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Theaterschule bringt Büchners Woyzeck auf die Bühne

Von: Grit Schorn
Letzte Aktualisierung:
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Keine heile Welt: Schon das Bühnenbild in der Theaterschule Aachen offenbart das soziale Elend, dem der geschundene Soldat Woyzeck nicht entkommen kann. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Drahtzaunreste und triste Bretterwände, beschmiert mit den Worten „Gott hat uns keine Gebrauchsanweisung gegeben”, offenbaren bereits das soziale Elend, dem der gequälte Soldat Franz Woyzeck nicht entkommen kann.

Einem skrupellosen Arzt dient er als medizinisches Versuchskaninchen, den Hauptmann darf er rasieren und sich Vorhaltungen über seinen „unmoralischen” Lebenswandel anhören.

Seinen einzigen Halt findet er bei seiner Geliebten Marie und dem gemeinsamen Kind. Doch selbst dieses bescheidene Glück ist bald bedroht und die Wahnvorstellungen Woyzecks treten immer häufiger auf.

Späte Uraufführung

Die Schauspielerin Ingeborg Meyer ist auch Dozentin an der privaten Theaterschule Aachen. „Woyzeck” ist ihre erste Regiearbeit. Das fragmentarische „Stück-Werk” von Georg Büchner (1813-1837) wurde 1913 - fast acht Jahrzehnte nach der Entstehung - in München uraufgeführt. Das Schicksal des bitterarmen Füsiliers, dem ein echter Mordfall in Leipzig zugrunde lag, hat nicht nur den früh verstorbenen Büchner beschäftigt, sondern unter anderem auch Brecht, Hauptmann oder Max Frisch. Alban Bergs Oper „Wozzeck” von 1925 übernimmt wörtlich Büchners Text.

Nicht gerade das leichteste Stück, das Schauspielstudenten aufführen können. Doch das Wagnis hat sich gelohnt. Die jungen Akteure, darunter auch einige, die noch ohne Abschluss sind, überzeugen durchweg auf den Lebensstationen der gequälten „Kreatur” Woyzeck. Regisseurin Ingeborg Meyer rollt die tragische Geschichte von hinten auf und gibt immer mehr Einblick in einen verzweifelten Menschen, dem Raphael Fachner erschütternde Konturen verleiht. Fachner fiel bereits im Jugendstück „Rattenklatschen” überaus positiv auf, einer Inszenierung von „Greta”, dem jungen Grenzlandtheater.

Liebreiz und Lebenshunger

Wandelbar zeigt sich Robert von Marck als kaltherziger Doktor und als Woyzecks Stubenkamerad Andres. Sehr überzeugend und echt auch Stefan Peters als jovialer Hauptmann und als Jude, der Woyzeck das Messer verkauft, das die untreue Marie töten wird. Sie wird mit zartem Liebreiz von Anika Ziertz verkörpert, die auch den Lebenshunger der jungen Frau zum Ausdruck bringt.

So gerät Marie in die Fänge des angeberischen, aber attraktiven Tambourmajors, der sie verführt und Woyzeck verprügelt. Dominik Brünnig spielt ihn leicht überzogen, aber trefflich bühnenwirksam. In gleich drei Rollen imponiert Maria-Regina Kaeding als Großmutter, Ausrufer und besonders als Maries Rivalin Käthe. Als Richter macht Myriam Lohle eine gute Figur. (Auch Leitung Bühnenbild). Narr und Volk agieren sehenswert, gespielt von Ben Ossen, Clara-Lucia Schmidt, Juliane Bartsch, Hans-Jürgen Helsig und Tim Krause.

Am Schluss - ebenso verblüffend wie überzeugend - blendet Meyers feine Regie das „wahre Ende” ein: Maries Mörder wird gefasst und gehenkt. Viel Beifall gab„s vom jungen Publikum.

Ingeborg Meyer, die insgesamt fast ein halbes Jahr mit den Akteuren gearbeitet und geprobt hat (für insgesamt 5 Vorstellungen), glaubt an die Zukunft ihrer Schüler: „Sie haben Talent und Mut, bewerben sich überall. Mein einziger Rat ist: Spielt euch frei, gebt nie auf!”
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