Und plötzlich wird es doch nichts mit der Lehrstelle

Von: Margot Gasper
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Ausgebremst: Aus der Lehre im Bäckerladen wurde nichts. Foto: ddp

Aachen. Der Weg in den Beruf kann steinig sein. Und manchmal liegen die dicksten Brocken auf der Zielgeraden. An der Hauptschule Aretzstraße machen Schulleiter Manfred Paul und sein Team immer wieder die Erfahrung, dass Ausbildungsverhältnisse trotz heftigster Bemühungen letztlich doch nicht zustande kommen.

Zu tun hat das mit Hartz IV und den gesetzlichen Vorgaben für die Hilfegewährung.

Lehrerin Ulla Griepentrog hatte gerade jetzt wieder so einen Fall. Über Monate hatte ein Mädchen sich im Praktikum bewährt. So engagiert hatte sie in einer Bäckerei zugepackt, dass der Betrieb ihr eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin anbot. Und dann sagte die Familie Nein. „Die Mutter hat den Ausbildungsvertrag nicht unterschrieben”, bedauert Griepentrog. „Und solche Fälle gibt es leider immer wieder.”

Die Familie des Mädchens bezieht Arbeitslosengeld II - und daran ist die Lehre letztlich gescheitert. 321 Euro brutto hätte die Jugendliche im ersten Lehrjahr monatlich verdient, erklärt Griepentrog. Was netto übrigbleibt, wäre auf das Familieneinkommen angerechnet worden. Mit der Folge, dass die Hartz-IV-Leistungen für die Familie entsprechend gekürzt worden wären.

Ohnehin sind viele Eltern überzeugt, dass ein weiterer Schulbesuch ihren Kindern mehr Zukunftschancen eröffne, weiß Manfred Paul. Wenn dann bei den Familien auch noch der Eindruck entstehe, dass eine Lehre sich finanziell so gut wie nicht rechne, „dann schicken manche Eltern ihr Kind lieber weiter zur Schule”. Nebenbei etwas jobben könne der Nachwuchs ja dann immer noch, denken die Familien.

Vater stellte sich quer

„Die Kinder wiederum sehen, dass sie fast ihr gesamtes Lehrgeld abgeben für den Unterhalt der Familie”, erläutert Manfred Paul. „Eigenes Geld aber ist für junge Leute der höchste Anreiz für den Weg in die berufliche Selbstständigkeit.” Im vergangenen Jahr erhielt eine Schülerin von der Aretzstraße nach einem Langzeitpraktikum im Einzelhandel eine Lehrstellenzusage. „Auch da hat sich der Vater letztlich quergestellt.”

Das Team von der GHS Aretzstraße bedauert, dass solche Entscheidungen in den Familien womöglich den Einstieg in die berufliche Eigenständigkeit der jungen Leute verhindern. „Die Kinder und vor allem die Eltern sehen nicht, dass eine Ausbildung die bessere Alternative wäre”, bedauert Paul.

Er würde sich deshalb einen positiven Anreiz wünschen. „Wenn sich durch das Lehrgeld das Einkommen der Familie erhöhen würde, wäre das ein echter Anreiz, ein Kind in die Lehre zu schicken.” Vielleicht, so überlegen Paul und Griepentrog, könnten wenigstens niedrige Lehrgelder bis 400 Euro im Monat freigestellt werden. „Sonst ist Hartz IV ein echtes Ausbildungshemmnis für benachteiligte Menschen. Und die Kinder kommen nicht auf eigene Füße.”

Günter Schabram, Sozialdezernent der Städteregion, kennt solche Fälle. Er kann allerdings nur auf den gesetzlichen Rahmen verweisen: „Die Gesetze sind, wie sie sind.” Schabram appelliert an Familien, nicht kurzsichtig zu denken und ihr Kind eine Lehre machen zu lassen. „Wer einen Ausbildungsplatz hat, der hat doch das große Los gezogen.” Der Frust der Lehrer, die viel Energie in das Thema Ausbildung stecken, kann der Sozialdezernent verstehen. „Der Anreiz, arbeiten zu gehen, muss größer werden”, findet auch Schabram, „aber das ist eine Sache des Gesetzgebers.”

Stefan Graaf ist Geschäftsführer der Arge, die sich in der Städteregion um die Grundsicherung Arbeitssuchender kümmert. Er betont: „Beginnt ein Kind eine Lehre, dann hat die Familie unter dem Strich auf jeden Fall mehr Geld.” Für das Kind werde ein Freibetrag berücksichtigt. „Vor allem aber”, sagt Graaf, „ist die Berufsausbildung eine Chance für das spätere berufliche Leben.” Darüber allerdings könne die Arge letztlich nur informieren. Die Entscheidung liege bei den Familien.

Ausbildungsplätze in Aachen: 20 Stellen bei Banken, 30 im Friseurhandwerk

Ende April hatten im Bezirk der Arbeitsagentur Aachen 1750 junge Leute noch keinen Ausbildungsplatz. Dem standen rund 2000 unbesetzte Lehrstellen gegenüber. Rein rechnerisch könnte also jeder Bewerber einen Ausbildungsplatz bekommen. Aber längst nicht immer ist die Lehrstelle im Angebot, die ein junger Mensch sich erträumt. Und längst nicht alle Bewerber erfüllen die Anforderungen des Ausbildungsbetriebs.

Aktuell sind nach Angaben der Arbeitsagentur in der Stadt Aachen zum Beispiel noch folgende Ausbildungsstellen zu haben: Bankkaufmann/frau (20), Fachinformatiker/in Anwendungsentwicklung (13), Fachinformatiker/in Systemintegration (18), Fachkraft Gastgewerbe (12), Fachkraft Systemgastronomie (26), Fachverkäufer/in Bäckerei (30), Friseur/in (12), Industriekaufmann/frau (18), Kaufmann/frau Einzelhandel (16), Koch/Köchin (10), Mathematisch-technische/r Softwareentwickler mit dualem Studium (46), Mathematisch-technische/r Softwareentwickler (13), Verkäufer/in (30).

Und so sieht die Hitliste der Traumberufe aus: Bei den Jungen besonders gefragt sind Kaufmann im Einzelhandel, Kraftfahrzeugmechatroniker, Industriemechaniker, Industriekaufmann, Verkäufer und Bürokaufmann. Bei den Mädchen besonders beliebt sind Ausbildungen als medizinische Fachangestellte, Kauffrau im Einzelhandel, Bürokauffrau, Verkäuferin, Friseurin, Industriekauffrau.

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