Vor die Wand geführt: Blindenleitplatten sind nicht immer praxisnah

Von: Thomas Vogel
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Vielleicht zu nah dran: Die Stelle im Bild oben links könnte eine Gefahr für blinde und sehbehinderte Menschen sein, weil die Leitplatten zu nah an den beiden Stromkästen vorbeiführen. Der Rest ist nach Auskunft der Stadt Regelausbau. Foto: Andreas Herrmann
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Vielleicht zu nah dran: Die Stelle im Bild oben links könnte eine Gefahr für blinde und sehbehinderte Menschen sein, weil die Leitplatten zu nah an den beiden Stromkästen vorbeiführen. Der Rest ist nach Auskunft der Stadt Regelausbau. Foto: Andreas Herrmann
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Vielleicht zu nah dran: Die Stelle im Bild oben links könnte eine Gefahr für blinde und sehbehinderte Menschen sein, weil die Leitplatten zu nah an den beiden Stromkästen vorbeiführen. Der Rest ist nach Auskunft der Stadt Regelausbau. Foto: Andreas Herrmann
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Vielleicht zu nah dran: Die Stelle im Bild oben links könnte eine Gefahr für blinde und sehbehinderte Menschen sein, weil die Leitplatten zu nah an den beiden Stromkästen vorbeiführen. Der Rest ist nach Auskunft der Stadt Regelausbau. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wie die Blindenleitplatten in Haaren verlegt sind, sieht aus Laiensicht genau falsch aus. Die Leitwege für blinde und sehbehinderte Menschen sind an einigen Stellen versetzt verlegt, führen nur knapp an Hindernissen vorbei oder enden in einem Fall direkt vor einer Hauswand. Es handele sich aber um sogenannten Regelausbau und sei deshalb genau richtig.

Das sagt Regina Poth, Abteilungsleiterin Straßenplanung und -Bau bei der Stadt Aachen.

Auf Motorgeräusche verlassen

Ute Tümmers zeigt die Bürgersteige und Straßenquerungen an der Alt-Haarener Straße, von der Bushaltestelle Am Haarberg den Berg hinunter bis zur Kochstraße. „Hier müssen wir rüber“, sagt die stark sehbehinderte Frau auf Höhe der Würselener Straße. Sie selbst wohnt am Kaninsberg in Haaren und findet die Verlegung – auch wenn es sich um „Regelausbau“ handelt – alles andere als praxisnah.

Mit ihrem Blindenstock läuft Tümmers gerade einen Leitweg an jener Straße entlang, an der 2015 der Leitweg im Zuge einer größeren Baumaßnahme neu verlegt wurde. „Aber wie“, sagt Tümmers und hält inne, weil ihr Faltstock schon wieder hängenbleibt. Dieses Mal stehen zwei Stromkästen im Weg, an denen der Leitweg in etwa zehn Zentimeter Entfernung vorbeiführt. Ein gutes Beispiel dafür, dass auch Städtebauer nur Menschen sind. Und wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren. Zehn Zentimetern Entfernung zum Stromkasten, „das könnte zu nah sein“, sagt Poth. „Muss ich mir aber vor Ort ansehen, um es richtig beurteilen zu können.“ Dort müsste dann, sollte sich der Abstand tatsächlich als zu klein herausstellen, etwas geändert werden.

Auf der anderen Seite stellt Tümmers die rhetorische Frage, wie Blinde an dieser Stelle sicher über die Straße kommen sollen. „Sie müssen auf die Motorgeräusche der vorbeifahrenden Autos hören.“ Hier sind zwar Blindenleitwege gebaut worden, akustische Signalanlagen an den Ampeln sucht man jedoch vergebens. „Klingt weder sehr logisch, noch sehr sicher, oder?“, meint Tümmers.

Bernd Neuefeind, 2. Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion Aachen, bemerkt, dass zwei unterschiedliche Stellen innerhalb der Verwaltung dafür verantwortlich sind. In Aachen sei das auch zu beobachten, an der Haltestelle Schanz und am Boxgraben. „Das macht keinen Sinn“, findet auch er. Gerade wenn Menschen, die nicht oder nur sehr schlecht sehen, sich beim Überqueren einer Straße auf ihr Gehör verlassen müssen, werde es mit der Zunahme von Elektroautos im Straßenverkehr noch einmal sehr viel gefährlicher.

Was die Zusammenarbeit der „Kommission barrierefreies Bauen“ mit der Stadt angeht, weiß Neuefeind Gutes zu berichten. In der Kommission sind Menschen mit unterschiedlichen Behinderungsarten und ältere Menschen vertreten. Sie beraten sich zum Beispiel zu Baumaßnahmen und sprechen Empfehlungen aus. Von Fall zu Fall seien auch Experten zum Beispiel von der Stadtverwaltung dabei.

Unterdessen ist Tümmers an einer weiteren Stelle angekommen, die Rätsel aufgibt. Der Blindenleitweg knickt hier auf gerader Strecke plötzlich nach links ab und mündet in sechs Aufmerksamkeitsfelder direkt vor einer Wand. Eine Tür, ein Durchgang oder irgendetwas anderes, dass einer Verlegung der Platten in dieser Weise Sinn verleihen würde, sucht man vergebens. Das sei gedacht für blinde oder sehbehinderte Menschen, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen, in der es keine Leitplatten gibt, erklärt Poth. Die orientierten sich oft an der Hauswand. „Damit sie wissen, dass es ab diesem Punkt ein Leitsystem gibt, werden sie an der Wand mit Achtungsfeldern darauf aufmerksam gemacht.“

Regelausbau gilt überall

Nach Tümmers Erfahrung ist das nicht sehr logisch. Blinde Menschen bewegten sich in der Regel nicht an Häuserwänden entlang, weil Treppenstufen, Blumen- und Briefkästen oder Fenstersimse im Weg sind und sie sich daran verletzten könnten. „Und wenn man aus der Richtung mit Leitplatten kommt, verwirrt der Linksknick mit Ende an einer Mauer total. Dann stehe ich vor einer Wand auf dem Aufmerksamkeitsfeld und Schluss.“

Natürlich gilt der Regelausbau nicht nur für den Stadtteil Haaren. In Aachen sind jene Phänomene an einigen Stellen ebenfalls zu beobachten, sagt Tümmers. Sinn machen viele der Lösungen aus ihrer Sicht dennoch nicht. Und da ist sie nicht alleine.

Gerade Menschen, die noch über volle Sehkraft verfügen, kommen nicht immer hinter den Sinn der gerillten oder genoppten Platten. „Was machen Sie auf dem Radweg?“ wurde Tümmers zum Beispiel schon von einem Radfahrer gefragt. „Begegnungen dieser Art hatte ich schon mehrfach“, erzählt sie, inklusive der Beschwerde von Radlern darüber, dass dieser Radweg zu schmal sei (die Blindenplatten sind 30 Zentimeter breit) und die Rillen eher stören als helfen würden.

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