Sie laufen nicht weg, sie wollen irgendwo hin

Von: Margot Gasper
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Ich bin dann mal weg: Nach Sch
Ich bin dann mal weg: Nach Schätzungen verschwinden in der Städteregion jährlich rund 100 demente Senioren von zu Hause oder aus dem Altenheim und irren orientierungslos durch die Straßen. Foto: Heike Lachmann

Aachen. „Verwirrter Mann mit Rollator im Bus!” Diese Meldung erreichte vor ein paar Tagen die Aachener Polizei. Die Sache ging gut aus. Die Beamten nahmen den 94-Jährigen in Eschweiler in ihre Obhut. Nicht immer endet es so glimpflich.

In Stolberg-Münsterbusch wurde Anfang Juli eine 76-Jährige vermisst. Erst fünf Tage später wurde sie gefunden. Die Frau hatte Glück im Unglück: Sie hat ihr Abenteuer überlebt.

In ihrer Vermisstenstatistik verzeichnet die Polizei nicht eigens, wie viele Senioren von zu Hause oder aus dem Altenheim verschwinden und orientierungslos durch die Straßen laufen. Nach Schätzungen der Polizei kann man aber davon ausgehen, dass allein in der Städteregion pro Jahr rund 100 alte Menschen von der Polizei gesucht werden. Tendenz steigend.

Allein in Aachen leiden schätzungsweise rund 4000 Menschen an Demenz. Mehr als die Hälfte von ihnen wird zu Hause von Angehörigen versorgt. Wenn Ehemann, Mutter oder Schwiegervater dazu neigen wegzulaufen, dann macht das die ohnehin aufreibende Pflege noch schwieriger, weiß Lotta Hülsmeier. „Für die Angehörigen ist das ganz hart.”

Hülsmeier ist stellvertretende Leiterin im Demenznetz Aachen. Die Initiative unterstützt und untersucht die häusliche Versorgung von Demenzerkrankten. Eine Frau, berichtet Hülsmeier, habe sich jahrelang Nacht für Nacht mit dem Gürtel des Bademantels an ihren dementen Ehemann gebunden. Sie hatte Angst, nicht rechtzeitig wach zu werden, wenn der Senior wieder einmal loslaufen wollte.

Die Fachwelt, erläutert Hülsmeier, spreche heute nicht mehr vom Drang zum Weglaufen, sondern vielmehr von „Hinlauftendenzen”. Denn ein dementer Mensch, der sich auf den Weg macht, läuft in der Regel zu etwas hin. „Demente leben in ihrer eigenen Welt, in ihrer Vergangenheit”, erklärt Hülsmeier. „Da kann es hilfreich sein herauszufinden, warum sie loslaufen und wohin sie wollen.” Hülsmeier rät Angehörigen auch, das Umfeld zu sensibilisieren. „Die Nachbarn sollten Bescheid wissen.” Auf dem Land, weiß sie, klappe das meist besser. „Da passt das Umfeld mit auf.” Auch reichlich Beschäftigung und Bewegung am Tag könne helfen. „Dann haben die Kranken nachts nicht so viel überschüssige Energie.”

Manchmal helfen auch schon kleine Umbauarbeiten in der Wohnung, rät Hasan Alagün vom Demenz-Service-Zentrum für die Region: „Die Wohnungstür abdunkeln oder hinter einem Vorhang verstecken. Die Tür zum Wohnzimmer dafür hell und einladend gestalten. Es gibt da eine ganze Menge Möglichkeiten, damit ein Angehöriger mit Demenz gar nicht erst versucht, rauszukommen.”

Beschäftigung gegen Unruhe

Im Tagespflegehaus der Diakonie an der Malmedyer Straße werden überwiegend Frauen und Männer mit Demenz betreut. „Im Moment haben wir zwei Frauen hier, auf die man ein Auge haben muss”, berichtet Andrea Trapp, Altenpflegerin und Fachkraft für Gerontopsychiatrie im Tagespflegehaus. Gerade Frauen, die ihr Leben lang viel und hart gearbeitet haben, leben häufig mit dem dringenden Gefühl, dass sie unbedingt etwas erledigen müssen, wenn sie betagt und verwirrt sind. „Ich bin nicht zum Rumsitzen hier”, sagen sie und machen sich auf, um zu Hause für die Kinder zu kochen - für Kinder, die längst erwachsen sind.

Eine Patentlösung im Umgang mit Lauftendenzen gibt es nicht, sagt Andrea Trapp. „Das ist individuell ganz verschieden und ändert sich manchmal sogar von Tag zu Tag.” Häufig lasse sich die Unruhe mit Beschäftigung ganz gut auffangen. Dazu versuchen die Betreuer herausfinden, was der verwirrte Mensch sinnvoll findet und was er gerne macht. „Bei einer unserer Damen funktioniert das super mit Hauswirtschaft”, berichtet Trapp. „Sie backt hier und bringt sogar ihre eigene Schürze mit. Und manchmal hilft es, einfach eine Runde mit spazieren zu gehen und den dementen Menschen dann vorsichtig zurückzulotsen.”

Die Arbeiterwohlfahrt macht in ihren Altenheimen gute Erfahrungen mit dem sogenannten Multiton-System. Senioren mit Lauftendenz bekommen (mit Einverständnis der Angehörigen) einen kleinen Sender ans Handgelenk, der im Notfall übers Telefon das Personal alarmiert. „Das System ist beruhigend fürs Personal und entspannend für die Angehörigen”, weiß Gaby Lang, Leiterin der beiden AWO-Seniorenwohnsitze Morillenhang und Kennedypark. Am Kennedypark gibt es alleine fünf Türen zur Tiefgarage hin, erklärt sie. „Die kann man nicht ständig im Auge behalten.” Einfach die Türen abschließen sei ohnehin nicht drin, erläutert AWO-Geschäftsführerin Gabriele Niemann-Cremer. „Unsere Seniorenwohnsitze sind keine geschlossenen Einrichtungen.”

Grundsätzlich setzt man bei der AWO darauf, eine Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen, zum Beispiel mit viel Licht, breiten Fluren und einem Sinnesgarten. Die Philosophie dahinter: Wer sich geborgen fühlt, hat weniger das Bedürfnis, woanders zu sein. „Wir bemühen uns auch sehr, auf die Vorlieben unserer Bewohner einzugehen”, erläutert Gaby Lang. Essensgewohnheiten, Tagesrhythmus oder Musikgeschmack werden berücksichtigt.

So wachsam Angehörige und Pflegepersonal auch sind: Ganz ausschließen kann man nie, dass ein altersverwirrter Mensch sich plötzlich auf den Weg macht. Die Polizei, berichtet Sprecherin Sandra Schmitz, fahnde stets mit großem Aufwand nach vermissten Senioren. Je später die Abwesenheit allerdings auffällt, desto schwieriger ist die Suche. „Die meisten Senioren werden innerhalb eines Tages gefunden”, sagt Schmitz. „Über Nacht wirds allerdings gefährlich.”

Deshalb appelliert die Polizistin eindringlich an die Öffentlichkeit: Bitte die Augen offenhalten und eingreifen! Einen Menschen, der in Hausschuhen und Bademantel und offensichtlich orientierungslos unterwegs sei, sollte man nicht einfach weiterlaufen lassen. Im Notfall sollten Zeugen die Polizei herbeirufen. Der Senior, der mit seinem Rollator im Bus unterwegs war, kam so in die Obhut der Beamten, bevor sein Verschwinden überhaupt gemeldet wurde.

Auch Lotta Hülsmeier vom Demenz-Netz plädiert für mehr Mut zur Aufmerksamkeit auf den Straßen. „Wenn jemand offensichtlich nicht mehr weiter weiß, dann sollte man sich trauen, ihn anzusprechen.”
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