Riesenbaustelle Kaiserplatz: Viele sind froh, dass es endlich losgeht

Von: Heiner Hautermans
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Der Anblick ist überwältigend und verleitet immer wieder Passanten, eine Weile innezuhalten und die emsigen Arbeiten in der 18.000 Quadratmeter großen Baugrube zu verfolgen. Die Sohle ist an der Adalbertstraße (158 Meter über Normalnull) sechs Meter tief, am Adalbertsberg im Hintergrund 15 Meter. Foto: Ralf Roeger

Aachen. So ganz trauen die Öcher dem Braten noch nicht. Zu viele Versprechungen und falsche Ankündigungen hatte es gegeben, als das Aquis Plaza noch Kaiserplatz-Galerie genannt wurde. Doch langsam dreht sich der Wind auf Aachens größter Baustelle, das bekommen auch die dort 50 Beschäftigten mit. „Viele fragen sich, funktioniert das auch wirklich“, formuliert es Bauleiter Adnan Ed-Daoudi.

 In der Tat ist es schwer zu glauben, dass die vielfältigen Aktivitäten in dem Riesenloch einem großen Plan folgen und irgendwann zu einem Gesamtergebnis führen. Auf den ersten Blick wirkt das gewaltige Vorhaben eher wie eine surreale Mondlandschaft.

Vorherrschend sei freilich jetzt bei den Zaungästen die Erleichterung, „dass es jetzt endlich losgeht“, sagt Diplom-Ingenieur Ed-Daoudi. Sein Chef Johannes Schlenter von der gleichnamigen Bauunternehmung fügt hinzu, dass man eigens einen Balkon errichtet habe, damit die Neugierigen besser das Wachsen des Riesenprojektes verfolgen können. „Das wird durch die Bank positiv wahrgenommen.“ Als einziges regionales Unternehmen ist Schlenter derzeit mit dem Spezialtiefbau am Kaiserplatz beschäftigt, in einer Arbeitsgemeinschaft mit drei anderen großen Unternehmen. Schon dieses Vordringen in den Untergrund ist beeindruckend.

Gewaltige Ausmaße

„Wir stehen hier vor der größten Baugrube, die es in Aachen je gegeben hat“, sagt Geschäftsführer Schlenter zur Begrüßung. Die Zahlen sprechen für sich: Beim Erdwall auf dem Alten Tivoli mussten 40.000 Kubikmeter Erdreich abgetragen werden, bei den Carolus Thermen transportierten seine Lkw 80.000 Kubikmeter ab, von der etwa 200 Meter langen und 100 Meter breiten Baustelle zwischen Adalbertsberg und Kaiserplatz sind es rund 170.000 Kubikmeter – das entspricht etwa 17.000 Lkw-Ladungen. Nicht einfacher wird die gewaltige Ausschachtung dadurch, dass ein Teil des Aushubs aus Fels besteht, genauer devonischem Famenne, 360 Millionen Jahre alt, wie Diplom-Geologe Stefan Proeck erläutert, Projektleiter der Firma Bilfinger, die ebenfalls der Arbeitsgemeinschaft angehört.

Für das harte Gestein braucht man schweres Gerät, einer davon wird anschaulich „Felsripper“ genannt. Er lockert mit seinen hydraulisch vibrierenden Reißzähnen den Fels, so dass er zum Autobahnkreuz gefahren werden kann, wo er als Untergrund für neue Fahrbahnen verwendet wird. Ein glücklicher Umstand, dass beide Großbaustellen relativ nahe beieinander liegen, sonst hätte es noch viel mehr Transporte als die derzeit 150 Lkw-Bewegungen pro Tag gegeben. Bevor man aber in die Tiefe gehen konnte, mussten 50 Häuser im Viertel abgerissen werden.

Weshalb muss überhaupt so tief hinunter? Schließlich werden die Parketagen im Aquis Plaza oben angeordnet, die Pkw werden durch die unterirdische Einfahrt von der Stiftstraße aus, die noch ausgebaggert werden muss, über eine Spirale in die Höhe geführt. Im Untergeschoss wird die gesamte Anlieferung stattfinden, Technik und Logistik untergebracht, erläutern die Fachleute vor Ort. 29.000 Quadratmetern Verkaufsfläche werden errichtet, angesiedelt werden sollen Geschäfte aus dem gehobenen Segment. Unmittelbar angrenzend wird ein Wohn- und Geschäftshaus gebaut. Dort sollen insgesamt 34 Wohnungen entstehen.

Um überhaupt ausschachten zu können, mussten rund um die Grube rund 700 Pfähle bis zu 20 Meter tief in den Boden gerammt werden. Dies war nur möglich durch den Einsatz teuren Drehbohrgeräts. Einer der Großbagger, 1,4 Millionen Euro teuer, kam frisch aus Lagos nach Aachen, der Seetransport erfolgte über Rotterdam. In Nigeria half er, eine Baugrube unweit des Atlantiks auszuheben. Bedient wird derartige Spezialapparatur von besonders geschulter Mannschaft. Die kommt teilweise aus Ostdeutschland, jeden Montagmorgen um 2 Uhr setzen die Männer sich in den Wagen, um in den Westen der Bundesrepublik zu brettern.

Ein Wunder fast, dass es bislang noch nicht zu ernsthaften Unfällen gekommen ist, eine Rippenprellung nach einem Fehltritt war bislang das schlimmste Ereignis. Projektleiter Proeck: „Es ist ein knallharter Job.“

Den machen auch die Archäologen, die allerdings mit feineren Werkzeugen immer noch auf dem Riesengelände unterwegs ist. Momentan hat man wieder einen Brunnen aus dem Hochmittelalter gefunden. Wahrscheinlich befanden sich in der wasserreichen Gegend bei St. Adalbert zahlreiche Gerbereien. Johannes Schlenter ist froh, dass zum Beispiel keine römische Therme ausgegraben worden ist, dann hätte es nämlich längere Verzögerungen gegeben. Oder dass der Fels, auf den man gestoßen ist, nicht härter war. Das hätte ebenfalls mehr Zeit und Geld erfordert, ebenso wie die fachmännische Entsorgung illegal entsorgter Altöle aus den 1970er Jahren.

Damit nichts abrutscht

Derartige Unwägbarkeiten sind auch schuld, dass derzeit niemand genau sagen kann, in welcher Höhe sich die Endabrechnung bewegen wird. Mal ist bei den Bauherren ECE und Strabag von 280 Millionen Euro die Rede, mal von 290 Millionen. Sicher ist aber, dass bis Weihnachten der letzte Pfahl in die Erde gerammt ist und damit so etwas wie ein geschlossener Topf hergestellt ist. Der soll verhindern, dass ringsum das Grundwasser abgesenkt wird und dadurch Gebäude auf die schiefe Ebene geraten. Rundum gibt es deshalb Kontrollmessungen und -bohrungen.

Ende März, so der Bauplan, werden die Tiefbauer fertig sein und abziehen. Schon im Januar beginnen die Arbeiten für den Rohbau, Ende 2015 soll Eröffnung sein.

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