Aachen/Auschwitz - Schüler sprechen über Auschwitz: „Was wir dort erlebt haben, ist unfassbar“

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Schüler sprechen über Auschwitz: „Was wir dort erlebt haben, ist unfassbar“

Von: Peter Pappert
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Geschichtsbewusst (von links): Jonas Hänel, Annika Dorka, Mahruf Nazari, Zoe Voegeli, Marie Neises, Eleonore Kaerner und Sepideh Taheri von der Aachener Heinrich-Heine-Gesamtschule. Foto: Michael Jaspers
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Das frühere Konzentrationslager Auschwitz: Die heutige Gedenkstätte ist im vorigen Jahr von mehr als zwei Millionen Menschen besucht worden. Foto: imago/epd
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Er lebt seit 28 Jahren in der Nähe der Gedenkstätte: Manfred Deselaers. Foto: Thomas Hohenschue

Aachen/Auschwitz. „Wir waren in Auschwitz. Wir haben geheult“, sagt Marie Neises. Die Schülerin der Aachener Heinrich-Heine-Gesamtschule spricht ernst und leise. „Was wir dort erlebt haben, ist unfassbar. Das kann kein Unterricht vermitteln.“ Ihre Mitschülerin Zoe Voegeli war mit ihr in Auschwitz.

Sie berichtet von Schuhen, Brillen, Haaren, die dort aufgehäuft liegen. „Man muss das sehen; da reichen keine Texte und Fotos. Ställe, in denen Menschen lebten, ein Gefängnis, wo die Gefangenen tagelang stehen mussten.“

Die zwei 19-Jährigen erzählen über eine „extreme Erfahrung“, die sie nachhaltig berührt und beschäftigt habe. „Für uns war das sehr belastend“, sagt Neises. „Viele haben sehr geweint – auch am Abend danach noch.“ Für die beiden steht fest: Jeder muss das sehen – aber ohne Zwang.

Erst kürzlich ist wieder intensiv darüber diskutiert worden. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) und Rolf Isaacsohn, Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Leipzig, plädieren für Pflichtbesuche in ehemaligen Konzentrationslagern während der Schulzeit. Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und der Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen KZ Sachsenhausen, Günter Morsch, warnen davor, halten eine Pflicht für kontraproduktiv; es komme auf die eigene Motivation der Besucher an.

Neises und Voegeli lehnen es ab, Schüler zu einem Besuch zu verpflichten. Aber sie fordern, dass es jedem ermöglicht wird, ohne großen Aufwand in ein ehemaliges KZ zu reisen. Das müsse von den Schulträgern unterstützt und gefördert werden. „Das ist ganz wichtig“, sagt auch ihre Mitschülerin Eleonore Kaerner.

Aus der Geschichte lernen

Die drei und vier weitere Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Heine-Gesamtschule haben sich mit unserer Zeitung getroffen, um über den Nationalsozialismus, Unterricht und Besuche in früheren Konzentrationslagern zu sprechen. Sie kennen sich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte offensichtlich gut aus, und es ist deutlich zu spüren, dass es ihnen nahegeht, dass es nicht irgendein Unterrichtsstoff ist, sondern etwas zu tun hat mit ihrem eigenen Leben. Aus der Geschichte zu lernen, ist offensichtlich nichts, was ihnen pädagogisch übergestülpt wird, sondern die naheliegende Konsequenz, die sie selbst ziehen.

„Ich war mit Zoe in Dachau“, sagt Annika Dorka. „Die Erfahrung, die ich da gemacht habe, kann kein Unterricht ersetzen – kein Bild, kein Text, kein Video, kein Vortrag.“ Für sie ist zwar klar, „jeder sollte es als Pflicht empfinden, dorthin zu gehen, einmal ein früheres KZ zu sehen“, aber auch sie will keinen Zwang. In der politischen Debatte wird zudem gefordert, vor allem auch junge Menschen mit Migrationsgeschichte mit der Shoah – der Vernichtung der Juden – zu konfrontieren. Sepideh Taheri hat von jungen Leuten aus Zuwandererfamilien schon die Frage gehört: Was habe ich damit zu tun? „Damit hat jeder zu tun“, sagt sie. „Das muss alle interessieren. Es ist grundsätzlich falsch zu sagen, das geht mich nichts an.“

Ein langes Telefongespräch nach Polen: Manfred Deselaers ist Priester des Bistums Aachen und lebt seit 28 Jahren in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. Als Vizepräsident einer Krakauer Stiftung kümmert er sich dort – in Oswiecim – im Zentrum für Dialog und Gebet darum, dass insbesondere Schülerinnen und Schüler ihre Eindrücke in der Gedenkstätte angemessen verarbeiten können. Er bietet Einführungs- und Reflexionsgespräche an, die intensiv genutzt werden. Voegeli hat gesagt: „Es ist vor allem wichtig, dass man nach dem Besuch in Auschwitz miteinander darüber spricht.“ Dem stimmt Deselaers zu. Das Zentrum, in dem er arbeitet, will nach eigenem Verständnis „für alle Menschen, die betroffen sind von dem, was dort geschehen ist, unabhängig von ihrer religiösen Orientierung, einen Ort schaffen, der zu Besinnung, Begegnung, Lernen, und Gebet einlädt“.

„Der Ort spricht von allein“

 

Deselaers hat hier mit ungezählten jungen Menschen aus vielen Ländern – aber besonders aus Deutschland – gesprochen. „Meine Erfahrung ist, dass sie immer sehr betroffen sind. Sie wissen, warum sie hier sind. Der Ort ist so stark, dass er von allein spricht. Wir können das nur begleiten. Das eigentliche Programm ist die Begegnung mit dem Ort, mit der Erinnerung an das, was hier vor mehr als 70 Jahren passiert ist.“ Viele Lehrer, die mal in Auschwitz waren, kommen nach Deselaers’ Erfahrung wieder. „Wir haben fast immer zwei oder drei Gruppen aus verschiedenen Schulen gleichzeitig im Haus. Viele Lehrer kenne ich.“

„Die Schüler, die hier waren, erzählen, dass es sich gelohnt hat, weil sie etwas Wichtiges gesehen und gelernt haben“, sagt Deselaers. Sie seien erschüttert, wie Menschen mit Menschen umgehen. Sie verstünden nicht, wie so etwas möglich ist. „Manchmal kommt die Frage nach Gott – aber nicht so häufig wie früher. Von muslimischen Schülern kommt sie erstaunlicherweise fast nie.“

Ob Besuche in KZ-Gedenkstätten für Schüler verpflichtend sein sollten, müssen nach Deselaers’ Einschätzung Pädagogen entscheiden. „Aber die Themen, um die es geht, sind sowieso da, ob man sie nun wahrnimmt oder nicht.“ Dafür müsse man nicht unbedingt nach Auschwitz kommen. „Die Züge nach Auschwitz sind auch in Aachen losgefahren.“ Besuche in KZ-Gedenkstätten seien nicht per se ein wirksames Instrument gegen Antisemitismus. „Ein Besuch dort heilt nichts.“ Die Reflexion des dort Wahrgenommenen sei wichtig. „Wenn die gelingt, versteht man vielleicht besser. Aber da gibt es keinen Automatismus.“

Deselaers warnt: „Was damals möglich war, ist auch heute möglich. Es kann sich wiederholen.“ Deshalb sei die Konfrontation mit dem Grauen von Auschwitz so wichtig. „Wir sind verantwortlich für Gegenwart und Zukunft. Auschwitz zeigt uns, was möglich ist, wozu der Mensch im negativen Sinne fähig ist.“ Die Shoah übersteige jedes Vorstellungsvermögen. „Hier – an diesem Ort – wird etwas konkret fassbar.“

Sepideh Taheri sagt: „Es ist nicht so weit weg, wie man meint.“ Hoch engagiert und deutlich beziehen sie und die anderen Schülerinnen Position. Auch sie halten die direkte Konfrontation mit den nationalsozialistischen Verbrechen für notwendig. Kaerner legt Wert auf „zeitgeschichtliche Gegenstände“, Voegeli auf verschiedene Quellen: „Wir lesen Berichte von Opfern und Texte von Tätern. So können wir uns eine eigene Meinung bilden.“

Es fällt den Schülerinnen nicht schwer, das Thema auf die Gegenwart zu übertragen: „Was passiert, wenn Minderheiten diskriminiert werden?“, fragt Dorka. „Das betrifft jeden.“ Jeder müsse schon für erste Anzeichen sensibel sein, fordert Kaerner. „Dass wir es nach 1945 einmal überwunden haben, heißt nicht, dass Radikalisierung und Volksverhetzung nicht wiederkommen können. Und das gibt es leider wieder.“ Neises: „Diskriminierung kann in jedem Land passieren – jederzeit.“ Voegeli: „Das betrifft uns alle.“

Die nicht geholfen haben

Die Schülerinnen setzen sich selbstkritisch mit der Frage auseinander, wie sie selbst sich verhalten, ob sie Verfolgten geholfen hätten. „Das ist schwierig zu beantworten. Wir sind nicht in der Situation“, meint Dorka. „Wir haben das nie erlebt.“ Und die junge Frau zieht gleich Parallelen zu aktuellen Streitfragen: „Deshalb ist es problematisch, die zu verurteilen, die heute fliehen. Wir wissen doch gar nicht, was sie erlebt haben.“

Taheri stellt die Schuldfrage: „Wer hat Schuld? Auch die, die nicht geholfen haben? Helfe ich?“ Mit entwaffnender Offenheit will sich Kaerner nicht selbst unterschätzen, aber fragt sich, wie groß ihr Unrechtsbewusstsein in einer existenziell bedrohlichen Situation wäre. „Meine Kinder würde ich schützen wollen – auf jeden Fall.“ Wie weit man sich selbst in Gefahr begibt, hänge stark davon ab, wie sehr man Verantwortung für eine Familie oder andere Menschen habe.

Jonas Hänel plädiert dafür, das gesamte NS-Thema im Unterricht noch intensiver zu behandeln; „es muss immer wieder Denkanstöße geben“. Die nationalsozialistische Schreckensherrschaft werde in ihrer Schule gründlich behandelt, keineswegs zu intensiv – eher im Gegenteil. „Es sind damals so viele Menschen einfach umgebracht worden“, sagt Mahruf Nazari. „Wir lernen noch zu wenig darüber.“ Er fragt sich, was Menschen zur AfD treibt. „Wie kommt es zu so viel Unzufriedenheit? Wir können lernen, was sich damals daraus entwickelt hat.“

Doktorarbeit über Rudolf Höß

Die Erinnerung an die Shoah ist laut Deselaers sowieso da. „Es nützt nichts zu sagen, ich habe damit nichts zu tun, ich bin zu jung, und meine Eltern waren auch noch zu jung.“ Die Generation der Großeltern und Urgroßeltern sei verantwortlich. „Der deutsche Staat hat das gemacht. Die Deutschen haben das gemacht – mit den Juden, mit den Polen, mit den Russen, mit den Sinti und Roma“, sagt Deselaers. Deren Erinnerung verschwinde auch in den folgenden Generationen nicht. „Was machen wir damit? Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Nur so kann Vertrauen untereinander entstehen.“

Deselaers hat seine Doktorarbeit über Rudolf Höß geschrieben, den Kommandanten von Auschwitz. Dabei habe er erkannt, „wie wichtig es ist zu verstehen, dass das, was in Auschwitz geschah, in der Ideologie der Nazis erklärbar war und auch erklärt wurde“. Man müsse sich mit der NS-Ideologie auseinandersetzen, um die Täter zu verstehen. „Die deutsche Intelligenz hat ja mitgemacht – auch Professoren an den Universitäten.“

Himmler habe seinen SS-Leuten erklärt, warum die Vernichtung der Juden um der Zukunft willen nötig sei. „Er hat es begründet. Sonst wäre das nicht passiert“, sagt Deselaers. Die Shoah habe mit kleinen Schritten angefangen. „Dessen müssen wir uns bewusst bleiben und sensibel sein für das, was heute geschieht. Dahinter steht immer die Frage nach der Würde des Menschen.“

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