Aachen - Werke seit 160 Jahren getrennt? Beweis fehlt noch

Werke seit 160 Jahren getrennt? Beweis fehlt noch

Von: Heinrich Schauerte
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Das passt doch: Peter van den Brink, Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums (links), und Kollege David Crombie von der Walker Art Gallery in Liverpool begutachten die einzelnen Teile des von Joos van Cleve gemalten Triptychons. Aber gehören sie wirklich zusammen? Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Nun ja, es gibt wahrscheinlich spannendere Krimis als den von der Museumsleitung angekündigten. Und bestimmt auch solche mit mehr Action. Aber in der Kunst geht es nun mal geruhsamer zu als im Kino.

Trotzdem war die Aufregung mindestens so groß wie bei Kindern vor der Weihnachtsbescherung, als jetzt die Pakete aus Liverpool und Brüssel im Suermondt-Ludwig-Museum ausgepackt wurden.

Darin, klimatisiert und in maßgeschneiderten Schaumstoff gepackt, ruht möglicherweise eine kunsthistorische Sensation: Kann jetzt erstmals nachgewiesen werden, was Experten schon länger vermuten? Gehören die seit mindestens 160 Jahren getrennten Teile zusammen und bilden somit ein aus dem Jahr 1525 stammendes Triptychon des großen Renaissance-Malers Joos van Cleve, auch Leonardo des Nordens genannt?

Fachleute kennen die Argumente, die dafür und dagegen sprechen. Dafür sprechen etwa der abgebildete Fliesenboden, der sich perspektivisch korrekt durch alle Teile zieht, oder eine Balustrade, die auf gleicher Höhe durchläuft. Auch die Landschaft im Hintergrund passt zusammen.

Zweifelhaft erscheinen Skeptikern die Größenverhältnisse der Figuren oder auch die Tatsache, dass ein Deckenbalken in der Mitte fehlt. Ganz zu schweigen natürlich von der Tatsache, dass das rechteckige Mittelteil überhaupt nicht zu den geschwungenen Flügeln passt. Dieses Rätsel konnte aber schon durch Röntgenaufnahmen gelöst werden, die deutlich zeigen, dass die verdächtigen Ecken aus nachträglich angeklebten Holzteilen bestehen. Auch in der Kunst muss man also wie in der Kriminalistik in alle Richtungen ermitteln.

Die Methoden sind dabei gleichermaßen raffiniert und vielfältig. Man kann sich zum Beispiel anschauen, ob sich an den Seiten kleine hochstehende Farbränder finden, die nur dann entstehen, wenn in den Originalrahmen hineingemalt wurde. Das war hier aber gar nicht mehr nötig, denn nachdem der Maastrichter Restaurator Kees Schroeder die Flügel vorsichtig herumgedreht hatte, sah bereits jeder mäßig begabte Heimwerker, dass die Rahmen ohnehin nicht original sein können. David Crombie von der Walker Art Gallery in Liverpool reagierte mit vernehmlichem Stöhnen.

Farbränder waren nicht zu sehen, und es wurde auch schnell klar, dass da massiv geschnibbelt worden war, um das Ganze in den Rahm hineinzuwürgen. „Shocking”, rief Crombie aus, aber er meinte auch: „Wir haben hier die erste Chance, diese Details zu sehen”. „Das ist eine Überraschung auch für mich”, fügte Museumsdirektor Peter van den Brink hinzu, „es sind gute Nachrichten, aber nicht das, was ich erwartet habe.”

Am Ende besagt die Form des Flügels so wenig wie die des Mittelteils, weil beide verändert wurden.

Neue Fragen

Es fielen zwar gewichtige Kontra-Argumente weg, so etwa der fehlende Deckenbalken in der Mitte; der ist offenbar unter der nachträglichen Bemalung der angeklebten Dreiecke verschwunden. Auch die Größe der Figuren stimmt, wenn man die drei Teile zusammensetzt. „Sehr überzeugend”, findet Crombie nun das Ganze. Aber es kamen auch neue Fragen hinzu, so etwa die Tatsache, dass die Balustrade sich zwar genau fortsetzt, aber nicht identisch ist. Kurz wurde auch mal eine „Fälschung aus dem 19. Jahrhundert” ins Spiel gebracht. Am Ende ist aber klar, dass die Teile zusammengehören müssen, es sei denn, es gäbe zwei minimal unterschiedliche Versionen der Altartafeln.

Aber wie die Kriminalistik mit ihrer neuen Wunderwaffe DNA haben auch die Kunsthistoriker immer noch ein ultimatives Argument gegen Fälscher, zumindest solange die so dumm sind, auf Holz zu malen: die Dendrochronologie. Wenn man damit etwa zeigen kann, dass alle drei Teile von demselben Baum stammen, ist das schon ein ziemlich starker Beweis. Den soll ein Spezialist aus Hamburg nun eventuell noch antreten. Zur Ausstellungseröffnung am 16. März kann man sich aber erst einmal an einem einzigartigen Kunstwerk erfreuen, das jetzt erstmals seit langer Zeit wieder vereint ist.
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