Aachen - Theater: Inspizientin Marlene Wick sorgt für reibungslose Abläufe

Theater: Inspizientin Marlene Wick sorgt für reibungslose Abläufe

Von: Christina Diels
Letzte Aktualisierung:
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Hinter den Kulissen der großen Bühne steht sie drei Stunden lang konzentriert am Pult: Marlene Wick, 64, sorgt als Inspizientin am Theater Aachen mit ihren Anweisungen für den reibungslosen Ablauf der Vorstellung von Giuseppe Verdis „Aida”. Foto: Markus Schuldt

Aachen. Den Hocker, der vor ihrem Pult steht, braucht Marlene Wick nicht. „Ich stehe immer”, sagt die Inspizientin. Gut drei Stunden lang an diesem Tag. Vor ihr liegt die Abendvorstellung von „Aida” und auf dem Pult ein Klavierauszug von Giuseppe Verdis Oper.

„Ich koordiniere alle technischen Abläufe der Aufführung.” Per Kopfhörer ist die 64-Jährige mit den Mitarbeitern für Ton-, Licht- und Bühnentechnik im Theater Aachen verbunden.

Sie gibt ihnen Zeichen: für sämtliche Umbauarbeiten hinter den Kulissen der großen Bühne und auch für den Gong, der die Zuschauer in den Saal ruft.

Ihre Anweisungen sollen den reibungslosen Ablauf der Vorstellung garantieren. Dafür kontrolliert Wick von ihrem Pult seitlich am Bühnenrand sämtliche Einsätze.

Damit Bühnenarbeiter, Sänger, Beleuchter und Musiker nicht ihre Einsätze verpassen. Mit Bleistift hat sich Wick Notizen gemacht in dem Klavierauszug und an einige Stellen bunte Zettel geklebt. Als Gedächtnisstütze.

„Aida” sei schon eine Herausforderung. Aber genau die sucht sie. „Da passiert so schön viel. Die Verwandlungen nach der Pause sind richtig heftig.”

Damit meint Marlene Wick die Lichtveränderungen und die verschiedenen Bühnenbilder. Drei Stunden lang hat Wick den Überblick über die technischen Abläufe. Und damit nicht genug: „Ich kümmere mich auch um die Übertitel”, sagt sie und drückt die Taste, damit die Zuschauer die deutsche Übersetzung der italienischen Texte lesen können.

Dafür ist sie als Inspizientin eigentlich gar nicht verantwortlich. Aber: „Das ist meine ganz persönliche Herausforderung”, sagt sie und blickt wieder auf die Noten.

Der erste Akt

Giuseppe Verdis Oper erzählt die Geschichte des unlösbaren Konflikts zwischen Liebe und Politik: Erster Akt. Die nubische Prinzessin Aida, Sklavin am ägyptischen Hof, liebt den Feldherrn Radames, der das Heer gegen ihr Volk führen soll.

Irina Popova, die in wenigen Minuten in die Rolle „Aida” schlüpft, geht hinter den Kulissen auf und ab. Sie stimmt ein paar Töne an, bricht ab. Die Sängerin wirkt angespannt. Popova trinkt einen Schluck Wasser und stellt die Flasche am Inspizientenpult ab.

Dort bemerkt Marlene Wick die Anspannung der Sängerin und lächelt ihr aufmunternd zu. Die 64-Jährige kennt das Gefühl. Früher hat Wick selbst auf der Bühne gestanden. Doch seit 20 Jahren steht sie am Inspizientenpult.

„Es ist meine zweite Karriere am Theater”, sagt sie. Statt auf der Bühne zu singen, koordiniert sie als Inspizientin vom Rand aus. Immer noch ganz nah am Geschehen.

Jetzt singt Irina Popova als Aida im Rampenlicht von ihrem Liebeskummer, während Marlene Wick konzentriert die Noten verfolgt und die Übertitel einblendet. Auf dem Hocker sitzt zwischendurch der Chorleiter. Wick koordiniert im Stehen.

Um ihr Pult drängen sich Neugierige: Statisten, Musiker, Sänger. Von hier aus hat eben nicht nur Marlene Wick die beste Sicht auf die Bühne.

Zweiter Akt. Das ägyptische Heer hat gesiegt. Amneris, die ägyptische Prinzessin, entlockt Aida ihr Liebesgeheimnis, indem sie Aida erzählt, Radames sei gestorben. Amneris erkennt Aida als Rivalin, denn auch sie liebt Radames.

„Diese Blässe verrät sie”, singt Amneris, und am Bühnenrand zischt Wick: „Psst, bitte nicht permanent reden.” An der Wand drängen sich einige Statisten und tuscheln. „Müssen Sie wirklich alle hier stehen?”, fragt Tibor Torrell, 35, als er sich an ihnen vorbei zum Pult quetscht. „Sie sind doch erst nach der Pause dran.”

Als Regieassistent kümmert sich Torrell darum, dass die Inszenierung von „Aida” an diesem Abend so abläuft wie bei der Premiere. „Genauso, wie es sich die Regisseurin Ewa Teilmans vorgestellt hat”, sagt er.

„Marlene kümmert sich um die Technik, ich um die Sänger.” 120 Darsteller inklusive Statisten sind für die Oper „Aida” auf der großen Bühne im Theater dabei, schätzt Torrell. Hinzu kommen rund 80 Musiker.

Marlene Wick blättert in den Noten vor. Gleich ist Pause. „Wenn es einmal läuft, dann läuft es”, sagt sie. „Nur die Anfänge sind immer schwer.” Einen Extra-Aufruf für jeden Darsteller gibt es nicht. „Das geht nicht”, sagt Wick. Im Notfall wohl. „Wo ist Manuel?”, fragt Torrell plötzlich. Hektisch drückt Wick Knöpfe über ihrem Pult und spricht ins Mikro „Manuel dringend, du bist dran.” Da kommt der junge Mann, der die Nebenrolle des Emilio spielt, ans Pult und geht sofort auf die Bühne.

„Wenn ich die Knöpfe drücke, dann klingelt es in der jeweiligen Abteilung”, erklärt die Inspizientin. Dann hören die Beteiligten in der Requisite, in der Beleuchtung, in den Umkleiden, im Orchestergraben, in der Maske, in der Technik oder in der Kantine ihre Ansage über Lautsprecher. Trotz ihrer Erfahrung gilt: „Wir spielen live. Da kann immer etwas schief gehen”, sagt Wick. Per Mikro bittet sie nun alle Beteiligten zum Zwischenapplaus. Und Regieassistent Tibor Torrell ruft den Darstellern vom Rand zu: „Vorhang auf und Verbeugen.”

Nach der Pause folgt der dritte Akt. Auf einem Bildschirm über ihrem Pult sieht Wick den Dirigenten. Ein anderer Schirm zeigt das Geschehen auf der großen Bühne.

Dort eskaliert der Konflikt, als auch Aidas Vater Amonasro in ägyptische Gefangenschaft gerät. Er droht, Aida zu verstoßen, wenn sie von Radames nicht die ägyptischen Kriegspläne in Erfahrung bringt.

Wick steht am Pult, verfolgt die Noten, gibt Anweisungen über Mikro und wechselt die Übertitel. Die Inspizientin beherrscht ihre Arbeit. Souverän. Und so kann sie nebenbei genießen: „Ich bekomme hier wunderschöne Musik geboten”, sagt Marlene Wick und drückt Knöpfe. Der dritte Akt geht gleich zu Ende. „Kollegen der Technik bitte für den vierten Akt vorbereiten”, spricht Wick ins Mikro. „Beleuchtung und Requisite bitte für Folge besetzen.”

Bereit für das Finale

Nicht ahnend, dass sie belauscht werden, verrät Radames Aida einen geheimen Pfad. Amonraso, der äthiopische König, hat zugehört und Radames sein Vaterland verraten. Auch die ägyptische Prinzessin Amneris ist Zeugin. Aus Eifersucht verrät sie Radames.

Mit dem vierten Akt endet Verdis Oper. „Umbau für Szene, Duett und letztes Finale” steht auf dem Klavierauszug. „Mein Grab”, singt Radames. Wick ruft per Knopfdruck und Mikro die Damen und Herren des Chores. Die Sänger stellen sich am Bühnenrand auf. Bereit für das tragische Finale.

Radames wurde zum Tode verurteilt. Aida ist heimlich ins Grab geschlichen. Sie sterben gemeinsam.

Das Ende von Giuseppe Verdis Oper im Theater Aachen. „Super, wunderbar, Arbeitslicht bitte”, sagt Marlene Wick und zeigt ein zufriedenes Lächeln. Drei Stunden höchster Konzentration liegen hinter der 64-Jährigen, die Anspannung fällt von ihr ab.

Applaus im Saal

Alles ist glatt gelaufen an diesem Abend, im Saal hält der Applaus an. Die Besucher wissen nicht, was sich hinter der Bühne abgespielt hat, sehen und feiern nur die, die im Rampenlicht stehen.

Marlene Wicks Blick fällt auf den Hocker, den sie nie benutzt. Eigentlich könnte sie sich jetzt für einen Moment hinsetzen.
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