinger will das Pokern mit der erstmaligen Austragung des deutschlandweit höchst dotierten Turniers – insgesamt ist es die neunte Auflage – am Standort Aachen weiter etablieren.

Strategie schlägt Glück

Und wie steht‘s mit der „Glücksspiel-Frage“? Hier unterscheiden sich seit jeher die Ansichten wie Kreuz und Karo. Aus rechtlicher Sicht liegt der Zufallsfaktor vorne, erfahrene Spieler ziehen hierbei jedoch nicht mit. „Poker ist ein Strategiespiel, kein Glücksspiel“, findet Wolfgang Werny und erklärt: „80 Prozent sind Können, 20 Prozent Glück in Form der zufälligen Startkarten – es liegt an mir, was ich daraus mache.“

Werny muss es wissen. Der 52-Jährige Hobbyspieler darf sich Deutscher Pokermeister 2013 im weit verbreiteten No Limit Texas Hold‘em nennen und spielt, seitdem er sechs Jahre alt ist, jegliche Pokerformen. Talent vereint Werny mit äußerster Diskretion: Über seine monetären Gewinne schweigt er.

Bei dessen Ansicht in der Glücks-Frage pflichtet ihm Josef Mainz, Leiter des Pokerbereichs im Dortmunder Westspielcasino Hohensyburg und verantwortlich für die WSPT in Aachen, bei: „Fakt ist nun mal, dass nicht wenige vom Pokern leben. Das zeigt, dass es qualitative Unterschiede gibt.“ Je anspruchsvoller die Pokervariante werde, ergänzt Mainz, desto geringer falle der Glücksfaktor auf lange Sicht aus. Thomas Salinger findet ebenfalls, dass generell das Glück in die Karten spielen kann oder nicht. Aber insbesondere mit Blick auf mehrtägige Turniere setze sich das Können letztlich durch.

Können und Geschick heißt beim Pokern nicht nur, die Chancen des eigenen Blattes aufgrund der fünf öffentlichen Karten in der Tischmitte richtig einzuschätzen, sondern auch Kontrahenten und die eigenen Emotionen zu kontrollieren. „Das Blatt ist nicht alles entscheidend: Es ist auch viel Psychologie gefragt. Wichtig ist, wie man sich am Tisch verkauft“, meint Salinger, der seit Anfang des Jahres Direktor des Casino Aachen ist. Leichte Provokationen, um zu erzwingen, dass jemand am Tisch seine Linie verlässt und verunsichert wird, gehören ebenso zu den Tugenden eines Pokerspielers wie das „Lesen“ der Körpersprache – ein dicker Kapuzenpulli, Kopfhörer und eine Sonnenbrille sollen dem entgegenwirken.

„Mit entsprechender Kleidung wollen viele ihre Emotionen verbergen. Sie wollen wenige Signale abgeben“, begründet Salinger, warum breite Kapuzenpullis oder leichte Sweatshirtjacken mit hohem Kragen mit einer Sonnenbrillen-Kopfhörer-Kombination zu den beliebten Outfits am Tisch zählen. Geschulte Blicke entnehmen beispielsweise der Halsschlagader, dem Herzschlag oder dem Augenkontakt wichtige Informationen über den „Wahrheitsgehalt“ der Spielweise eines Spielers.

Hinsichtlich der Kleiderwahl hebt sich das Genre Poker wie in der zwiegespaltenen Glücksfaktor-Thematik von den üblichen Casinoangeboten ab. Um einen Dresscode, der üblicherweise mindestens ein Jacket und „angemessene“ Garderobe bei den Männern vorgibt, muss sich im Casino Aachen niemand Gedanken machen. Stichwort: Wohlfühlcharakter.

„In allererster Linie müssen sich die Gäste wohlfühlen, daher wollen wir niemanden reglementieren – sonst hat keiner mehr Spaß“, so Salinger, für den die Verweildauer von bis zu zehn Stunden am Tisch hierbei maßgebend sei. Auch sollen Masseurinnen mit Kissen und gekonnten Handgriffen für ein positives Befinden der Spieler sorgen. Davon sollen auch jene am Tisch profitieren, die mit wenigen Handbewegungen – selbstverständlich ungewollt – über Glücksfaktor, Blattstärke und Chancen auf den Hauptgewinn entscheiden: die Dealer oder Dealerinnen.

WSPT-Kartengeberin Marleen Wenthe weiß, dass sie mit einer Aktion von der Glücksfee zur Pechmarie avancieren und indirekt einen „Pott“ – so heißt der Berg an Spielchips in der Mitte einer jeden Spielrunde – entscheiden kann. Emotionale Reaktionen der Spieler lassen sie daher kalt. „Man braucht zwar ein dickes Fell, man sollte aber nie etwas persönlich nehmen“, lautet die Devise der 24-Jährigen, „denn für einen verlorenen Pott und die Stimmung der Spieler können wir natürlich nichts.“

Drei Wochen dauert die Ausbildung zur Dealerin, erklärt Wenthe, die mit dem erhaltenen Schein gerne auch mal auf einem Kreuzfahrtschiff die Karten geben möchte. Auch mal in Las Vegas, dem Mekka für jeden Pokerbegeisterten? „Lieber Macao“, antwortet sie direkt, „Asien finde ich interessanter – und es soll dort krasser sein als in Vegas.“ Wenngleich ihr das „spannende Milieu“ mit „vielen spannenden Menschen“ gefällt, will sie nur übergangsweise im Pokergeschäft mitwirken.

Gerade die „spannenden Menschen“ und der zwischenmenschliche Kontakt halten Wolfgang Werny noch Jahre am Pokertisch. Denn in der Konkurrenz sieht er nicht nur Gegner. Versicherungsfachman Werny denkt pragmatisch: „Jeder, der etwas höher Poker spielt, hat auch das nötige Kleingeld, das ist klar. Und daher lassen sich hervorragend geschäftliche Kontakte knüpfen.“

Aachen hat Poker-Zukunft

Aachens Spielbank ist das Stammcasino des Düsseldorfers und wird es auch bleiben – der entscheidende Faktor heißt Thomas Salinger. Der neue Direktor lege den Pokerbetrieb mit seinen vielseitigen Turnier- und Livegame-Angeboten „zukunftsorientiert“ aus.

Die Chancen, dass sich Aachen als gefragter Poker-Standort etabliert, stehen derweil höher, als Wernys Aussicht auf die 105.000 Euro der WSPT 2014. Er ist bereits am ersten Turniertag ausgeschieden. Kein Grund zur Sorge, sagt er: „Pokern ist wie das Leben: Nur wer lernt zu verlieren, lernt zu gewinnen – nicht anders herum.“

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