Aachen - Über Doktorspiele ging es weit hinaus

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Über Doktorspiele ging es weit hinaus

Von: Gerald Eimer
Letzte Aktualisierung:
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Körperkontakt kann so schön sein. In einer Aachener Kindertagesstätte soll es jedoch Ubergriffe unter Kindern gegeben haben, auf die das Personal angeblich nicht angemessen reagiert habe. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Aachen. In einer Aachener Kindertagesstätte soll es über Jahre hinweg massive sexuelle Übergriffe von älteren Kindern auf jüngere gegeben haben.

Mehrere Eltern von betroffenen Kindern erheben schwere Vorwürfe gegen die Leitung, das Personal und den Vorstand der Einrichtung, die die Übergriffe lange Zeit als „Doktorspiele” verharmlost und nicht genug für den Schutz der Kinder getan hätten. Zunächst eingeleitete, dann eingestellte Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Verantwortlichen der Kita sind zwischenzeitlich wieder aufgenommen worden.

Aufmerksam wurden die Eltern erstmals im November 2009. Damals habe unter anderem ein dreijähriges Mädchen körperliche Auffälligkeiten gezeigt, es sei plötzlich stark verängstigt und eingeschüchtert gewesen. In der Folge stellte sich für die Eltern heraus, dass unter anderem ein sechsjähriges Vorschulkind kleinere Kinder massiv bedrängt haben soll. Nach den sexuellen Übergriffen soll zudem Druck auf die Jüngeren ausgeübt worden sein, mit niemandem darüber zu reden.

Darauf angesprochen, soll der Leiter der Einrichtung die Vorfälle als in dem Alter „normale Doktorspiele” abgetan und aus Sicht der betroffenen Eltern „bagatellisiert” haben. Auch einzelne Erzieherinnen sollen die Sorgen nicht ernst genommen haben, anderen sei ein Maulkorb verpasst worden. Der Vorstand habe die Vorfälle lieber verschwiegen, statt sie aufzuklären.

Den Eltern der betroffenen Kinder sei unterstellt worden, den Kita-Alltag zu stören. Sogar ein Rausschmiss wurde ihnen angedroht. In der Folge suchten die Eltern Rat bei der Familienberatung, in Erziehungsberatungsstellen sowie bei Psychologen und Therapeuten. Darüberhinaus informierten sie das städtische Jugendamt, das Familienministerium, den Oberbürgermeister und den Landschaftsverband. Doch bis heute fühlen sie sich von den öffentlichen Einrichtungen nicht ernst genommen.

Im Gegenteil: Sie haben das Gefühl, im Stich gelassen zu werden und dass die Vorfälle unter den Tisch gekehrt und totgeschwiegen werden sollen. Dies habe dazu geführt, dass aus ihrer Sicht an der betroffenen Kita ein Klima entstehen konnte, das sexuelle Übergriffe regelrecht begünstige.

So soll es ihren Recherchen zufolge erste Übergriffe bereits 2007 gegeben haben. Die „Kultur des Wegschauens” habe dann dazu geführt, dass die Kinder voneinander abgeguckt hätten und immer wieder jüngere bedrängt hätten.

Mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit wollen die Eltern ein Tabu brechen und auf „sexuelle Übergriffe unter Kindern” aufmerksam machen. Eltern müssten in die Lage versetzt werden, Symptome richtig zu deuten und damit ihren Kindern viel Leid zu ersparen, sagt die Mutter einer betroffenen Tochter. Ein fahrlässiger Umgang mit dem Thema, wie es ihn ihrer Meinung nach in der Kita gegeben habe, gefährde weitere Kinder. Auch den „übergriffigen Kindern” könne bei der Ursachenforschung für ihr Verhalten und im Sinne einer Prävention nicht angemessen geholfen werden.

Vorstand und Leitung der Kita wollen sich zu den Vorwürfen bislang nicht äußern. Sie verweisen auf die wieder aufgenommenen Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft. Auch die Stadt reagiert deswegen zurückhaltend. Björn Gürtler vom Presseamt sagt, das Jugendamt sei im Februar von der Abteilung soziale Dienste und Jugendpflege über die Vorfälle informiert worden. Es habe dann „sofort und umfassend im Sinne des Kindeswohl” gehandelt. Das Personal der Kita selbst sei auf die Weiterbildungs- und Betreuungsangebote „dankbar und sofort” eingegangen.

Nach den „Nachrichten” vorliegenden Informationen wird die Kita derzeit „prozesshaft” begleitet. Unter anderem sind Experten des Kinderschutzbundes hinzugezogen worden. Die Gesamtthematik werde vom Fachbereich Kinder, Jugend und Schule „sehr ernst genommen”, heißt es in einem Schreiben. Den betroffenen Eltern und ihren Kindern wurde Hilfe angeboten.

Die haben sie sich vielfach allerdings schon privat gesucht. Für ihre Kinder haben sie längst andere Einrichtungen gefunden, in denen sie sich besser aufgehoben fühlen. Derzeit denken die Eltern darüber nach, eine Initiative ins Leben zu rufen, die bei ähnlichen Vorfällen oder Befürchtungen anderen Betroffenen Hilfe anbietet.
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