Wenn der Stadtführer in die Irre führt

Von: Werner Breuer
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Rote Karte für Fake News: Stadtführer Björn Wickmann streut in seine korrekten Erklärungen über den Elisenbrunnen auch ein paar Aussagen ein, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Wenn er dann die Teilnehmer fragt, ob sie ihm das abnehmen, müssen sie Farbe bekennen. Foto: Heike Lachmann
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Ein Denkmal für den Klenkes: Was hat Kaiser Barbarossa mit dem Öcher Gruß zu tun? Foto: Heike Lachmann
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Themenführung "Wirklich wahr" mit Herrn Wickmann--mit schwarzer Jacke

Aachen. Können diese Augen lügen? Aber hallo, das ist ja gerade der Job von Björn Wickmann. Und die Leute kommen eigens, um sich von dem Stadtführer einen Bären aufbinden zu lassen. Die sogenannte Lügenführung des „aachen tourist service“ (ats) werde gut angenommen, sagt Wickmann. Dann wollen wir das mal glauben.

Immerhin zehn Teilnehmer haben sich an einem lauen Sommerabend am Elisenbrunnen eingefunden, um sich von Wickmann in die Irre führen zu lassen. Zumindest gelegentlich, denn der Mann erzählt nicht nur Unsinn. Wahrheitsgemäß erklärt er den Touristen aus dem Süden Deutschlands, den drei Studenten und auch dem bekennenden „Öcher Mäddche“, welche Rolle das Wasser in Aachen spielt und warum es in der Rotunde des Elisenbrunnens so heiß aus der Leitung kommt.

Als Kind hat Wickmann es mal getrunken, weil seine Grundschullehrerin damals meinte, jeder Aachener sollte es mal probiert haben. Eingebracht hat ihm das erstens die Erkenntnis „lecker ist relativ“ und zweitens die Qualifikation zum Lügenführer. Denn der studierte Historiker hat in jungen Jahren von der Grundschullehrerin viel erfahren über die Geschichte seiner Stadt und ihre Sagen und Legenden.

Neubürger und Eingeborene

Trotzdem erzählt er zwischendurch allerhand Strunx über den Elisenbrunnen. Bei seiner alten Lehrerin käme er wohl kaum damit durch, aber in seiner gemischten Gruppe nehmen es ihm einige ab. „Wahr oder falsch?“, fragt Wickmann, nachdem er seinen Zuhörern ein paar wohlklingende Namen und erstaunliche Zahlen an den Kopf geworfen hat. Alice Minet, die aus Karlsruhe zum Studium nach Aachen gekommen ist, tendiert noch zögerlich zur grünen Karte, die für „wahr“ steht. Hingegen zeigt eine waschechte Aachenerin entschieden die rote Karte. „Ist aber doch eine schöne Geschichte“, räumt Wickmann schelmisch lächelnd ein.

Allerhand solcher Geschichten haben sie sich damals beim ats einfallen lassen, seit etwa einem Jahr gehen sie damit auf Tour. Das reize Einheimische ebenso wie auswärtige Besucher, erzählt Wickmann. Den Unterschied erkennt er schnell. „Man merkt, wer aus Aachen kommt.“ Dennoch sind auch die Eingeborenen nicht davor gefeit, ihm auf den Leim zu gehen.

Das Öcher Mäddche gerät immerhin ins Grübeln über Wickmanns Erklärung des Klenkes. Dass sich der abgespreizte kleine Finger als Aachener Gruß etabliert habe, führt der Stadtführer auf Kaiser Barbarossa zurück, der auf dem Weg nach Aachen vom Pferd gefallen sei ... Hand verbunden, kleiner Finger nicht ... damit winkend vor den Öchern ... „die fanden es lustig und machten es fortan nach“.

Die Aachenerin lässt sich irritieren von den vielen historisch gesicherten Fakten, die Wickmann in seinen Vortrag einbaut. „Das habe ich nachgelesen, das stimmt.“

Und so geht es weiter entlang der kleinen Metallplatten mit dem Karlssiegel, die auf dem Boden der Verlauf der Route Charlemagne markieren. Einzelne Plättchen zeigten, wo es langgehe, drei wiesen darauf hin, dass es etwas zu sehen gebe, und wenn zwei auf dem Boden pappen, „ist das dritte geklaut“, erklärt Wickmann.

Da möchte man schon wieder das grün/rote Kärtchen zücken, dabei gehört diese Geschichte gar nicht zum Quiz. Der Stadtführer unterscheidet penibel zwischen korrekter Stadtgeschichte und eingestreuten Fake News: Nur wenn Wickmann einen rausgehauen hat, fragt er sein Publikum nach „wahr oder falsch“, den Rest kann man ihm getrost abnehmen.

Dennoch guckt Alice Minet ungläubig, als Wickmann von den Haus- und Hoftieren Karls des Großen erzählt. Ein Elefant? Klar doch, gelernte Öcher kennen die Geschichte von Abul Abbas. Aber als der Stadtführer weitere Exoten ins Spiel bringt, zeigt ihm seine Gefolgschaft mehrheitlich die rote Karte. Spaß an dem Quiz hat auch Renate Golz. Dabei ist die Goldschmiedin aus Frankfurt eher wegen der Kunstschätze nach Aachen gekommen. Die Lügenführung macht sie mit „weil man doch viel über die Stadt erfährt“.

Bekannte Dombaulüge

Zum Beispiel auch, dass sie lügt. Die Dombausage, die Wickmann in flapsiger Kurzfassung erzählt, ist so bekannt, dass trotz Teufelspakt und Lousberg-Fake niemand eine rote Karte zückt. Stattdessen gibt es am Ende der knapp zweistündigen Tour reichlich Applaus von den Teilnehmern, weil Wickmann sie so schön belogen hat. Die Frankfurterin Renate Golz fragt ihn noch nach dem Weg zur nächsten Haltestelle der Buslinie 33, und Wickmann schickt sie zum Elisenbrunnen. Über den hatte er zuvor so viel Blödsinn erzählt, dass man misstrauisch werden könnte. Aber die Linie 33 hält da wirklich.

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