Aachen - Uniklinik Aachen eröffnet interdisziplinäre Station

Uniklinik Aachen eröffnet interdisziplinäre Station

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
6330053.jpg
Eigene Ausstattung: Für die Jugendzimmer der neuen Station im Uniklinikum wurden Hochbetten angefertigt. Auch einen Kicker gibt es.
6330047.jpg
Gemeinsames Projekt: Professor Dr. Nobert Wagner und Professor Dr. Beate Herpetz-Dahlmann leiten die Interdisziplinäre Station für Psychosomatik des Kinder- und Jugendalters im Klinikum Aachen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Kathrin tanzt wieder. Die inzwischen 18-Jährige hatte nach einer gut überstandenen Fußoperation anhaltende Schmerzen und zunehmende Ängste. Alle diagnostischen Möglichkeiten waren ausgeschöpft – das Mädchen klagte weiterhin und hat den anderen beim Training für den Auftritt im Karnevalsverein nur noch zugeschaut. „Das war schlimm“, sagt sie heute. „Aber es ist vorbei, ich jogge sogar regelmäßig.“

Wie ihr geht es immer mehr Kindern und Jugendlichen. „Als wir das feststellten, mussten wir uns neue Wege überlegen“, sagt Professor Dr. Norbert Wagner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Universitätsklinikum Aachen.

Gemeinsam mit Professor Dr. Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, entwickelte man aus der Problemstellung ein Konzept. Seit Juni 2013 gibt es nun die Interdisziplinäre Station für Psychosomatik des Kinder- und Jugendalters. Patienten im Alter von sechs bis 18 Jahren erfahren dort eine neue Form der umfassenden Therapie.

„Das Projekt hat sich etabliert und wird von den Kassen finanziert, diese Station arbeitet mit einem eigenen Budget und Mitarbeitern aus beiden Kliniken“, versichert Beate Herpertz-Dahlmann. Neun Plätze gibt es auf dieser Station, die so ganz Klinikum-untypisch gestaltet ist. Extra für die jungen Patienten wurden aus hellem Holz Hochbetten angefertigt – oben Schlafplatz, unten ein kleiner Schreibtisch für Schularbeiten und privaten Rückzug.

Wer mag, kann Plakate aufhängen – etwa Lieblingsmusikgruppen, Hundebabys und mehr. Der Gemeinschaftsraum ist Treffpunkt für alle. Hier finden Gruppengespräche statt, hier wird an einem Tisch gegessen. „Da kommt kein Essen auf Krankenhaustabletts“, versichert die Ärztin und Psychotherapeutin. „Miteinander zu essen ist für viele einen neue Erfahrung.“ Jeder Tag ist genau strukturiert. Vier Wochen lang leben die Jugendlichen im Rhythmus von Aufstehen, Klinikumsschule (eine Einrichtung, die alle Schulformen betreut) und Therapie. Sogar die „Handyzeit“ ist eingeplant. Und die Wochenenden verlebt man daheim, auch das ist wichtig.

„Über 50 Prozent der jungen Patienten haben psychosomatische Probleme, die chronische Kopf-, Bauch- und Gliederschmerzen auslösen, aber auch diffuse Missempfindungen“, berichtet Wagner. Haben die Untersuchungen der körperlichen Symptome nichts ergeben, sind Kinder und Eltern gleichermaßen verzweifel. „Manche werfen uns sogar vor, dass wir nicht alles getan haben“, erinnert sich Wagner.

„Schulangst, Mobbing, all das macht irgendwann möglicherweise krank“, betont Beate Herpertz-Dahlmann. „Auch Jugendliche mit chronischen Erkrankungen wie Typ-I-Diabetiker, Rheumatiker oder übergewichtige Kinder können solche Beschwerden entwickeln. Nicht ohne Grund gibt es Redensarten wie ,Ich habe Schiss‘ oder ,Das ist zum Kotzen‘. Körperliche Symptome drücken psychisches Leiden aus.“ Im Rahmen der Therapie ist praktische Therapie-Arbeit außerhalb der Station angesagt. Wer zum Beispiel Angst hat, dass ihm im voll besetzten Bus die Luft ausgeht, übt mit dem Therapeuten Busfahren. Wer dauernd das Gefühl hat, die Leute denken, die Insulin-Injektion ist eine Droge, lernt, dass die Umwelt das sehr wohl unterscheidet.

„Kinder sind vielfach überfordert, auch im familiären Bereich“, sagt Beate Herpertz-Dahlmann. Regelmäßig trifft sich daher auch eine eigene Elterngruppe der Vier-Wochen-Patienten, die nach beendeter Stationszeit weiterhin ambulant betreut werden, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe. Doch nicht immer funktioniert das Konzept. „Es gibt junge Menschen mit enormen Trennungsängsten, die nach zwei Tagen unbedingt wieder nach Hause wollen, da müssen wir dann neu nachdenken“, meint Wagner. Sein Ärzteteam behält regelmäßig körperliche Beschwerden der Jugendlichen im Auge.

„Für jedes Kind wird ein individuelles Konzept entwickelt“, versichert Dr. Patricia Jennebach, Stationsärztin der Interdisziplinären Einrichtung. „Natürlich gibt es manchmal Rückschläge, aber Eltern lernen, die Jugendlichen dann nicht sofort zu verhätscheln.“ Das hat Kathrin erfahren, die jetzt fleißig die Bänder am Fuß trainiert, die durch die lange Schonhaltung und Stützung bereits schlaff geworden sind.

Bald ist sie mit ihrer Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation fertig, und sie hat Techniken erlernt, damit sie mit möglichen Schmerzattacken umgehen kann. „Ich habe trainiert, die Gedanken ziehen zu lassen, und ich weiß jetzt sogar, wie diese Schmerzen entstehen. Das hilft mir.“ Zurzeit gibt es für sie noch jeden Monat ein Gespräch mit ihren Therapeuten und ein Besuch auf der Station – aber die Abstände werden größer.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert