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Versteigerung von Fundsachen: 600 Teile in 75 Minuten

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
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Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten: Auktionator Ron-Roger Breuer (l.) bringt im Verwaltungsgebäude an der Lagerhausstraße Fundsachen, die im letzten halben Jahr nicht abgeholt wurden, an den Mann und die Frau. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wirklich durchatmen kann Kämmerin Annekathrin Grehling nicht, doch im Stadtsäckel klimpern rund 1500 Euro mehr. Das überschaubare Sümmchen kassierte die Stadt bei der jüngsten Versteigerung von Fundsachen. Die frühmorgendliche Stunde kann geübte Schnäppchenjäger selbst winters nicht schrecken.

Als um 9 Uhr die Versteigerung beginnt, ist der Raum 170 im Verwaltungsgebäude am Marschiertor in der Lagerhausstraße mit mehr als 50 Besuchern rappelvoll. Inge Mannheims und vier Kolleginnen sowie als wichtigste Person „Auktionator“ Ron-Roger Breuer, sie alle vom städtischen Fachbereich Sicherheit und Ordnung, schieben in 75 Minuten „rund 600 Kleinteile“ über den Tresen. Sachen, die im Fundbüro in der Innenstadt oder in den Bezirksämtern abgegeben wurden, viele neu- und hochwertig. Werden Fundsachen bis zur Aufbewahrungsfrist von einem halben Jahr nicht abgeholt und können sie auch keinem Verlierer zugeordnet werden, wird die Stadt Eigentümerin. Und verhökert das Zeug.

Trödler in gelassener Routine

Seit fünf Jahren ist Ron-Roger Breuer beim Versteigern in seinem Element. Mit viel Schwung und Humor bietet der junge Mann seine Ware feil. Jung und Alt im Publikum, schlicht aufs Spektakel neugierig die einen, konzentriert auf Schnäppchen lauernd die anderen – und klar auch „viele bekannte Gesichter“ (Breuer), die Profis eben, die Trödler in gelassener Routine. Versteigert wird gegen Höchstgebot, Startpreis ein Euro, ab 15 Euro „geht’s im Fünfer-Schritt“, erklärt Breuer den Neuen die Spielregeln. Nach Zuschlag „hier vorne direkt bezahlen“. Cash.

Auktionator Breuer zeigt zum Warmlaufen ein „Konvolut Uhren“ rund, ein mit Plastikriemchen zusammengehaltenes Bündel Uhren, vier, fünf, sechs Stück und mehr. Finger schnippen nacheinander hoch, ein Euro zum Ersten hier, zwei Euro dort, drei da hinten – zum Ersten, zum Zweiten, für „sieben Euro zum Dritten, verkauft“ wechselt das „Konvolut“ den Eigentümer. Neue Bündel. Die Markenuhren allerdings einzeln, aber auch die sind „für’n Appel und’n Ei“ zu ergattern. Eine für „100 Meter Wassertiefe“ steigt auf „45 Euro zum Dritten, verkauft“.

Zwischendurch will Breuer „Gutes für die Kirche tun“ und verschenkt aus seinem Schatz zwei Rosenkränze. Eine pralle Handvoll „Konvolut Modeschmuck“ – Herzchen, Kreuzchen, Kettchen – geht weg für „elf Euro zum Dritten, verkauft“. Für eine 333er-Goldkette ist das Mindestangebot auf 19 Euro festgesetzt, genau die und keinen Cent mehr bringt sie. Ein üppiger Silberschmuck bringt 40 Euro.

„Letzte Gelegenheit, ganz fantastische Sachen, ich bin völlig begeistert, denken Sie dran: Die Stadtkasse ist leer“, puscht Breuer die Bieter. Nach Uhren und Schmuck sind die „Lach- und Sachgeschichten“ dran: Alu-Koffer, Rollis, Plastiktüten, Kartons, alle pickepacke vollgestopft mit Krimskrams. Schallplatten, Bücher, Jeans, Puppen, Plüschtiere, Kopfhörer, Zahnbürsten, Deo-Sprays, Strumpfhosen, Taschen, Rucksäcke, Schuhe, Schals, Kissen, Füller-Patronen, Badesalz, Adapter, Spielzeug. Pfuschneue Jacken, teure Markenartikel, qualitätsvolle Mäntel, Pullover und Röcke, Handschuhe, Badehosen, Socken, Ferngläser. Ein hauchzartes Spitzenhöschen in Rot-Weiß fällt beim Auktionator in die Kategorie „heiße Geräte“ und erntet im Saal aufmunternde „Vorführen“ -Appelle und Neugier: „Wo mag das verloren gegangen sein?“

Brillen, Brillen, Brillen ohne Ende, darunter sogar noch der fiese Kassen-Klassiker mit den „Glasbausteinen“ in der Fassung. Breuer agiert als Brillen-Dressman, „steht Ihnen super“, klatscht die Menge. Gefunden und abgeliefert ein tadelloser, ultramoderner Dreirad-Kinderwagen. „Solche Dinge werden oft im Parkhaus vergessen“, erklärt Inge Mannheims. Besser das als den Inhalt, mag einer denken, eine afrikanische Mutter schnappt sich das Gefährt für 17 Euro.

Ein riesiger „Universalschlüssel und Säge“ geht an einen jungen Mann, der vom Nachbarn Häme einstecken muss: „Kannste Dich mit selbstständig machen.“ Eine schwarz-gelbe Alemannia-Fan-Wollmütze wirkt in der Kleiderwühlkiste so verloren wie der Verein, ein Aufschrei im Saal, als Breuer sie hochhält und anpreist.

Zwei Spazierstöcke und am Ende die „Schirm- und Knirps-Konvolute“. Massenhaft Schirme, gebündelt à fünf und mehr Exemplaren. „Es wird gleich regnen“, animiert Breuer, braucht er nicht, die Packen gehen weg wie die sprichwörtlichen Brötchen. Maximal zehn Euro das Dutzend. Die afrikanische Mama schlägt wie bei den Kleidern wieder kräftig zu. „Für die Freunde, die sehr arm sind“, sagt sie, fast entschuldigend. Den von ihr ersteigerten Kinderwagen funktioniert sie für den Heimtransport zum voll beladenen Bollerwagen um.

„Zu unseren Versteigerungen“, weiß auch Ron-Roger Breuer, „kommen viele, die Sachen für karitative Zwecke ersteigern, sie weitergeben, spenden. Und eine Frau ist regelmäßig dabei, fünf Kinder hat sie, das Geld ist knapp.“ Auch bei der Stadt ist das Geld knapp, aber die Kämmerin ist jetzt 1500 Euro weniger arm.

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