Wenig rollt, viel stockt am Krugenofen

Von: Thomas Vogel
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Frische Radstreifen: die Markierungsarbeiten auf dem Krugenofen sollen voraussichtlich zwei Wochen dauern. Foto: Harald Krömer
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Frische Radstreifen: die Markierungsarbeiten auf dem Krugenofen sollen voraussichtlich zwei Wochen dauern. Foto: Thomas Vogel

Aachen. Verzweifelt oder aufgebracht oder eine Mischung aus beidem – welche Emotionen hinter den wilden Gesten eines Audifahrers stecken, ist nicht klar auszumachen. Fest steht: Er findet nicht gut, wie die Frau am Steuer des Autos vor ihm auf die Verkehrssituation reagiert. Offenbar hat sie kapituliert. Sie bleibt einfach stehen und bewegt ihren Kleinwagen keinen Zentimeter mehr.

Auf der einen Straßenseite stehen Pylonen, um den gerade frisch aufgepinselten Radstreifen zu schützen, auf der anderen parken Autos. Trotz absoluten Halteverbots. Nun staut es sich hinter der Frau. Langsam wird deutlicher, was der Audifahrer fühlt. Er ist wütend. Irgendwo in der schnell wachsenden Schlange hinter ihm beginnt jemand zu hupen. Ein Mann eilt herbei, orange Hose, orange Warnweste. Er lotst die Frau mit Handzeichen und warmen Worten durch die Baustelle. Es ist nicht die erste Szene dieser Art an jenem Montagmorgen und es wird sicher nicht die letzte sein. Willkommen am Krugenofen.

Die Stadt bleibt ihrem Vorsatz treu. Die Bezirksregierung Köln wollte Tempo 30 auf dem Krugenofen nicht zustimmen, also werden nun – innerhalb von zwei Wochen – auf beiden Seiten der Fahrbahn Radstreifen aufgemalt. Nicht bei jedem trifft die Maßnahme auf Gegenliebe, auch das wird am ersten Baustellentag deutlich.

„Das ist eine Unverschämtheit, was die hier machen“, zetert ein Fußgänger am Straßenrand. Damit meint er nicht die Arbeiter, die die Straße markieren. Gemeint ist die Politik. „Die hätten die Anwohner selbst mal fragen sollen.“ Seit 38 Jahren wohne er am Krugenofen, aber so eng und schlimm wie im Moment sei es noch nie gewesen. So wie er das sieht, sorgten die Radstreifen in Zukunft für noch mehr Verkehrschaos. Stau ohne Ende gebe das, wenn die Autos auf beiden Seiten hinter Radfahrern herjuckelten. „Bis zur Casinostraße werden die stehen. Dazu die Müllabfuhr“, sagt er, während auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Lieferwagen eines Paketdienstes hält. „Ach ja, und die Postautos“, fügt der Mann hinzu. Wieder hupt es. Wieder staut es sich. Wieder rückt eine Warnweste an, um den Knoten zu lösen.

Die Streifen sollen Radfahrer schützen, auch und gerade vor den vielen Autos, die jetzt zusätzlich auf dem Krugenofen unterwegs sind, weil sie von der Baustelle auf der Kurbrunnenstraße umgeleitet werden. Gleichzeitig ist es wegen des Mehrverkehrs ein ungünstiger Zeitpunkt für eine Baumaßnahme wie diese. Autofahrer müssen Geduld und Nerven mitbringen auf dem Streckenabschnitt. Laster- und Busfahrer ebenso. Ein großer LKW kommt aus Richtung Hauptbahnhof und fährt in die Baustelle ein. Ruckzuck ist alles verstopft. Schon wieder. Der Lastwagen versucht, etwas Platz zu machen, damit die entgegenkommenden Autos sich vorbeiquetschen können, aber die Lücken zwischen den im Parkverbot abgestellten Autos sind zu klein. „Wir haben um neun Uhr heute morgen beim Ordnungsamt angerufen“, sagt einer der Arbeiter. Zwei Stunden später ist aber noch kein Abschleppwagen aufgetaucht.

Pylonen schießen

Neben dem Anwohner hat derweil eine Dame im Rollstuhl Posten bezogen, um dem Mann beizupflichten, indem sie mit einer Hand vor ihrem Gesicht hin und her wischt. „Die Radfahrer denken, sie haben Vorfahrt vor allen“, sagt sie. Es dauert nicht lange und eine Radfahrerin kommt den Krugenofen hinauf geradelt. Als wolle sie die Frau auf dem Bürgersteig bestätigen, fährt sie auf dem neuen Radstreifen. Als sie einen der orangenen Männer überholt, ruft der ihr hinterher: „Vorsicht, das ist alles frisch gestrichen hier.“ Die Dame weist daraufhin mit einem Finger auf einen unbestimmten Punkt am Horizont und macht einen Schlenker auf den Gehweg. Der Arbeiter schüttelt seinen Kopf.

Was am Krugenofen markiert wird, sind sogenannte Angebotsstreifen. Das bedeutet, sie sind für Radfahrer da, dürfen aber auch von anderen Verkehrsteilnehmern genutzt werden, die dann allerdings auf die Radfahrer besonders achtgeben müssen. An diesem Montagvormittag ist für allzu viel Sicherheitsabstand aber offenbar einfach kein Platz. Begleitet von dumpfem Knallen nimmt ein 7,5-Tonner einige der Pylonen unter seine Zwillingsreifen und schießt sie zur Seite wieder raus.

Vom Bürgersteig aus ruft ein Mann einem roten Wagen zu: „Mensch, fahr doch da rüber! Du hast doch noch zehn Meter Platz neben dem Auto.“ Dass die Nerven bei einigen Verkehrsteilnehmern schnell blank liegen, wenn es unterwegs weniger schnell voran geht, lässt sich am Krugenofen derzeit eindrucksvoll beobachten. Gut, dass die Männer in Orange da sind – eigentlich ja zum Markieren und nicht um den Verkehr zu regeln. Das aber müssen sie zwischendurch ständig tun, damit es nicht zum Infarkt kommt. Rhythmusstörungen können allerdings auch sie nicht verhindern.

Mittagsbetrieb

Eine Straßenseite des ersten Abschnitts ist mittlerweile fertig. Es ist Mittag. Jetzt würden sie gerne auf der anderen Straßenseite weitermachen. Geht aber nicht, weil da noch vier Autos im absoluten Halteverbot stehen. 12 Uhr, noch immer kein Abschlepper da. Erneuter Anruf beim Ordnungsamt – der Abschleppdienst käme gleich, heißt es. In der Zwischenzeit kehrt bei dem Supermarkt, dessen Ein- und Ausfahrt mitten im Markierungsgebiet liegt, der Mittagsbetrieb ein.

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