Schöne Abende voller Aachen-Nostalgie

Von: Marc Wahnemühl
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Am Schluss ist alles gut: Heinz Grosjean (Uwe Brandt, l.) und Willi Hermanns (Bernd Büttgens) stoßen auf einen gelungenen Abend an und singen „Oes, du Froehliche“. Minutenlange stehende Ovationen gab es für die beiden Top-Akteure nach der brillanten Vorstellung. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Teuven. Wenn Uwe Brandt, Intendant des Grenzlandtheaters, und Bernd Büttgens, stellvertretender Chefredakteur der Aachener Nachrichten, beide Bühnenveteranen und für ihre Darstellungen beliebt, einen gemeinsamen Theaterabend ankündigen, ist die Erwartungshaltung nicht groß, sondern gewaltig. Diesmal haben sie sogar die Grenzen Aachens verlassen und sind ins ostbelgische Teuven, genauer in den Saal Patria neben dem Café Modern, gezogen, um dort Heinz Grosjean (Brandt) und Willi Hermanns (Büttgens) in „Oes, du Fröhliche!“ abendfüllend auf die Bühne zu bringen.

Dort machen 200 Zuschauer Stimmung für gefühlte 2000. So wird aus dem Auswärtsspiel ein Öcher Heimspiel. Zweimal 200 Karten innerhalb von drei Tagen ausverkauft, allein durch den Einsatz sozialer Netzwerke und eines Blogs: Mund-zu-Mund-Propaganda modern.

Die Zuschauer erwarten zwei exzellente Theaterabende voller Aachen-Nostalgie mit guter alter Schauspiel-Handwerkskunst. Das Bühnenbild: ein Wohnzimmer in Brauntönen, Röhrenradio, Telefon mit Drehscheibe. Die Protagonisten: zwei Männer in Anzug, Krawatte, einer mit grauer Strickjacke, beide dicke, unmoderne Brillengestelle. Willi Hermanns, Sedan–straße, arbeitet bei der Friedhofsgärtnerei und hat Stress, weil vor Weihnachten die Leute so viel sterben. Heinz Grosjean, Steinkaulplatz 14, ist im Aachener Katasteramt beschäftigt, wo es auch rundgeht; er hat dortselbst soeben erst den Buchstaben gewechselt. Beiden sind die Frauen verstorben, Großjean seine Hilde, Hermanns die Mutter. Sie sind allein.

Zehn Tage vor Heiligabend kommen, seit 24 Jahren, Heinz und Willi zusammen, um mal bei diesem, mal bei jenem, „d’r Boum“ aufzustellen, zu schmücken und den Wiederaufbau der Krippe zu begehen. Die Nordmanntanne, ein in seiner Piseligkeit prächtiges Herz-Jesu-Bäumchen, sorgt ebenso für Lacher wie die zahlreichen Momente mitten aus der Öcher Seele, die Brandt und Büttgens zelebrieren: Wenn sich Willi und Heinz über die Aseag auslassen. Wenn die Alemannia-Weihnachtskugel ganz unten hinten am Baum landet. Und wenn der „Mann aus dem Laden unten im Haus, dem sein Backofen explodiert ist“, sich als Michael Nobis, Chef der gleichnamigen (Printen-)Bäckerei herausstellt, mit dem die beiden angeregt aus dem Backstübchen plaudern und dabei das eine oder andere Gläschen Wiemele (Johannisbeerschnaps) verputzen.

Ihre Figuren haben die Darsteller aus dem Leben abgeguckt, spielen aber keine Karikaturen, sondern liebenswerte Männer mit typischen Öcher Macken, das Herz immer am rechten Fleck, oft auch auf der Zunge.

Publikum singt mit

Heinz und Willi tragen den Abend, doch Brandt und Büttgens wissen, dass Abwechslung und Überraschung dazugehören. Also holen sie sich Gaststars ins Wohnzimmer. Der „Küns’ler“ von unten wird mit solchem Unterton eingeführt, dass man den brotlosen Tagträumer schon vor dem geistigen Auge hat. Es ist aber Manfred Leuchter, Aachener Weltbürger, Ausnahmeakkordeonist und seit Jahren Produzent von Reinhard Mey, er lässt sich befragen und gibt drei Stücke zum besten, darunter das „Aachener Heimatlied“ von Friedel Schwartz, vom Publikum textsicher mitgesungen.

Überhaupt mitsingen: Texte aller Lieder, live von „Die Drei“, sprich Ägid Lennartz, Heinrich Fries und René Brandt gespielt, werden per Beamer eingeblendet. René Brandt kommt als dritter Gast in seiner 4-Amigos-Rolle als großes Kind Paul Pooetz aus der Viktoriastraße zu Besuch.

Weihnachtszeit ohne Geschenke? Geht auch bei Heinz und Willi nicht. Willi: „Dieses Jahr schenke ich dir etwas ganz Persönliches.“ Heinz: „Aber nicht deine Dauerkarte von der Alemannia.“ Willi: „Was hältst du von einem Abo fürs Grenzlandtheater?“ Heinz (ganz trocken): „Meinst du nicht, dass ich da noch ein bisschen jung für bin?“

Dann ist das Ritual vorüber, der Abend zu Ende, Heinz im Mantel auf dem Weg zur Tür. Beide sind sich ihrer Einsamkeit bewusst, über ihre Schatten springen und sich einladen, Heiligabend gemeinsam zu verbringen schaffen sie nicht. Aber dann kommt auf der Leinwand per Beamer noch die herzerwärmende Auflösung: eine Diaschau mit Willi und Heinz im Smoking, nicht nur gemeinsam, sondern sogar mit Nobis, Leuchter und Pooetz feiernd, ein Schnelldurchlauf und eine Verheißung, dass alles gut wird zugleich. Und zum Schluss singen alle zusammen „Oes, du Fröhliche!“.

Dass der Reinerlös der beiden Abende dann auch noch dem Café Plattform zugute kommt, das es ebenso seit 24 Jahren gibt wie das Baumschmücken von Heinz und Willi, passt perfekt.

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