Reichlich Gülle stinkt den Aachenern bis zum Himmel

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
14237711.jpg
Wenn die Gülle-Transporter unterwegs waren, dann stinkt es vielen Aachenern gewaltig. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nächtens oft gehen im Westen der Stadt die Scheinwerfer an. Dann liegen Wiesen hinter dem Universitätsklinikum wie unter Flutlicht. Schwere Tanks mit niederländischen Kennzeichen rollen an und lassen auf dem Grün ihrer Fracht freien Lauf. Sie bringen Gülle aus, wie das fachmännisch heißt.

Aber auch unfachmännisch stinkt es dann im Gebiet Seffent-Melaten, Steppenberg, Kronenberg, Laurensberg und je nachdem wie die Winde wehen sogar bis in die Stadt gewaltig zum Himmel. „Frische Landluft!“ rufen ironische Zeitgenossen, igittigitt.

Im Bürgerforum schilderten Anwohner der Schurzelter Straße und Umgebung die Szenerie. Das mit den niederländischen Tanks geschehe „sehr, sehr oft“, beteuerte eine junge Frau. Vom „Gülle-Tourismus“ wissen wiederum die Fachleute. Die intensiven niederländischen Milch- und Viehzuchtbetriebe wissen nicht mehr wohin mit der Fülle an Gülle, dem Kot und Urin aus ihrer Schweine- und Rinderhaltung. Sie exportieren die Jauche. Deutsche Landwirte kassieren dafür fleißig und machen mit ihren Äckern und Wiesen aus Scheiße Gold.

Über „das, was zum Himmel stinkt“, wollte auch der Aachener Autor und international renommierte Lichtinstallations-Künstler Pit Brüssel mehr erfahren. Vor zehn Jahren ließ er sich mit Haus und Studio an der Schurzelter Straße nieder, „zwischen Wiesen und Äckern und einer guten Landschaft“.

Dann kamen die Stinke-Tanks, mehr und mehr, „gefühlt eine drastische Ausdehnung, Gülle unter Flutlicht ausgekippt, drei-, viermal im Jahr gigantische Mengen“. Geht das mir nichts, dir nichts? „Wo ist die Berechnungsgrundlage, wie wird das bemessen?“, wollte Brüssel wissen und richtete ein Bündel Fragen an Wasserbehörde und Landwirtschaftskammer.

Pit Brüssel geht es nicht nur um den widerlichen Gestank, sondern vor allem um den „Zusammenhang von Gülle-Ausbringung und Nitrat im Grundwasser“. Denn Gülle ist zweifelsohne nicht nur ein wichtiger Dünger und reduziert den synthetischen, wird aber auch für die hohen Nitratwerte im Grundwasser verantwortlich gemacht. Ein lebensgefährlicher Kreislauf. Bakterien können Nitrat im menschlichen Körper in krebserregende Stoffe umwandeln, wobei Erwachsene eine gewisse Menge Nitrat vertragen, Säuglinge aber von zu viel sogar an „Blausucht“ sterben können.

Im Bürgerforum stellten sich Ewald Adams, Leiter der Landwirtschaftskammer Aachen-Düren-Euskirchen mit Sitz in Düren, und Wilfried Jansen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft, den Fragen. Die Wasserbehörde hatte schriftlich geantwortet. Mit vielen Daten war die Rede von der EU-Richtlinie und der deutschen Gülle-Verordnung, davon, wieviel Gülle in welcher Zeit in welchen Mengen auf welche Fläche ausgebracht werden darf, von Nährstoffberichten und der Gülle-Datenbank und einer regelrechten Gülle-Börse, von der wichtigen und erhöhten Kontrolldichte und Strafen gegen Jauche-Sünder von 100 bis zu 30.000 Euro.

Fazit: „Wir würden uns freuen, wenn in anderen Kreisen die Situation so wäre wie in der Städteregion Aachen. Sie ist auch deutlich besser als in Nordrhein-Westfalen insgesamt“, versicherte Ewald Adams den Zuhörern. „Wir sind immer zum Dialog mit Ihnen bereit. Wenn Sie den Eindruck haben, es gebe einen Verstoß gegen die Gülle-Verordnung, benachrichtigen Sie uns, wir gehen den Dingen nach und kommen vorbei.“

Bauern-Boss Wilfried Jansen hob die seit 27 Jahren funktionierende Kooperation zwischen der Wasserwirtschaft und der Landwirtschaft hervor. Sie habe zur Wasserverbesserung geführt. Was aber machen gegen den Geruch? Schon „kleine Bausteine“, so Jansen, könnten helfen. Eine Technik etwa, mit der die Landwirte „die natürliche Gülle so fein wie möglich einsetzen können, bodennah, um das Ausgasen zu verhindern“. Auch Jansen bot den Dialog an: „Halten Sie als Bürger doch einfach mal bei einem Bauern an und sprechen mit ihm über die Dinge.“

Die Wasserbehörde meldete: Die „Rohwässer der Stawag-Grundwasserwerke“ werden zweimal jährlich und dazu ebenfalls zweimal jährlich „diverse Pegel im Einzugsgebiet der Gewinnungsanlagen“ auf eine Nitratbelastung untersucht. Liegt der Nitrat-Grenzwert für Trinkwasser bei 50 Milligramm pro Liter, sieht die Situation für Aachen und die Region günstig aus. Die Nitratwerte der Rohwässer im Wasserwerk: Schmithof 25 mg, Brandenburg 2 mg, Reichswald 2 mg und Eicher Stollen 10 Milligramm pro Liter.

Zum Vergleich berichtet die Landwirtschaftskammer NRW: „Die Nitratbelastung liegt in Teilen des Kreises Heinsberg, im Osten des Kreises Düren sowie den angrenzenden Regionen des Rhein-Erft-Kreises und des Kreises Euskirchen über dem Grenzwert vom 50 mg/l.“

Die Daten zu den niedrigen Nitratkonzentrationen im Aachener Trinkwasser mögen beruhigen. Doch wenn die Winde wehen und im Westen der Stadt unterm Flutlicht aus Gülle-Kübeln wie beim Weiden einer großen Kuhherde die Jauche auf grüne Wiese flatscht und klatscht und pratscht und strullert, bleibt weiterhin wohl „frische Landluft“ angesagt...

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert