Aachen - So oder so: Das Jahr 2012 hinterlässt Spuren

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So oder so: Das Jahr 2012 hinterlässt Spuren

Von: Werner Breuer
Letzte Aktualisierung:
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Dr. Markus Pavlovic
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Bombardier-Beschäftigte demonstrieren am 18.10.2012 in Aachen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Der kanadische Zughersteller Bombardier will sein Werk in Aachen mit 600 Beschäftigten schließen. Betroffen seien 400 eigene Beschäftigte und 200 Leiharbeiter. Foto: Ralf Roeger/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Die Alemannia ist 2012 mehr als in Schieflage geraten. Nach dem Abstieg folgte der Insolvenzantrag.
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Beim Brand dieses Hauses im Preuswald kamen im Januar drei Kinder im Alter von zwei, vier und fünf Jahren ums Leben. Foto: Ralf Roeger
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Hände hoch für die Campusbahn: Der Rat setzte im Dezember das Großprojekt mit satter Mehrheit auf die Schiene. Foto: Andreas Herrmann
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Archäologe Dr. Markus Pavlovic hat den Beweis aus dem Öcher Dreck gebuddelt: Aachen gab es schon in der Steinzeit. Foto: Andreas Herrmann
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Der Kampf geht weiter: Die Beschäftigten des Talbot-Bombardier-Werkes an der Jülicher Straße wollen die angekündigte Schließung ihres Werkes nicht hinnehmen. Die Protestaktionen dauern auch am Jahresende noch an. Foto: Ralf Roeger

Aachen. War das nun ein gutes Jahr für die Aachener, oder sollten sie es nur seufzend abhaken? Bricht die Stadt in eine verheißungsvolle Zukunft auf, oder versinkt sie im Sumpf diverser Krisen? Antworten mögen dereinst die Historiker finden, wenn sie mit Blick auf das große Ganze Entwicklungen und Weichenstellungen als richtig oder falsch einsortieren.

 Zum Jahresabschluss sortieren wir nur mal ein bisschen vor...

Für den Arbeitsmarkt fing das Jahr 2012 mies an, und noch mieser hört es jetzt auf: Im Januar verkündete die Becker Textil GmbH die Schließung der letzten Aachener Tuchfabrik zum 30. September. 179 Beschäftigte verloren damit ihren Arbeitsplatz. Ein paar Tage später verpasste der japanische Pharmariese Takeda dem Wirtschaftsstandort den nächsten Schlag. Er verlagerte seine Vertriebsaktivitäten nach Berlin und machte die Aachener Niederlassung dicht – die nächsten 140 Jobs waren weg.

Großer Kahlschlag

Den ganz großen Kahlschlag kündigte dann im Herbst der Waggonbauer Bombardier an: Im Oktober erfuhren 600 „Talbötter“ – wie sich die Mitarbeiter des fast 175 Jahre alten Werkes an der Jülicher Straße nennen – dass die Konzernspitze ihre Arbeit für verzichtbar hält. Die Nachricht von der beabsichtigten Schließung löste Bestürzung aus, aber auch Wut. Eine Welle der Solidarität machte viele Aachener zu Talböttern, sie protestierten mit Mahnwachen, Martinszügen und anderen Aktionen gegen die Pläne. Kurz vor Weihnachten schickte Oberbürgermeister Marcel Philipp gemeinsam mit NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider und dem niederländischen Provinzgouverneur Theo Bovens einen Brief an die oberste Teppichetage im kanadischen Montreal. In diplomatisch fein gebügelten Formulierungen erklärten sie dem Bombardier-Aufsichtsrat, dass die Entscheidung vielleicht etwas widersinnig sein könnte angesichts einer Renaissance des Schienenverkehrs.

An der soll sich auch Aachen beteiligen. Im Januar präsentierten OB Philipp und seine Mitstreiter von Aseag, AVV, RWTH, Stawag und IHK ihre Vision einer Campusbahn. Die hat mit der alten Tram, die 1974 aufs Abstellgleis geschoben wurde, außer dem Schienenstrang nicht mehr viel gemein. Die Hightech-Bahn mit Batteriestrom und Ladestationen auch für andere elektrisch betriebene Fahrzeuge wird von den Initiatoren hymnisch besungen als komplett neues Mobilitätskonzept und Rückgrat der Elektromobilität in Aachen. Das gibt es natürlich nicht zu einem Schnäppchenpreis. Bei einer Investitionssumme von rund 240 Millionen Euro schnappten Skeptiker erst nach Luft und gründeten dann eine Bürgerinitiative. Der Zusammenschluss unter dem Namen „Campusbahn=Größenwahn“ warnte vor finanziellen Spätschäden, weil sich die Stadt mit dem Jahrhundertprojekt ihrer Ansicht nach verhebt. Bis Dezember sammelte die Initiative über 9000 Unterschriften für ein „Initiierendes Bürgerbegehren“, das die neue Stadtbahn ausbremsen sollte. Die Zahl hätte gereicht, doch die Partie gegen die Bahnvorantreiber endet einstweilen unentschieden.

Am 19. Dezember beschloss der Rat mit einer satten Mehrheit aus CDU, SPD, Grünen und Linken erstens den Bau, zweitens aber auch einen Ratsbürgerentscheid. Dass nun die Öcher – voraussichtlich im März – selbst entscheiden sollen, mag die Initiative als „Teilerfolg“ feiern. Aber nun muss sie ihre Gefolgsleute zu den Urnen treiben, sonst kommt die Bahn. Doch auch ohne das hypermoderne Elektromobilitätskonzeptverkehrsmittel hätte es zu einer Innovation schon gereicht: Ratsbürgerentscheid – das gab‘s in Aachen noch nie.

Auf den Segen der Bevölkerung verzichtet wurde dagegen bei einem anderen bürgerinitiativenträchtigen Thema. Den Ausbau der Windenergie hat der Rat im November beschlossen und damit dreijährige Scharmützel mit den Gegnern der geplanten neuen Rotoren einstweilen beendet. Vier Anlagen können demnach im Aachener Norden platziert werden, sieben weitere im Münsterwald. Nachdem die Kritiker im Süden mit Schwarzstorch, Rotmilan und anderen Tierarten in den Kampf gegen die Windmühlen gezogen waren, wollen sie nun sehen, ob juristisch noch was geht.

Alemannia und Aachen

Juristen müssen nun auch das Verhältnis zwischen Alemannia und Aachen klären, nachdem die Stadt im November Anzeige gegen den inzwischen geschassten Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer erstattet hat. Von dem fühlen sich die Stadtväter und -mütter (und auch viele -kinder) betrogen, weil die noch im Frühjahr vorgelegten Zahlen wohl irgendwie nicht gestimmt haben können. Auf deren Grundlage hatte der Rat am 7. März einen Rettungsschirm für den Fußballklub gespannt, auf dass er von der Schuldenlast für sein neues Stadion nicht erdrückt werde. 18,4 Millionen Euro lieh sich die Stadt zinsgünstig bei der Bank, um sie als Darlehen an den klammen Klub weiterzureichen. Ein Kredit in gleicher Höhe kam von der Aachen-Münchener. Gereicht hat es trotzdem nicht: 4,5 Millionen Euro fehlten der Alemannia schon im Herbst für die laufenden Geschäfte, bis zum Saisonende wären rund zwölf Millionen Miese aufgelaufen. Im November stellte die Alemannia Insolvenzantrag.

In der Zwischenzeit hatte sich der Zweitligist auch sportlich in die Dritte Liga heruntergearbeitet und dort ebenfalls das Kellergeschoss erreicht. In diesen Tiefen klingelt die Kasse nicht mehr so gut. Doch treue Fans gehen weiterhin zum Tivoli, kaufen Rettungs-T-Shirts und hoffen auf einen Neustart in der vierten Liga. Denn bekanntlich bleibt eins immer bestehen: Alemannia wird nicht untergehen. Spötter meinen hingegen, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Bei der Kaiserplatz-Galerie war sie schon fast tot. Nach der jahrelangen Hängerpartie um das voluminös geplante Einkaufszentrum kam Anfang März zunächst Bewegung in die Sache. Die Konzerne Strabag Real Estate und ECE unterzeichneten Vorverträge und signalisierten, auf der trostlosen Trümmerbrache mitten in der Stadt das 240-Millionen-Ding hochziehen zu wollen. Doch trotz Fristverlängerung wurde der Notarvertrag bis zum 10. Mai nicht unterschrieben, und von der Projektentwicklungsgesellschaft Adalbertstraße (PEA), der die Grundstücke zu diesem Zeitpunkt noch gehörten, hatten viele Ratspolitiker die Nase ziemlich voll. An eben diesem 10. Mai beschloss der Planungsausschuss denn auch einstimmig, den bestehenden Bebauungsplan in die Tonne zu treten und die Rückabwicklung der schönen Shopping Mall anzugehen. Doch kurz vor Toresschluss nutzten die Investoren doch noch ihre letzte Chance: Ende September kauften Strabag und ECE die 43 Grundstücke. Die Kaiserplatz-Galerie mit rund 130 Geschäften soll nun bis Ende 2015 fertiggestellt sein.

Drei Kinder sterben bei Feuer

Auch andere Ereignisse des Jahres haben Spuren hinterlassen. Für die Eltern der drei kleinen Kinder im Alter von zwei, vier und fünf Jahren, die bei einem Wohnhausbrand an der Lütticher Straße ums Leben kamen, ist die Welt seit jenem 18. Januar eine andere. Und der 29. März wird sich wohl in das Gedächtnis einer jungen Mutter einbrennen, die beim Überqueren der Lütticher Straße von einem Motorradfahrer erfasst worden war. Der Säugling auf ihrem Arm überlebte den Unfall nicht.

Im Juli wurde ein 81-jähriger Mann mit schweren Kopfverletzungen tot in seiner Wohnung gefunden. Unter Verdacht geriet schnell seine Enkelin, im Dezember wurde sie wegen Totschlags verurteilt. Für Aufregung sorgte im August das Verschwinden der kleinen Dilara. Die Fünfjährige wurde 13 Tage lang vermisst, dann befreite ein Sondereinsatzkommando der Polizei das Mädchen aus einem Call-Shop in Eschweiler. Der Ex-Freund der Mutter hatte das Kind entführt.

Aufregung ganz anderer Art gab es im Frühjahr um die Musikschule: Die schwarz-grüne Ratsmehrheit wollte sie wegen ungenügendem Brandschutz vom Blücherplatz an die Eintrachtstraße umsiedeln. Dort hätten Abend­realschule und Abendgymnasium dann weichen müssen, was alle Beteiligten einigermaßen erboste. Es hagelte Proteste. Schließlich wurden die Umzugspläne abgeblasen: OB Philipp räumte „Fehleinschätzungen“ ein und verkündete, dass die Musikschule am Blücherplatz bei laufendem Betrieb saniert werden soll. Das kostet mit 2,5 Millionen Euro zwar etwas mehr als die Herrichtung des Gebäudes an der Eintrachtstraße (740000 Euro), aber dafür ist für alle Beteiligten die Welt wieder in Ordnung.

Bakterien im Weiher-Schlamm

In Unordnung geraten war sie auch am idyllischen Schlossweiher in Richterich. Seit Anfang Juli waren dort immer wieder Fische und Vögel verendet. Als Ursache wurden Botulismus-Bakterien im Schlamm des Weihers ausgemacht. Im September gab‘s Entwarnung: Die Bakterien sind für Menschen nicht gefährlich.

Zum guten Schluss dann doch noch etwas für die Historiker: Durch archäologische Funde gelang im Jahr 2012 der Beweis, dass es Aachen schon in der Steinzeit gab. Ohne Bahn und Shopping Mall natürlich, nur eine kleine Siedlung unweit des Katschhofs, aber vermutlich mit viel Wind, und womöglich haben die Ur-Öcher im 5. Jahrhundert vor Christus schon sowas wie Fußball gespielt und dabei immer „Alle Mann, ja“ gerufen. Und daraus hat sich dann etwas entwickelt, deshalb heißt das Stadtentwicklung.

Mitarbeit: Gerald Eimer, Martina Feldhaus, Margot Gasper, Achim Kaiser und Holger Richter

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