Aachen - Sie lassen vergessene Geschichten wieder aufleben

Sie lassen vergessene Geschichten wieder aufleben

Von: Martina Feldhaus
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Es ist nur einer von vielen Orten, die sie für ihre Stimmen-Texte erlauscht haben: Die Autorinnen und Autoren des Projekts am Bismarckturm an der Monschauer Straße. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die Idee kam Willi Achten morgens, ganz spontan. Mit Leonhard Cohen im Kopf, „The wind in the trees is talking in tongues“ – der Wind in den Bäumen spricht in Zungen. Das ist es, dachte sich Achten. Und schon war die Idee zu dem neuen Schreibprojekt „Stimmen hören“ geboren. Willi Achten ist Schriftsteller, er lebt in den Niederlanden bei Aachen. Und er gibt beim Literaturbüro Euregio Maas-Rhein Schreibseminare.

Für die Bewerbung Maastrichts und der Euregio als Kulturhauptstadt Europas 2018 wollte er mit seinen Autorenkollegen einen Beitrag leisten. Da kam das geplante euregionale Fest der Amateurkünste im Juni genau richtig. Hunderte Künstler aus dem Dreiländereck waren aufgerufen, sich an der Show im Maastrichter MVV-Stadion zu beteiligen. Eine der Leitlinien der Maastricht-Bewerbung lautet „Speaking in Tongues“ – in Anspielung auf die Vielsprachigkeit der Region und die verschiedenen Ausdrucksweisen in Körper, Musik, Bildern und Sprache.

Wie vielseitig allein die deutsche Sprache sein kann, was sie erzählen, lebendig machen, aufdecken kann, weiß Achten als Schriftsteller nur zu gut. Warum also nicht die vergessenen Stimmen der Euregio wieder erlebbar machen? Mit literarischen Texten? „Die Idee war, die Tiefenschichten von Orten in unserer Region, die historisch, kulturhistorisch, architektonisch aufgeladen sind, wieder an die Oberfläche zu bringen“, erklärt Achten. „Also ihre Stimmen, die der Toten, der Ungehörten, der Verschollenen, der Geehrten, der Verstoßenen hörbar zu machen.“

Für diese Aufgabe hatte er in seinem Seminar genau die richtigen Autorinnen und Autoren. Sie alle suchten sich einen besonderen Ort, setzten sich mit ihm und seiner Vergangenheit auseinander, lauschten hin und brachten schließlich etwas zu Papier. Herausgekommen sind kurze, assoziative Texte, irgendwo zwischen Lyrik und Prosa. Gattungsgrenzen spielten keine Rolle. Das zeigt zum Beispiel der Text von Hartwig Mauritz, erfolgreicher und ausgezeichneter Lyriker aus Vaals. Er guckte sich unter anderem den Aachener Bismarckturm aus.

Sein poetisches Prosastück vereint gleich mehrere, fiktive Ebenen, Rückblicke und Erinnerungen. An den Urgroßvater im Ersten Weltkrieg, der auf dem Ehrenfriedhof unter Granitbrocken begraben liegt. Und an Otto von Bismarck und dessen blutigen Kriege im 19. Jahrhundert, dessen eiserne Politik, Frauengeschichten und die Ausbildungszeit in Aachen. „Es ist durchaus eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Reichskanzler. Und mit der Erinnerungskultur in Form der vielen nach ihm benannten Türme bis heute“, erklärt Mauritz.

Das Thema Krieg in all seinen schrecklichen Facetten zieht sich durch das Projekt „Stimmen hören“. „Die Autoren waren an ihren Orten ganz offen, es gab keine inhaltlichen Vorgaben“, erklärt Achten. „Und trotzdem taucht Krieg fast überall auf. Das Thema steckt im kollektiven Unterbewussten. Selbst die jüngeren Teilnehmer kamen daran nicht vorbei.“

Die Aachener Domwache

Auch Anke Hinrichs, die sich ebenso wie Hartwig Mauritz nach längerer Zeit des Lyrik-Schreibens wieder der Prosa nähert, kam bei „ihrem“ Ort nicht um den Krieg herum. Sie hat den Dom gewählt und blickt mit einer Kurzgeschichte auf den jungen Gustav, der im Zweiten Weltkrieg zur Domwache in Aachen gehörte. In einer vermeintlichen Pause der zerstörerischen Bombenangriffe will er mit seiner Geliebten Maria durch die Stadt spazieren gehen. Am Ende schützt er Maria mit dem eigenen Körper vor Splittern – und stirbt.

„Es ist eine sehr traurige Geschichte. Eine, die nie erzählt, nie aufgeschrieben wurde, wie so viele Geschichten im Krieg“, sagt Hinrichs. „Ich gebe Gustav eine Stimme.“ Um diese Stimme glaubhaft zu machen, hat die Autorin den Dom auf sich wirken lassen, aber auch recherchiert, sich Bilder nach den Bombenangriffen angeschaut. Herausgekommen ist ein Text-Stück mit großen Anteilen inneren Monologs, Gedankenfetzen, die durch Gustavs Gehirn strömen. Als Geschichte kann man Hinrichs und Mauritz Texten trotz der bildhaften Sprache folgen. Genau wie den anderen Texten, die etwa am mittlerweile still gelegten Bahnhof Montzen, am US-Friedhof in Hürtgenwald oder am Kalksteinbruch in Walheim entstanden sind.

Gelesen haben alle Autoren des Projekts „Stimmen hören“ bereits am 2. Juni beim Amateurkünste-Fest in Maastricht. Eine tolle Veranstaltung, da sind sich alle einig. Aber für ihre Texte – feinsinnig, mehrschichtig, teils traurig – war es auch ein bisschen zu viel Trubel. „Teils mussten wir gegen Musik anlesen“, berichtet Hartwig Mauritz. „Das hatte schon was von Jahrmarkt-Atmosphäre.“

Jetzt möchten einige Projektteilnehmer noch mal lesen. In einer stilleren Umgebung. Die haben sie gefunden, im Rahmen des Kulturfestivals „Across the Borders“. Am Freitag, 30. August, tragen Birgit Bodden, Hartwig Mauritz, Eva Boßman, Hannes Rogler, Frauke Buchholz und Anke Hinrichs in der Citykirche vor. Kurze, bildreiche, poetische und intensive Texte erwarten die Zuhörer.

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