Walheimer Erntedankzug: Städter pilgern aufs Land

Von: Werner Czempas
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Schwer bepackt: Was der Erde in diesem Jahr abgerungen werden konnte, präsentierten die Landleute stolz beim traditionen Erntedank-Umzug im eher ländlich geprägten Walheim. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Das Leben brutal verkürzende Folterwerkzeuge aus dem finsteren Mittelalter sind es nicht, die am Erntedanktag über Walheims Straßen rollen. Seltsame Dinger mit rotierenden Greifern, spitze Haken gereiht wie das Lager eines Fakirs, eiserne Ungetüme mit scharfen Schneiden, wimmernde Sägen, stählerne Ramme, die alles klein kriegt.

Nicht dem Pfählen, Rädern, Häuten und Vierteilen dient das, sondern dem Ackersmann bei seiner Arbeit. Der braucht solche Sachen beim Kartoffelroden, Pflügen, Heueinholen oder Brennholzspalten.

Davon versteht der gemeine Städter in der Regel wenig oder nichts. Der Städter aber weiß, dass er am Erntedanktag landwirtschaftliche Geräte im Stadtteil Walheim aus der Nähe studieren kann. Und vieles mehr über Ackerbau und Viehzucht.

Die Neugierigen kommen in Scharen. Weshalb den Erntedankumzug noch als Geheimtipp zu bezeichnen, wirklich hieße, Printen nach Aachen zu tragen. Auch wenn wie am Sonntag die Regenwolken in allen Grauschattierungen über die sanften Hügel Walheims eilten, das Publikum strömte tausendfach herbei.

Schon eine Stunde vor dem Festzug gerät der Erntedank zum Erlebnis. Wie die rund 100 Gruppen sich in der Albert-Einstein-Straße sammeln und zum Umzug trefflich organisiert parat stellen, Gruppen zu Fuß, mit Bollerwagen, auf Karren, in edlen Kutschen, auf Plan- oder Leiterwagen, in Klapp-Wagonetten, gezogen von Treckern aller Stärken und jeden Alters oder von prächtigen Pferden, zwei- und vierspännig.

Wie die großen und kleinen Erntewagen liebevoll geschmückt sind, über und über mit Blumen, allen voran Königin Sonnenblume, hochaufgetürmt Kürbisse, Gurken, Kartoffeln, Möhren, Äpfel, Kohl, Brotlaibe, Milchkannen. Die Großen und die Kleinen, wie sie lachen und freundlich grüßen und auf jede (städtisch noch so dämliche) Frage um so herzlicher antworten.

Erlebnis vor allem das: Schon beim Sammeln und später beim Umzug durch die Straßen ist aus den Blicken und der Haltung zu spüren, was „heiligen Ernst” zu nennen pathetisch klingt, der Stimmung aber sehr nahe kommt. Der Stolz der Bäuerinnen und Bauern, ihrer Scholle auch in diesem Jahr wieder eine reiche Ernte abgerungen zu haben, ihre Freude darüber, ihre Dankbarkeit. Der alte Brauch: Gott sei Dank! „Die Bauern haben noch Ehrfurcht vor unserer Erde”, sagt nebenan respektvoll eine Dame, die sich seit Jahren diesen außergewöhnlichen Tag nicht entgehen lässt.

Schafe, Pferde, Spielleute

So marschieren sie denn los, angeführt von den Stadtreitern, neun an der Zahl und in schwarz-gelber Uniform, mit klingendem Spiel begleitet von Fanfarencorps, Königlichen Spielleuten, Trommlern und Pfeifern, Musikzügen und einer Big Band. Für manchen Städter schon exotische Tiere wie Kühe, Schweine und Hühner fehlen in diesem Jahr.

Drei Schafe rumpeln mit in ihrem Stall-Wagen hinter Maschendraht, versunken in grübelnder Andacht. Ein überdimensionales Huhn kann nicht gackern, weil aus Pappmach. In diesem Jahr liegen die Pferde vorn: Norweger, Haflinger, Brabanter, Friesenhengste, Schwarzwälder Fuchs, Kaltblut-Rückepferd, Mini-Pferde. Mit buntem Halstuch geschmückte Hunde - strubbelige Köter und blasiert-gelangweilte edle Jagdnasen.

Viele Kinder marschieren wieder mit: Städtische Tageseinrichtung für Kinder mit Montessori-Zweig, Katholischer Kindergarten St. Anna Walheim, Kommunionkinder, Messdiener, Kinder- und Jugendchor, Amelandfahrer, Offene Ganztagsschule Walheim, Städtischer Kindergarten Walheim.

In der Prämienstraße vor dem Jakob-Büchel-Haus und dem Festzelt stehen im Trachtenlook Eberhard Spindler und Hermann Mündel am Mikro. Abwechselnd kommentieren die beiden gewohnt souverän und humorvoll das Geschehen und stellen die Gruppen vor. Dem geneigten Publikum erläutert das Moderatoren-Duo auch die letzten Feinheiten eines Bungart Einachsschleppers oder die PS-Stärken der Traktor-Typen Fendt, Deutz, Hanomag, Lanz Bulldog, Zettelmeyer, Eicher Schmalspur - kostbare Raritäten und wahre Museumsstücke darunter, wie etwa ein vor der Verschrottung geretteter „Ferrari roter” (Mündel) Porsche Standard 270, Baujahr 1962.

Eberhard Spindler freut sich über die zahlreiche Teilnahme junger Leute. Auch der Umzug 2009 bestätigt sein früheres Wort: „Wir sind hier in einer stark landwirtschaftlich geprägten Gegend noch sehr erdverbunden. In anderen Stadtteilen Aachens macht so ein Umzug nicht so viel Sinn, der gehört einfach nach Walheim.”
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