Wenn der Prinz kommt, ist Lachen die beste Medizin

Von: Georg Dünnwald
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Eine Patientin, die gut aufgelegt war. Voller Freude sang sie aus vollem Hals mit dem „Dottore“ des Hofstaats Karnevalslieder und fragte Prinz Bernd I., ob er denn auch das Lied „Eämoel Prenz ze siie“ singen können. Der Prinz konnte. Foto: Ralf Roeger
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Hier ein Küsschen, da ein Küsschen: Berührungsängste kennt dieser Öcher Karnevalsprinz nicht. Die Patienten dankten es mit einem Strahlen.

Aachen/Würselen. „Das Sterben gehört zum Leben. Hier im Hospiz wird auch herzlich gelacht“, sagt Inge Nadenau, die Leiterin des Hospizes im Haus Hörn. „Deshalb ist es auch toll, dass uns der Karnevalsprinz und sein Hofstaat besuchen“, kommentiert sie, auch wenn sie sich selbst als „Nichtkarnevalistin“ bezeichnet. Am Sonntagnachmittag besuchte der Aachener Karnevalsprinz Bernd I. (Marx) mit seinem Hofstaat drei Palliativstationen.

„Diese Termine gehen mir sehr zu Herzen“, gesteht die Tollität. Denn sterbenskranke Menschen warten auf ein wenig Jecksein, auf alte Lieder, zu denen geschunkelt und gelacht werden kann. Der „Dottore“ des Hofstaats, der Palliativmediziner Dr. Wilhelm Flosdorff, hat die Tour durch zwei Krankenhäuser und das Hospiz Haus Hörn organisiert.

„Extra wegen uns...“

„D‘r Prinz kütt“ ist in großen Lettern auf dem Zettel am Eingang zur Palliativstation geschrieben. Totkranke Menschen warten im Krankenhaus Marienhöhe in Würselen auf die Öcher Tollität und ihren Hofstaat. Sie sind gespannt, aufgeregt und voller Erwartungen, die auch voll und ganz erfüllt werden. „Extra wegen uns kommt der Prinz“, sagt eine Patientin leise. Sie überlegt, ob der Aachener Narrenherrscher auch ein paar Öcher Leddcher singen kann. Punkt drei Uhr am Nachmittag ertönt Musik. Der Harlekin des Prinzengefolges, Manfred Vallet, kann so gut wie alle Öcher Leddcher auf dem Quetschbüll (der Ziehharmonika) spielen. Im etwas zu engen Flur sitzen die Patienten in bequemen Stühlen. Sie haben ein Strahlen in den Augen. Und singen gerne mit. Der Hit des Nachmittags ist zweifelsohne das Lied der 3 Atömchen „Wo ­weärpe Dich de Engelcher de Klömpcher ejjene Schueß?“. Klar, dass auch „Vür sönd allemoele Öcher Jonge“, Vür sönd va Oche“ und „De Frau Timm, met d‘r Möpp än mit d‘r Mimm“ ganz oben rangieren. Dr. Flosdorff hat eigens einen A-cappella-Chor „engagiert“. Barbara Jouck, Gudrun Flosdorff, Michael Bentenackels, Stephan und Stephanie Eckert singen a cappella „Ming Oche“, der Textdichter ist immerhin Hein Engelhardt. Er hat auch die Platt-Version von „Der Mond ist aufgegangen“ geschrieben. Ein Lied, das ebenfalls gut ankommt. Den Patienten laufen vor lauter Rührung Tränen über die Wangen. Die meisten lassen es sich nicht nehmen, mitzusingen, mit den Beinen zu wippen oder einfach nur die Lippen zu bewegen, wenn sie zu schwach sind oder die Texte nicht kennen.

Prinz Bernd I. kennt keine Berührungsängste. Er geht auf die Kranken zu, er umarmt sie, er verteilt Orden. Das macht so manchen Sterbenskranken stolz. Und wenn der Orden neben ihm im Bett liegt. Im Krankenhaus Marienhöhe ist nach gut einer guten Dreiviertelstunde Schluss. Noch ein paar Püffelchen, noch eine Tasse Kaffee, dann müssen der Prinz und sein Tross weiter.

Weiter zum Aachener Uniklinikum. Dort ist der frühere Kindergarten zur Palliativstation umgebaut worden. Nach und nach erscheinen die Patienten, sie werden in Rollstühlen geschoben oder von Pflegerinnen und Pflegern gestützt. Und genau wie in Würselen sind Patienten und Personal Feuer und Flamme. Eine ältere Dame kommentiert: „Wenn dat d‘r Prinz is, dann muss deä auch ‚Eämoel Prenz ze siie‘ singen.“ Die Tollität lässt sich nicht lumpen, sie und ihr Hofstaat sind ausgezeichnet textsicher. Und die Dame klatscht begeistert den Takt, wippt mit ihren Beinen, hebt die Hände in die Höhe, ihr Gesicht strahlt, sie feiert gerne Fastelovvend.

Einige der Patienten sind so krank, dass sie in ihren Zimmern bleiben müssen. sie sind bettlägerig. Also gehen der Prinz und sein „Dottore“ in die Zimmer, unterhalten sich mit den Totkranken, die befreit lachen, als sie den Öcher Narrenherrscher sehen.

Selbstverständlich wussten die Kranken, dass die Tollität kommen wird. Also sitzen einige ordensgeschmückt in ihren Stühlen. Orden, die sie von prinzlichen Vorgängern des amtierenden Prinzen bekommen haben. Aber auch Orden von ihren Heimatvereinen tragen sie.

Es geht weiter zum Haus Hörn. Im Hospiz warten schon die Jecken. Es gibt frittierte Apfelberliner. Eloquent und respektvoll stellt Bernd I. sich und seinen Hofstaat vor, so wie er es in den beiden Krankenhäusern auch schon getan hat.

„Tapfere Menschen“

Die Atmosphäre im Haus Hörn ist sehr locker. Von Beginn an haben Boris Bongers, der Karnevalsprinz des Jahres 2006 und sein damaliges Hofstaatsmitglied Udo Dümenil, die Prinzendelegation begleitet. Boris Bongers hatte sich während seiner „Amtszeit“ besonders für die Hospizarbeit eingesetzt, jetzt ist er zweiter Vorsitzender des Kuratoriums der Hospizstiftung Region Aachen. Er kennt die Hospizarbeit und setzt sich ein, ebenso wie der jetzige Prinz, der mit seinem „Dottore“ Flosdorff den Sachverstand in eigenen Reihen hat. Flosdorff unterhält eine eigene Praxis und arbeitet auch für Home Care, eine Organisation, die sterbenskranke, dem Tod geweihte Patienten in ihren Wohnungen betreut.

Auch im Haus Hörn wird herzlich gelacht und viel gesungen. Eine Patientin hat zwei Plüschaffen auf ihrem Schoß sitzen, im Takt bewegt sie die Arme der Affen auf und nieder. Udo Schiffers, das „Schängche“ aus dem Hofstaat, macht mit seiner Schängche-Puppe die Runde. Er lässt sein Alter Ego aus Holz die Wangen der Kranken streicheln oder ihnen die Hand geben. Freudentränen fließen dabei. Auf allen Palliativstationen wird kräftig „Oche Alaaf“ gerufen. Das kommt von Herzen, sowohl bei Prinz Bernd I. und seinem Gefolge, als auch bei Patienten und Pflegekräften. Es ist ein befreiendes „Oche Alaaf“, ein jecker Schlachtruf, den die Patienten seit ihrer Kindheit kennen und schätzen. Im Uniklinikum seufzt eine ältere Dame beim Abschied: „Das war ein schöner Tag.“ Und auch der Prinz zeigt sich beeindruckt. „Tapfere Menschen sind das“, kommentiert er. Einige seiner Hofstaatsmitglieder scheinen allerdings froh zu sein, als die Tour ein Ende nimmt.

„Wichtig für die Patienten“

Denn Hospize und Palliativstationen zu besuchen kann für manch gesunden Menschen schon ziemlich bedrückend sein. Dr. Flosdorff sagt: „Die Besuche waren ganz wichtig für die Patienten.“ Er hat täglich Umgang mit sterbenskranken Menschen. Auf dem Rückweg erzählt Boris Bongers von einem Palliativ-Professor, der ihm, als er Karnevalsprinz war, gesagt hat: „Kein Mensch stirbt 24 Stunden am Tag“.

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