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Wenn das Unfallopfer traumatisiert ist

Von: Heiner Hautermans
Letzte Aktualisierung:
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Nicht nur die Geiseln wurden 1999 beim Uberfall auf die LZB traumatisiert, die halbe Innenstadt wurde vor Weihnachten tagelang gesperrt, Mitarbeiter in eine Ausnahmesituation versetzt, Dutzende von Anwohnern evakuiert. Foto: Archiv

Aachen. Treffen kann es jeden. Manchmal in Sekunden, manchmal dauert es Stunden oder Tage. Das Kind, das plötzlich vor das eigene Auto läuft und getötet wird. Die Kassiererin, die im Supermarkt überfallen und niedergestochen wird.

Die Frau, die mit ansehen muss, wie sich ein Mann mit Benzin übergießt und ihr mehrere Stunden lang das gleiche Schicksal androht. Den Sanitäter, der eine zerstückelte Leiche findet. Den Dachdecker, der 12 Meter hinunterstürzt. Den Polizist, der Hooligans zur Ordnung ruft und halb tot geprügelt wird. Den Elektriker, der einen Starkstromschlag erleidet. Den Lkw-Fahrer, der mit seinem Fahrzeug 40 Meter tief die Böschung hinunterstürzt. Oder den Feuerwehrmann, bei einem Einsatz schwerste Brandverletzungen davonträgt.

Sie alle hat Dr. Guido Flatten schon vor sich sitzen oder liegen gehabt, in dem gemütlichen Lederstuhl oder auf der Couch in seinem Behandlungszimmer des Neubaus an der Annastraße. Der Mann ist vom Fach, er leitet das Euregio-Institut für Psychosomatik und Psychotraumatologie (EurIPP), das er vor sechs Jahren gegegründet hat.

Zuvor war der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in ähnlicher Funktion am Uniklinikum tätig. Dass es Defizite in der Behandlung der Opfer von häuslicher, krimineller oder politischer Gewalt, Katastrophen, aber auch bei professionellen Helfern gibt, zeigte sich im Dezember 1999, als Aachen bundesweit in die Schlagzeilen geriet.

Drei Geiseln wurden damals in der LZB von einem 46-jährigen mehr als 50 Stunden unter entwürdigenden und schrecklichsten Bedingungen festgehalten. Schüsse wurden auf sie abgegeben, Handgranaten explodierten. Immer wieder mussten die Drei um ihr Leben fürchten. Der vorbestrafte Schwerverbrecher wurde am Ende unter dramatischen Umständen erschossen. Die Geiseln kamen mit dem Leben davon, einige hatten körperliche, andere auch seelische Schäden abbekommen. Die Schussverletzungen heilten relativ rasch, langwieriger waren die Traumafolgen.

Wobei die Opfer völlig unterschiedlich damit umgingen. Einer der Betroffenen brauchte nur wenige Gespräche, die anderen bekamen eine längere Behandlung. Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Flattens Antwort: Die Resilienz (seelische Widerstandskraft) ist unterschiedlich ausgeprägt und hängt von vielen Faktoren ab: „Wir unterscheiden uns in der Grundausstattung. Es gibt auch genetische Unterschiede, wie Stressbearbeitung stattfindet.” Das Wichtigste sei jedoch die soziale Unterstützung, dass man das schlimme Ereignis jemandem erzählen kann und der das auch glaubt. Und - natürlich: die frühzeitige Behandlung eines Traumas.

Dass die zumindest im Raum Aachen gewährleistet ist, dafür hat Guido Flatten unter anderem mit seinem EurIPP gesorgt. Bis in die 90er Jahre hinein war das Thema weitgehend tabuisiert, kümmerte sich niemand um Lokführer, die - statistisch gesehen - drei bis viermal in ihrem Berufsleben mit einem Suizid konfrontiert werden oder den Retter, der einen tödlich Verletzten findet.

Jetzt gibt es ein Netzwerk, von Polizei über Opferschutzorganisationen, Notfallseelsorge, dem Versorgungsamt, der Stadt und zahlreichen Beratungsstellen. Auch die Berufsgenossenschaften ziehen mit, sie haben gemerkt, dass die Wiedereingliederung schneller gelingt, wenn psychotherapeutische Behandlung und Reha rasch erfolgen.

Noch einmal Statistik: 25 Prozent der Bevölkerung werden einmal in ihrem Leben in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt, fünf bis zehn Prozent haben anschließend mit einem Trauma zu kämpfen. Höher ist die Quote bei sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigungen. Etwa die Hälfte dieser Opfer kann die Demütigung nicht verarbeiten, scheut sich aber „aus falscher Scham” häufig, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Flattens Ledersessel sitzen aber auch Menschen, die politisch verfolgt wurden, etwa in der DDR. „Es gibt keinen Lebensbereich, der ausgenommen wäre.”

Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass bleibende Schäden entstehen, sich erhöht, wenn sich schlimme Dinge wiederholen. Etwa die Selbsttötungen auf den Gleisen. Das erste Mal überstehen die Lokführer noch ganz gut. Beim zweiten Mal sind sie eine Woche krankgeschrieben, beim dritten Mal einige Monate, nach dem vierten Suizid „lassen sich viele verrenten”. Das entscheidende Kriterium für die Fehlentwicklung besteht im Kontrollverlust. „Man hat nicht die Möglichkeit, die Situation durch eigenes Handeln zu beenden.” Dadurch entsteht eine extreme Stresssituation, die das Hirn oft nicht verarbeiten kann und die psychosomatischer Hilfestellung bedarf.

Unvorstellbar ist es manchmal, was Menschen anderen Menschen antun. Wie verkraftet der Therapeut diese Häufung von Schrecklichkeiten? Etwa durch Gespräche im Kollegenkreis, aber auch durch professionelle Distanz, die die Sensibilität aber nicht ausschließen darf, auf keinen Fall zur Abstumpfung führen darf. „Das Mitfühlen ist unabdingbar, um behandeln zu können.” Und wie ist gewährleistet, dass Opfer wirklich schnell einen Termin bekommen? Patienten in Aachen warten normalerweise bis zu einem Jahr auf den ersten Termin bei einem Psychiater oder Psychologen.

Wie beim Chirurgen

„Die Traumaambulanz ist jeden Tag von 10 bis 11 Uhr telefonisch erreichbar.” Und der anschließend laufende Anrufbeantworter wird mehrfach am Tag abgehört. Wenn nötig, wird sofort ein Termin vereinbart, manchmal an mehreren Tagen hintereinander. Dafür macht der ärztliche Leiter des Euregio-Instituts mit seinen vier Kollegen und Kolleginnen dann auch öfter mal Überstunden. Das müsse man sich vorstellen wie die Behandlung bei einem Chirurgen, erläutert Dr. Flatten. „Wenn die Wunde schon ein Stück verheilt ist, können die Intervalle länger werden.”
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