Aachen - Sanft schwebt der Turm zu Boden

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Sanft schwebt der Turm zu Boden

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
Ein Kran hebt der Dachreiter v
Ein Kran hebt der Dachreiter von Heilig Kreuz ab und lässt ihn zwischen Kirche und ehemaligem Klostergebäude zu Boden. Foto: A. Herrmann

Aachen. „Ein bisschen Gottvertrauen muss man da schon mitbringen”, schätzt Architekt Mathias Paulssen mit himmelwärts gerichtetem Blick. Gemeint ist der Dachdecker, der in luftiger Höhe auf einer Turmspitze herumturnt.

Diese gehört zur Kirche Heilig Kreuz, um Gottvertrauen an den Tag zu legen ist der Standort also gar nicht so verkehrt. Der Handwerker hat an diesem Mittwochmorgen allerdings anderes im Sinn: Mit geübten Handgriffen verbindet er die bereits wie ein Geschenk eingeschnürte Turmspitze mit dem über seinem Kopf baumelnden Kranhaken. Grund für den Schwindel erregenden Frühsport: Der nach dem Krieg erneuerte Vierungsturm auf dem hinteren Teil des Kirchenschiffs (nicht zu verwechseln mit dem großen Turm zur Pontstraße hin) ist in die Jahre gekommen.

In der Gemeinde merkte man das an herab rieselndem Mörtel und rissigem Gewölbe. Durch Wind und Wetter hätten die Auflösungserscheinungen sich über kurz oder lang auch auf das Dach übertragen. Die immerhin gute zwölf Meter hohe Spitze des Dachreiters muss also runter - eine Operation am offenen Kirchturm, 350 000 Euro teuer.

An ihr beteiligt sind neben Architekten und Dachdeckern auch Statiker, Zimmermänner und Blitzschutzbauer. Von ihnen hat der Eingriff, laut Bauleiter Paulssen ein recht ungewöhnlicher, eine gute Vorbereitung verlangt.

In den vergangenen Tagen wurde so bereits die Schieferabdeckung teilweise entfernt, anschließend dicke Holztraversen durch das von der Straße her eigentlich recht filigran wirkende, tatsächlich aber satte vier Tonnen Kampfgewicht auf die Waage bringende Türmchen gejagt. Nachdem am Morgen dann störende Autos, deren Halter wohl die entsprechenden Warnhinweise übersehen haben, abgeschleppt waren, konnte der Kranwagen samt Begleitfahrzeugen anrücken. Was das Gewicht betrifft, ist der Dachreiter von Heilig Kreuz für ihn ein Kinderspiel.

Der Kran kann nämlich kann bis zu 75 Tonnen heben und ist somit eigentlich für diesen Einsatz überdimensioniert. Statt von der schmalen Kreuzherrenstraße aus muss er jedoch aus Richtung Pontstraße über das gesamte Gebäude hinweg arbeiten. Ein schmalbrüstigeres Gefährt würde da zu leicht aus dem Gleichgewicht geraten.

Bevor das altersschwache Stück Sakralarchitektur abheben kann, müssen jedoch erst mal die letzten Verbindungen zwischen dem Dachreiter und dem Rest des Gebäudes gekappt werden. Es wäre ja schließlich ganz schön doof, wenn am Ende die komplette Kirche am Haken baumelt. Oder ob doch die imposante Schwarzenegger-Statur des Kranwagens an ihre Grenzen stieße? Jedenfalls wird erst einmal die Knochensäge ans Skelett gesetzt, dann endlich darf der Kranführer zeigen, was er kann.

Die besondere Herausforderung für ihn: Die auf dem Weg vom Dach zum Boden scheinbar größer und größer werdende Turmspitze muss beinahe auf den Zentimeter genau zwischen der Kirche und dem ehemaligen Klostergebäude nebenan abgesetzt werden. Und weil letzteres ihm von der Pontstraße her die Sicht versperrt, muss die Hängepartie blind zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden. Natürlich helfen dabei die mit Funkgeräten ausgestatteten Kollegen.

Nach einigen Minuten schließlich gibt es Applaus für den Mann im Kran: Der Patient steht sicher auf dem Boden, wo zunächst eine internistische Untersuchung ansteht und nach der Diagnose dann die Behandlung. Die paar Monate im Freien wird er ganz bestimmt auch noch überstehen.

Und als Diebstahlsicherung sollten vier Tonnen Eigengewicht wohl ausreichen.
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