Aachen - Schimpfen, singen, schnattern auf Öcher Platt

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Schimpfen, singen, schnattern auf Öcher Platt

Von: Heinrich Schauerte
Letzte Aktualisierung:
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Gelungene Vorstellung: Marita Toussaint überzeugt in ihrer Rolle als Tant Hazzor in der Premiere von „Der versiegelte Bürgermeister”. Das Aachener Heimattheater, im Bild vier Schauspieler in Öcher Penn-Uniform, bringt den Klassiker auf die Bretter mit vier Bühnenbildern. Foto: Martin Ratjczak

Aachen. Es ist doch ein großer Unterschied, ob man einen bayrischen Schwank in Öcher Platt übersetzt und hier und da mit etwas Lokalkolorit drapiert, oder den Meister selbst zu Wort kommen läßt! Nach 23-jähriger Abstinenz bringt das Aachener Heimattheater den unverwüstlichen Klassiker „Der versiegelte Bürgermeister” von Will Hermanns auf die Bretter.

Unglaubliche Verwicklungen

Bei der Premiere am Samstag fiel das gewaltige Bühnenbild auf, das den Aachener Markt samt Rathaus, Apotheke und Karlsbrunnen fast in Lebensgröße zeigt. Dort, in Kaiser Karls guter Stube, spielen sich die unglaublichen Verwicklungen ab. Streng, unerbittlich und egoistisch, wie Aachener Bürgermeister nun mal sind, will Amtsinhaber Vonderworm nicht nur den armen Geliebten seiner Tochter ins Burtscheider Ausland strafversetzen, sondern sich auch noch mit den Marktweibern anlegen. Denn Finanzkrisen wurden immer schon dadurch bekämpft, dass man den kleinen Leuten in die Tasche griff. In diesem Fall den Marktweibern.

Aber nicht mit Tant Hazzor! Dieses Öcher Maatwiiv, standesgemäß met Hore open Zäng ausgerüstet, widersetzt sich met Hazz än Siel nicht nur dem erschröcklichen Maatpoliss Noppenei, sondern sogar einer kompletten militärischen Streitmacht.

Denn niemand Geringeres als die Öcher Penn rückt an, um den Marktweibern die zusätzliche Steuer abzupressen und ansonsten ihr Hab und Gut zu beschlagnahmen. Diese Truppe ist ein Kabinettstückchen für sich.

Angeführt wird sie von Hans Mommer, der unerschütterlich stotternd dieser Welt entrückt scheint, und in ihren Reihen finden sich Gestalten wie Werner Herrmann, der immer irgendwo zwischen Schabautsbrur und Kopfschuss irrlichtert. Penn-Kommandant Jürgen Brammertz bescheinigte ihnen hinterher, dass sie besser marschierten als seine Originale.

Brüller gibt es bei Bresser (Besenbinder Knoppholz) in Schiesser, bei Männelein Rübenkraut, der seine Liebe mit medizinischen Fachausdrücken gesteht, bei einer Ritterrüstung, die plötzlich lebendig wird und den vielen kleinen Einfällen, die so ein langes Stück braucht.

Etwa auch beim Transport des spielentscheidenden Schrankes quer durch den ganzen Saal. Da müssen sogar ein paar Zuschauer mithelfen, wobei auch der letztjährige Öcher Karnevalsprinz eine tragende Rolle spielte.

Schränke sind bei Schwänken bekanntlich unverzichtbar. Diesmal landet sogar der Bürgermeister höchstpersönlich im Schaaf, und das wird auch noch mit seinem eigenen Siegel gesichert. Das kommt davon, wenn man Hausfrauen nachsteigt, deren Männer gerade in der „Kette” wichtige Besprechungen mit den Penn-Soldaten haben. Und wenn man seine Tochter mit reichen Erben aus Jülich verkuppeln will, statt sie dem redlichen Öcher Bürroquespel Schang zu lassen.

Diese und andere Verwicklungen hat Regisseur Bernd Dreyer mit hohem Aufwand in Szene gesetzt. 45 Mitwirkende sorgen für einen turbulenten Abend. In vier bunten Bühnenbildern wird feinstes Öcher Platt geschimpft und geschnattert, wird gesungen und paradiert.

Zwischendurch gibt es immer mal wieder kunstvolle Lieder in Original-Vertonung, die man aus alten Aufnahmen rekonstruiert hat. Pralles Öcher Leben zeigen die Marktszenen, sehr aufwändig und stilvoll sind die Kostüme. Ein Höhepunkt ist die Schlacht zwischen Marktweibern und Öcher Penn, bei der die Kappesköpp bis ins Publikum fliegen.

Ins Schaaf komplimentiert

Schauspielerische Glanzpunkte setzen wie immer Marita Toussaint als Tant Hazzor und Maria Hyrenbach als Fing Knoppholz, die den „huren Herrn Bürgermeister” ins Schaaf komplimentiert. Vornehm geht ja in Aachen meistens ins Auge, etwa auch bei der Frage „Bist Du es, mein Allerwertester?”

Noch lange wird man wahrscheinlich davon reden, dass der verliebte Schang am Ende tatsächlich den Schlüssel vom Schaaf vergessen hat, der seinem Glück alleine noch im Wege steht. Aber auch das wurde souverän überspielt, und natürlich kriegen sich am Ende alle.

Eine rundum gelungene Aufführung, die man vielleicht noch etwas flotter spielen sollte, um den Abend wenigstens auf zweieinhalb Stunden zu begrenzen.
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