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Uhlands „guter Kamerad“ eckt bei einem Ratsherrn an

Von: Gerald Eimer
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Aachen. Muss es denn wirklich immer und immer wieder „Der gute Kamerad“ sein? Diese Frage stellt Georg Biesing, Ratsherr der Linken, wenige Tage vor der zentralen Gedenkfeier des Landes NRW zum Volkstrauertag im Aachener Dom.

„Das Lied ist einfach unerträglich“, sagt er und hat inzwischen sogar NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Landtagspräsidentin Carina Gödecke und Justizminister Thomas Kutschaty um eine Änderung des Programmablaufs am Samstag gebeten.

Es ist kaum damit zu rechnen, dass er Erfolg haben wird, denn die „heimliche deutsche Hymne“, wie sie der Publizist Kurt Oesterle in einem 1997 veröffentlichten Beitrag bezeichnete, ist bei staatlichen Totenfeiern und militärischen Trauerzeremoniellen nicht wegzudenken – schon gar nicht am Volkstrauertag. Doch mit dem Verweis auf Traditionen will sich Biesing nicht abfinden.

Die drei Strophen, die Ludwig Uhland vor 205 Jahren in Tübingen gedichtet hat, seien „völlig unangebracht“, um heute Opfern der Gewaltherrschaft zu gedenken, findet der 74-Jährige. „Mein Vater, sein Zwillingsbruder und ein weiterer Onkel sind im Zweiten Weltkrieg umgekommen“, heißt es in seinem Schreiben. Den Tod zweier ihrer vier Söhne habe seine Großmutter seelisch nie verkraftet. Vor diesem Hintergrund sei „Der gute Kamerad“, der in seiner Entstehungszeit vielleicht passend gewesen sei, nur noch „geschmacklos“.

„Ich bitte Sie daher sehr, dieses Musikstück nicht aufführen zu lassen“, schreibt er an Ministerpräsidentin Kraft und Minister Kutschaty, der auch Landesvorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist. Letzterer veranstaltet die zentrale Landesgedenkfeier im Dom.

Es sind vor allem die blutigen Verse – „Ihn hat es weggerissen, Er liegt mir vor den Füßen, Als wär‘s ein Stück von mir. Will mir die Hand noch reichen, Derweil ich eben lad“ –, von denen sich Biesing abgestoßen fühlt und die seit Jahrzehnten immer wieder für Anstoß sorgen. Mit diesen Zeilen werde der Heldentod verklärt und ein Kameradschaftsmythos konstruiert, sagen Kritiker. Und tatsächlich haben ja auch die Nazis das Lied für ihre Zwecke genutzt.

Doch das ist nur die eine Seite: Die Traditionalisten verweisen hingegen gerne darauf, dass das Lied längst international geworden ist und für Propaganda gar nicht tauge. Nicht die Verteufelung des Gegners, sondern die Trauer um den „Kameraden“ stehe im Mittelpunkt.

Vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat Biesing bislang nur eine Eingangsbestätigung und die Kopie eines Zeitungsberichts erhalten. Inhaltlich sei man auf seine Einwände nicht eingegangen, beklagt Biesing.

Man kann also davon ausgehen, dass das Schulorchester des St. Ursula-Gymnasiums im Anschluss der Gedenkreden von Europa-Parlamentspräsident Martin Schulz und Hannelore Kraft wohl auch diesmal wieder das gewünschte Programm wie in all den Jahren zuvor darbieten und „den guten Kameraden“ anstimmen wird. Wie sich Kriegsgegner Biesing dann verhalten wird, der gerne an der Landesfeier im Aachener Dom am Samstag ab 16 Uhr teilnehmen will, lässt er offen.

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