Warnstreik: 50 Prozent mehr Taxi-Aufträge

Von: Heiner Hautermans
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Gut 400 Fahrerinnen und Fahrer hat die Aseag, die die mehr als 200 eigenen Busse fast geschlossen im Depot an der Neuköllner Straße ließen. 140 weitere Busse samt Personal sind angemietet. Fotos (5): Harald Krömer Foto: Harald Krömer

Aachen. „Der Tag steht im Zeichen der Nahverkehrszulage“, sagt Stefan Roebrocks, Verdi-Vertrauensleutesprecher bei der Aseag, morgens auf dem Betriebsgelände an der Neuköllner Straße.

Rund um die Kantine haben sich die Frauen und Männer, die um diese Zeit normalerweise am Steuer der Roten Flotte sitzen, zum Warnstreik versammelt. Roebrocks: „Die Stimmung ist hervorragend, die Beteiligung liegt bei fast 100 Prozent. Die Solidarität ist sehr groß.“

Davon profitierten hauptsächlich die jungen Kollegen, die niedrige Löhne und Zuschläge bekommen. Die Aseag stellt ihren Nachwuchs nämlich nur über die Tochter Eschweiler Bus- und Servicegesellschaft (Esbus) ein, und die zahlt halt weniger als die Aseag. „Die verdienen 400 bis 500 Euro mehr“, sagt ein 32-Jähriger, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen lieber nicht nennen will.

„Das ist eine Unverschämtheit, weniger Geld für die gleiche Arbeit. Es handelt sich um eine Zwei-Klassen-Gesellschaft“, pflichtet ein Kollege bei. „Schließlich tragen wir eine große Verantwortung, wir müssen alle Linien kennen, auch in Eschweiler“, erklärt eine frischgebackene Busfahrerin. „Ich bin froh, dass viele ältere sich für die jungen Fahrer einsetzen, damit die das gleiche Geld bekommen“, sagt ein weiterer 35-Jähriger. Die Es-Bus-Leute bekommen beispielsweise nur 25 Prozent Sonntagszuschlag, die Aseag-Stammbelegschaft dagegen 50 Prozent.

Sprecherin Anne Linden bestätigt, dass die Neueingestellten weniger Geld bekommen, allerdings bestünde die Perspektive, irgendwann zur Aseag zu wechseln.

In Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen sei nämlich festgeschrieben, dass die dienstältesten Esbus-Mitarbeiter in die Mutterfirma Aseag wechseln, wenn deren Mitarbeiterzahl 328 unterschreitet und dann auch die bessere betriebliche Altersvorsorge nutzen können. „Wahrscheinlich 2016 ist das zum ersten Mal der Fall“, sagt sie im Hinblick auf den hohen Altersschnitt der Belegschaft, der in den nächsten acht Jahren 150 Neueinstellungen erforderlich mache.

Sockelbetrag wichtig

Helmut Claßen, 34 Jahre Busfahrer und seit drei Jahren in der Verkehrslenkung und Instandsetzung tätig, findet es gerade im Hinblick auf die jungen Kollegen „total in Ordnung“, was Verdi veranstaltet: „Da stehe ich voll hinter.“ Ismail Durdubas stimmt dem zu: „Wenn wir nichts machen, tun die Chefs nichts. Sonst müssen wir irgendwann Sozialleistungen beantragen.“ Allgemein ist man sich einig, dass der Sockelbetrag, die Erhöhung der Einkommen um 100 Euro für alle Gehaltsstufen, diesmal besonders wichtig ist.

Und die Nahverkehrszulage, erläutert Vertrauensleutesprecher Roebrocks, besteht aus eine Summe von „70 Euro pro Nase“, die helfen sollen, den Alltag erträglicher zu gestalten, etwa durch die Verkürzung besonders anstrengender Schichten oder in Form von Zulagen. Wenn diese Gewerkschaftsforderung durchkomme, müsse man darüber verhandeln, wie dieses Geld eingesetzt wird.

40 Prozent der Touren hat die Aseag fremdvergeben, sagt Sprecherin Linden. Das bedeutet, dass 60 Prozent aller Busse am Mittwoch nicht gefahren sind: „Die Auftragsunternehmen sind unterwegs.“ Das führte zu vermehrten Verkehr auf den Straßen, vor allem zu Berufsverkehrszeiten. Beim Aachener Taxiruf gingen 50 Prozent mehr Aufträge ein, berichtet ein Sprecher. Bemerkenswert sei gewesen, wie viele Fahrgäste noch an Haltestellen gestanden hätten, trotz aller Ankündigungen.

Der ansonsten pickepackevolle Bushof war am Mittwoch allerdings vergleichsweise leer. Aseag-Frau Linden: „Man hat das Gefühl, viele Leute haben sich Alternativen gesucht.“ So brachten viele Eltern ihre Kinder per Pkw zur Schule. Und die Fahrgäste, die derartige Alternativen nicht hatten, nahmen es durch die Bank gelassen. Etwa ein Rentner, der eine halbe Stunde an einer Haltestelle an der Kurhausstraße warten muss, bis ein Bus Richtung Hörn kommt: „Für mich ist es nicht besonders schön, aber was sein muss, muss sein.“

Verständnis

Und eine 62-Jährige, die von ihrer Arbeitsstelle in Laurensberg kommt und nach Eilendorf will, sagt: „Ich habe schon Verständnis, aber für unsereins ist es nicht angenehm.“ Zwei junge Damen, 17 und 19 Jahre alt, die an der VHS den Realschulabschluss machen: „Einerseits ist es gut, andererseits ist es schwer, überall hin zu kommen.“

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