Tanzen in allen Variationen: „Hier guckt dich keiner doof an“

Von: Nils Heinichen
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Mekka des Streetdance: Rund 50 Kinder und Jugendliche gehen regelmäßig nur zum Tanzen in die OT Carl-Sonnenschein-Haus in der Stephanstraße im Rosviertel. Fotos (2): Ralf Roeger Foto: Ralf Roeger
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„Momentan ist es eher ein Tanzhaus“: Sozialpädagoge und Leiter Dieter Rütten über die OT Carl-Sonnenschein-Haus.

Aachen. Mehrmals in der Woche nimmt der 18-jährige Arslan Berat die weite Busfahrt von Setterich in die Aachener Innenstadt nach St. Jakob auf sich. „Seit gut einem Jahr komme ich nach hier“, erzählt er. „Bei uns gibt es so eine Möglichkeit einfach nicht, deswegen nehme ich die lange Fahrt gerne in Kauf.“ Wenn er endlich in der Offenen Tür im Carl-Sonnenschein-Haus angekommen ist, geht es sofort auf die Tanzfläche. Wie viele andere Jugendliche in seinem Alter kommt er regelmäßig in die Einrichtung, um seinem Hobby nachzugehen und sich weiter zu verbessern.

Auch Adan Celik ist Stammgast im Carl-Sonnenschein-Haus in der Stephanstraße 16-20. Dreimal die Woche ist er da, um zu tanzen, aber auch um anderen Tänzern wie Arslan zu helfen. „Ich habe mittlerweile eine Vorbildfunktion. Viele kommen zu mir und wollen etwas lernen. Es macht einfach total viel Spaß“, erklärt der 20-Jährige. Vor drei Jahren wurde er durch einen Mitschüler in seinem Abiturjahrgang auf das Angebot aufmerksam. Seitdem ist er dem Tanzsport eng verbunden. „Ich komme jedes Mal extra aus Alsdorf nach hier. Hier kann man einfach hingehen und keiner guckt dich doof an. Das Carl-Sonnenschein-Haus ist für uns ein Königreich“, ehrt er die Einrichtung.

Große Nachfrage

Angefangen hat alles vor circa 15 Jahren, erzählt Sozialpädagoge Dieter Rütten. „Zwei Jungs haben damals nach einem Raum gefragt, in dem sie tanzen könnten. So wurde dann aus dem Tischtennisraum ein Tanzraum, den die Jugendlichen selbst mit Graffiti und Tanzboden, Spiegel und Musikanlage gestaltet haben“, so der Sozialpädagoge. Doch das reichte nicht.

Die große Nachfrage erforderte einen zweiten Tanzraum. Heute gibt es sogar noch einen dritten, mobilen Tanzraum, der in der Disco ist. Der spezielle Tanzboden kann nach Bedarf verlegt werden. „Wir haben inzwischen rund 50 Kinder und Jugendliche, die regelmäßig zum Tanzen kommen“, erklärt Leiter Georg Rößler. „Es haben sich einige Tanzgruppen in Eigeninitiative gebildet. Dazu kommen drei Kurse, die ehrenamtlich angeboten werden“, ist der Leiter sichtlich stolz auf die Entwicklung. „Da steckt auch richtig Qualität hinter. Die bringen sich alles selbst bei und treten auf verschiedenen Veranstaltungen auf“, berichtet Dieter Rütten.

Großen Anteil an der Entwicklung hat dabei auch Tanzlehrer Reagan „Sugar Rae“ Dikilu, der inzwischen sogar seinen eigenen Künstlernamen hat. „Der Spitzname verdeutlicht, dass es beim Tanzen um dieses Süße geht, um den Lebensmut, den man nie verlieren soll“, erklärt der 25-Jährige. „Ich bin seit gut zehn Jahren hier. Es macht viel Freude, das, was ich damals gelernt habe, heute anderen Jugendlichen weiterzugeben. Das ist hier das Mekka des Streetdance im Kreis Aachen“, lobt er die Einrichtung.

Leiter Georg Rößler und Dieter Rütten macht die Entwicklung stolz. „Bestes Beispiel ist unser Kühlschrank. Da hatten wir kein Schloss mehr drauf. Nie ist etwas geklaut worden. Das wäre früher undenkbar gewesen“, schildert Rütten. „Unser Grundsatz ist, dass Kinder und Jugendliche eigenverantwortlich das machen können, was sie wollen. Es ist nicht unser, sondern ihr Jugendtreff. Das klappt hervorragend“, ergänzt Rößler.

Dass sich die Angebote in der Offenen Tür stetig verändern, sehen sie positiv. „Heute gibt es gezielte Angebote. Früher kamen viele nur, um Blödsinn zu machen und abzuhängen. Diejenigen bleiben heute zu Hause. Die, die hier sind, respektieren und akzeptieren sich. Da spielt auch die Nationalität keine Rolle“, betont Rütten.

Auch wenn es nach wie vor Angebote wie Darts, Billard oder Kicker gibt, ist es das Tanzen, was die Menschen ins Haus zieht. „Von sechs bis 27 Jahren will fast jeder tanzen“, sagt Rößler. Einzig Fußball ist noch ähnlich angesagt. „Wir haben ein eigenes Fußballteam, das natürlich auch an der Agot-Liga teilnimmt“, so Rütten. „Wir können in der Halle des Alexianer-Krankenhauses trainieren und unsere Heimspiele austragen. Das macht schon Laune“, ergänzt er.

Doch egal welches Angebot auch stattfindet – ob Tanzen, Fußball oder auch die Ferienspiele: Alles geht nur dank der großen Mithilfe vieler Freiwilliger, betont Leiter Georg Rößler. „Manche kannst du anrufen, dann sind die sofort da und helfen. Es geht nur mit ehrenamtlichen Helfern. Das ist wirklich toll!“

Viele Kinder sehen im Carl-Sonnenschein-Haus gar keine klassische Offene Tür mehr. „Momentan ist es eher ein Tanzhaus“, meint auch Dieter Rütten. Klar ist aber auch, dass das nicht für immer so sein muss. „Das Tanzangebot besteht nur, weil die Jugendlichen es wollen und sie voll dahinterstehen“, so der Sozialpädagoge.

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