Schienen, Weichenstellungen und Richtungsfragen

Von: Werner Breuer
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Campusbahn
Endstation für die Campusbahn: Beim Ratsbürgerentscheid im März folgte eine Mehrheit dem Kritiker Maximilian Slawinski (links) und lehnte das ambitionierte Projekt ab, für das Oberbürgermeister Marcel Philipp (rechts) so sehr geworben hatte. Foto: Harald Krömer

Aachen. So viel Weichenstellung war selten: Das nun abgelaufene Jahr werden die Aachener wohl gut in Erinnerung behalten als eine Zeit, in der viel von Schienen und Richtungen die Rede war.

Im Frühjahr fiel eine Richtungsentscheidung gegen die Schiene: Eine Campus-Bahn wollen Öcher nicht, diese Lehre müssen die Befürworter des 240 Millionen-Projekts wohl ziehen aus dem Bürgerentscheid im März. Dabei hätte das hypermoderne Nachfolgemodell der in den 1970er Jahren ausrangierten Tram sicher das Zeug zum echten Hingucker gehabt. Oberleitungsfrei sollte es durch die Innenstadt rollen, angetrieben durch Strom aus Batterien, deren Ladestationen auch Elektroautos oder anderen E-Mobilen als „Tankstelle“ zur Verfügung gestanden hätten.

Doch 54.841 Öcher sagten „Nö“. Nötig sei die Bahn nicht, dafür aber teuer, wahrscheinlich würde sie noch teurer als kalkuliert, und die mit ihrer Einrichtung zwangsläufig verbundenen Baustellen würden die Stadt ins Chaos stürzen. Das sahen zwar 27 825 Aachener anders, doch die Zahl der Befürworter reichte eben nicht. Der Zug war abgefahren.

Ob die Beteilungsquote beim Bürgerentscheid tatsächlich bei 43 Prozent gelegen hat, mag später einmal genau nachgerechnet werden. Denn die Volkszählung kam im Sommer zu dem Ergebnis, dass Deutschlands westlichste Großstadt gar nicht so groß ist wie gedacht. Laut Zensus 2011 hat Aachen nicht mehr als 250.000 Einwohner, sondern bloß 236.420 Hauptwohnsitzler. Dabei wähnte sich die Stadt bislang auf Wachstumskurs. Doch der Trend zeigt offenbar in eine andere Richtung.

Angriff der „Krokodile“

Wohin die Reise geht, fragte sich auch die Aachener CDU. Konservativen Christdemokraten passte offenbar seit längerer Zeit die Richtung nicht mehr. Die Niederlage bei der Campusbahn, für die auch die CDU-Fraktion im Rat gestimmt hatte, machte das Maß nun voll. Schon wenige Tage nach dem Bürgerentscheid sägten die „Krokodile“ – benannt nach ihrem Versammlungslokal – am Stuhl des Fraktionsvorsitzenden Harald Baal. Und ein paar Wochen später verlor er seinen Posten in einer Kampfabstimmung. Baals Stellvertreterin Maike Schlick setzte sich an die Spitze der Fraktion, was der Partei allerdings keinen inneren Frieden bescherte. So schmiss etwa Arno Gerets als Schatzmeister das Handtuch wegen der Querelen.

Der Richtungsstreit in der CDU konnte auch den grünen Koalitionspartner nicht kaltlassen. Schließlich hatten die Grünen personalpolitisch wichtige Weichen gestellt; als Nachfolger für den scheidenden Stadtdirektor Wolfgang Rombey schlugen sie ihren Parteifreund Reiner Daams vor. Dass der Lebensgefährte der grünen NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann in Aachen für die Bereiche Kinder, Jugend, Schule und Kultur verantwortlich sein sollte, schmeckte der CDU gar nicht.

Nachdem zuvor schon die FDP über den „grünen Amigo-Filz“ gelästert hatte, verweigerte schließlich auch die CDU dem Wunschkandidaten ihres Juniorpartners die Unterstützung. Die Grünen hätten mit dieser Personalie „den Bogen überspannt“, kritisierte auch der christdemokratische Oberbürgermeister Marcel Philipp. Damit waren die Weichen gestellt für den Bruch der Koalition, CDU und Grüne fahren seit Mai wieder auf getrennten Gleisen.

Immerhin ist die Rombey-Nachfolge inzwischen geregelt. Im November wählte der Rat Susanne Schwier zur neuen Dezernentin für Bildung und Kultur, Jugend, Schule und Sport. Und auch der Aachener Friedenspreis hat wieder einen Lokführer: Der Verein wählte Ralf Woelk zum Vorsitzenden. Der örtliche DGB-Chef beendet damit eine Interimszeit ohne eine Person an der Spitze.

Führerlos waren im Sommer auch viele Linienbusse. Weil die Aseag mit einem hohen Krankenstand zu kämpfen hatte, mussten im großen Stil Fahrten gestrichen werden. Dafür aber nahm die Kaiserplatz-Galerie Fahrt auf. Nach jahrelanger Hängepartie wurde beim ersten Spatenstich für das Großprojekt – 290 Millionen Euro werden investiert, entstehen sollen 130 Geschäfte auf 29.000 Quadratmetern – erst einmal der Name geändert. Der Einkaufstempel soll fortan „Aquis Plaza Aachen“ heißen.

Einen neuen Namen trägt jetzt auch die traditionsreiche Waggonfabrik Talbot. Nachdem der kanadische Bombardier-Konzern sein Werk an der Jülicher Straße zunächst dichtmachen wollte, führten die Kämpfe um seinen Erhalt letztlich zu einem guten Ende. Die Talbot Services GmbH, eine Tochter des Baesweiler Unternehmens Quip, führt den Schienenfahrzeugbau nun weiter, 270 „Talbötter“ können bleiben.

In die falsche Richtung gelaufen ist wohl etwas beim Stadtbetrieb. Hier sollen Mitarbeiter illegal Müll entsorgt haben und nicht genehmigten Nebentätigkeiten nachgegangen sein. Die Ermittlungen dazu ziehen sich noch lange hin. Derweil hat sich die Stadt ein fast neues Stadion gegönnt: Für einen Euro kaufte sie den neuen Tivoli, den sie ohnehin maßgeblich mit­finanziert hatte.

Anfang Mai wurde eine 71-jährige Frau in ihrer Wohnung in der Oppenhoffallee mit zahlreichen Messerstichen getötet, nur 24 Stunden später ein 55 Jahre alter Mann in der Kongressstraße. Am 24. Mai nahm die Polizei einen 31-jährigen Drogenabhängigen fest, dem beide Taten zur Last gelegt werden. Der Prozess geht im nächsten Jahr weiter.

In die falsche Richtung gelaufen ist auch eine versuchte Festnahme im Ostviertel. Ein Polizist, der einen mit Haftbefehl gesuchten jungen Mann verfolgte, sah sich plötzlich selbst von eine Gruppe junger Leute verfolgt. Der Beamte konnte sich in Sicherheit bringen und Verstärkung rufen, doch die Polizei sah sich dann auch wieder einer Übermacht gegenüber – und zog sich zurück. Es folgte eine Serie von Razzien im Ostviertel, über die sich vor allem Jugendliche und Geschäftsleute beklagten. Bei einem Forum der „Nachrichten“ kamen beide Seiten einmal ins Gespräch.

Aus dem Hut gezaubert

Viel geredet wurde auch über den Bunker an der Rütscher Straße. Gegen den Plan von Investor Norbert Hermanns, den Klotz abzureißen und dort Wohnungen zu errichten, formierte sich Widerstand. Kritiker verwiesen auf die historische Bedeutung des Gebäudes und seine Rolle bei Kriegsende. Abgerissen wird der Bunker trotzdem, allerdings will Hermanns gegenüber eine Erinnerungsstätte errichten.

Die Weichen für die Kommunalwahl wurden zum Jahresende schon gestellt, maßgeblich von der CDU. Im Herbst kündigte Oberbürgermeister Marcel Philipp an, seine eigentlich bis Herbst 2015 laufende Amtszeit zu verkürzen und schon bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr als Spitzenkandidat anzutreten. Das freute seine Christdemokraten und erwischte die SPD auf dem falschen Fuß. Die musste nun flott einen Gegenkandidaten aus dem Hut zaubern. Zwei waren drin, Björn Jansen und Thomas Hissel. Zuerst zog Jansen aus persönlichen Gründen zurück, dann Hissel auch. Am Ende wurde dann doch Jansen nominiert.

Bei allen Weichenstellungen bleibt eines doch beim alten: Das Karlspreisdirektorium präsentierte Herman van Rompuy als neuen Preisträger. Auf der Vorschlagsliste standen auch die Rolling Stones. Aber es muss wohl ein EU-Politiker sein.

Mitarbeit: Gerald Eimer, Martina Feldhaus, Achim Kaiser, Wolfgang Schumacher

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