Aachen - Richterich: Zwölf Jahre unter dem Hakenkreuz

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Richterich: Zwölf Jahre unter dem Hakenkreuz

Von: Werner Czempas
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Spannende Fleißarbeit: Nach zweijähriger Recherche haben Jan Pontzen (links) und Josef Frings ihre Broschüre „Die Gemeinde Richterich 1933 - 1945” vorgelegt. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Arzt Wilhelm Freund war ein Gegner der Nazis. Das zeigte er auch. Wenn das Dorf an nationalen Festtagen nahezu von Haus zu Haus für den Führer die Hakenkreuzfahne hisste, machte die Familie Freund nicht mit.

Das trug dem Doktor mit einer Demo vor der Praxis den lautstarken Protest Hunderter Dorfbewohner und Berufsverbot ein.

Als der Eierhändler Jean Mevissen eine Kneipe übernehmen wollte, nötigte der Ortsgruppenleiter der NSDAP ihn, zuerst in die Nazi-Partei einzutreten.

Solche Geschichten und viele andere haben die Autoren Jan Pontzen (20) und Josef Frings (75) in einer 92 Seiten starken Broschüre aus Deutschlands brauner Vergangenheit zusammengetragen.

Das Dorf war damals noch eine selbstständige Gemeinde mit rund 4000 Einwohnern und bestand aus den Ortsteilen Richterich, Horbach und Bank (heute Herzogenrath). „Die Gemeinde Richterich 1933 bis 1945 - Einblicke in die NS-Zeit” heißt das Buch. Herausgegeben wird es von den Heimatfreunden des Heydener Ländchens.

Mit ihrem Werk wollen Pontzen, Student der Geographie an der RWTH, und der ehemalige Versicherungskaufmann Frings eine Lücke in der Heimatgeschichte schließen.

„Über die Nazizeit ist in unseren Orten nur sehr wenig recherchiert und aufgearbeitet worden”, schreiben die beiden im Vorwort. Pontzen, seit 2002 Chronist der Pfarre St. Heinrich in Horbach, kam beim Stöbern im Kirchenarchiv auf die Idee. Frings, Mitbegründer der Heimatfreunde, war begeistert und machte mit.

Zwei Jahre lang haben die beiden vom Kreisarchiv über das Landesarchiv Düsseldorf bis hin zum Belgischen Staatsarchiv in Eupen in Unterlagen geblättert. In vielen langen Gesprächen haben sie 20 aussagebereite Zeitzeugen befragt. „Ihr kommt zu spät”, haben andere gesagt oder einfach mitgeteilt, „über damals nicht mehr reden” zu wollen.

So kamen viele Geschichten und Dokumente ans Licht: von der NSDAP und ihren Jugendorganisationen und dem Einmischen der Partei in das öffentliche Leben Richterichs, von Bürgermeistern und Ortsgruppenleitern, von der Politik und Verwaltung und den Wahlergebnissen bis 1938, vom Schicksal des Bürgermeisters Alois Jost und vom Horbacher Pfarrer und Nazi-Gegner Reiner Klein, vom Kriegsgeschehen in Richterich und den Zivilopfern, von den ersten Wochen der Nachkriegszeit und einem spektakulären Prozess vor dem alliierten Kriegsgericht im belgischen Verviers, in dem zwei Horbacher knapp der Todesstrafe entgingen.

Per Zufall gerieten die Autoren an das als Anhang beigefügte Tagebuch der damals 13-jährigen Edith Jansen aus Horbach, die von September 1944 bis Februar 1945 Tag für Tag in knappen Worten die Kriegsereignisse im Dorf notierte.

Richterichs Bezirksvorsteher Manfred Kuckelkorn, Vorsitzender der Heimatfreunde des Heydener Ländchens, zeigte sich „sehr beeindruckt” von der Fleißarbeit der Autoren: „Sie haben etwas zusammengetragen, wie es dies bisher für die ehemalige Gemeinde Richterich und den heutigen Stadtbezirk nicht gegeben hat.”

Auch das sei wichtig: „Es werden keine Leute an den Pranger gestellt.” So werden „heikle Namen” (Jan Pontzen) etwa noch betroffener Familien nicht genannt.

1000 Exemplare

„Die Gemeinde Richterich 1933 bis 1945” erscheint mit vielen Bildern aus alter Zeit in einer ersten Auflage von 1000 Exemplaren.

Das Buch wird offiziell vorgestellt und gegen eine Schutzgebühr von fünf Euro zum Verkauf freigegeben am Freitag, 29. Mai, in Richterich (Schloss Schönau, 19.30 Uhr) und eine Woche später am Freitag, 5. Juni, in Horbach (Pfarrheim Agora, 19.30 Uhr). In einigen Filialen der Sparkasse Aachen und der Aachener Bank liegt das Buch aus, ebenso in der Geschäftsstelle der Heimatfreunde (Am Gut Bau 29; Telefon 174917).
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