Aachen - Sinfonieorchester: „Talbötter“ konnten die Seele baumeln lassen

Sinfonieorchester: „Talbötter“ konnten die Seele baumeln lassen

Von: Heiner Hautermans
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Die Idee von Orchestervorstand Werner Gronen (l.) begeisterte IG Metall-Chef Franz-Peter Beckers und Betriebsrat Josef Kreutz. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Gemeinsamkeit im Eurogress war greifbar. „Die Familie und die Firma Talbot haben über 150 Jahre das kulturelle Leben geprägt. Das Sinfonieorchester ist 1852 als städtisches Orchester gegründet worden“, sagte Orchestervorstand Werner Gronen am Silvestervormittag im Großen Saal. „Wir sind etwa gleich alt und beide Institutionen in dieser Stadt. Und man kann sich kaum vorstellen, dass eine mal nicht mehr existiert!“

Um ihre Solidarität zu bekunden und ein Zeichen zu setzten, hatten die Musiker den Vorschlag gemacht, die „Talbötter“ zur Generalprobe für das Neujahrskonzert einzuladen, und überraschend viele Beschäftigte des von der Schließung bedrohten Aachener Werks waren der Einladung in den Veranstaltungstempel gefolgt. Die Idee sei aus der Mitte des Orchesters gekommen, das Eurogress habe spontan zugestimmt und das Personal und die Getränke für einen kleinen Empfang bereitgestellt, berichtet Werner Gronen zuvor auf Anfrage. Er drückte auf der Bühne zunächst die tiefe Betroffenheit des Orchesters über die Pläne der Konzernleitung aus.

Talbot wurde 1838 gegründet und 1995 an die Schienenfahrzeughersteller Bombardier verkauft, das Sinfonierorchester Aachen zählt zu den ältesten Klangkörpern Deutschlands. Es wurde erstmals 1720 erwähnt und bestand anfangs aus Militärmusikern der Stadtgarde, bevor es 1852 zur festen ständigen Einrichtung wurde. Besonders im 20. Jahrhundert gar es viele Querverbindungen zwischen beiden, legte Orchestervorstand Gronen dar.

Theater und Orchester hätten nämlich schon oft Solidarität von Talbot erfahren, so sei 1916 eine Tallbotstiftung für bedürftige Mitglieder des städtischen Orchesters ins Leben gerufen worden: „Das hat sich Gott sei Dank überlebt“, die rund 70 Musiker gehen schließlich heute einer festen Beschäftigung nach.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Fabrikhallen an der Krefelder Straße im zerstörten Aachen mit die ersten, die wieder ein festes Dach bekamen, so dass dem Orchester dort Probemöglichkeiten angeboten wurden. Zuvor hätten schon Konzerte in der Talbothalle der RWTH stattgefunden. „Wie bereits sein Vater hat Konsul Richard Talbot nachhaltig sowohl das kulturelle als auch das wirtschaftliche Leben in Aachen geprägt.“ So sei er von 1955 bis 1973 Vorsitzender und später Ehrenvorsitzender der Gesellschaft der Musik- und Theaterfreunde Aachen, später auch Mitglied des Theater- und Musikausschusses gewesen, berichtete der Musiker weiter aus der Vergangenheit. Aber auch in jüngerer Vergangenheit sei Unterstützung von Bombardier gekommen, etwa für die Ausrichtung der Kurpark-Classics.

„Heute wollen wir Danke sagen. Letztlich waren und sind es die Mitarbeiter eines Unternehmens, die eine Förderung oder Unterstützung ermöglichen“, brachte Werner Gronen die Dinge auf den Punkt und wünschte, dass 2013 die Weichen für eine gute Zukunft gestellt werden: „Es macht Mut, wie engagiert Sie sind,“ sagte Werner Werner Gronen, seit 1978 zweiter Geiger, bevor er das Kommando an an Generalmusikdirektor Kazem Abdullah abgab.

Der entführte die „Talbötter“ in die Welt von Richard Wagner, Johann Strauß, Giuseppe Verdi oder Aaron Copland. Dabei traf es sich gut, dass die Atmosphäre einer Generalprobe naturgemäß lockerer ist als die eigentlichen Aufführungen. So störte es niemanden, dass ein Baby mit im Europasaal war, kein strenger Dresscode herrschte (Jeans und Pulli reichten aus) oder der GMD immer wieder mal ein Stück abbrach und einzelne Passagen wiederholen ließ. Als er am Ende bei den Zugaben die Besucher aufforderte, beim Radetzky-Marsch mitzuklatschen, war die Begeisterung komplett: Die Talbötter dankten mit stehenden Ovationen – dem Reitturnier sei Dank.

Im Schängche sind die Talbötter schon gewesen, das Sinfonieorchester zeigte Solidarität, Widerstand gegen die Schließungspläne eint die gesellschaftlichen Kräfte von IHK bis SAV – eine Region bäumt sich auf. So bleibt nur zu hoffen, dass in Kanada endlich der Talbot-Groschen fällt. Der ist nach unbestätigten Meldungen ebenfalls einmal für Unterstützungszwecke erhoben worden.

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