Raubüberfälle: Steigende Nachfrage nach Waffen

Von: Heiner Hautermans
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Raubüberfall Symbolbild
Das Waffengeschäft verzeichnet nach Überfallserie steigende Nachfrage nach Abwehrmitteln. Foto: colourbox/Royalty-free
Raubserie
Die Polizei mahnt trotz allem zur Besonnenheit. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Frage an die Mitarbeiterin des Waffengeschäfts in der Innenstadt, ob seit Beginn der Serie von rund 40 Raubüberfällen Ende August die Nachfrage nach Abwehrmitteln gestiegen ist, beantwortet eine Mitarbeiterin wie aus der Pistole geschossen: „Auf jeden Fall.“

Am häufigsten gefragt sei Pfefferspray, gefolgt von Gaspistolen, vereinzelt auch Schlagstöcken. Holger Kroth, stellvertretender Leiter des Kriminalkommissariats 44 (Vorbeugung), hält das für den falschen Weg. „Wir empfehlen grundsätzlich, keine Waffen oder Abwehrmittel mitzuführen, weil das die Aggressivität steigert.“ Man habe zum Beispiel gegen drei bewaffnete Angreifer ohnehin keine Chance und gefährde so noch die eigene Gesundheit. Im Übrigen seien Pfeffersprays nur zur Abwehr von Tieren zugelassen, das stehe auch auf jeder Dose.

Aber wie kann man sich schützen vor den üblen Attacken? Unbefangen nachts durch die Stadt zu gehen, ist momentan nicht mehr drin, das hatte vor kurzem auch der Polizeipräsident zugegeben. Kann man sich überhaupt schützen? Völlig ausschließen könne man nicht, unter die Räuber zu fallen, sagt Kriminalhauptkommissar Kroth: „Es gibt aber sehr viele Dinge, die man tun kann.“ Eltern von jungen Leuten, die am Wochenende in der Stadt ausgehen, sollten etwa das Gespräch mit den Kindern suchen und ihnen empfehlen, mit anderen in ihre Lieblingslokale zu gehen und diese auch gemeinsam wieder zu verlassen, etwa ein Taxi zu teilen oder mit dem Bus zu fahren. Manche Menschen gingen dazu über, nachts nur alte Handys dabei zu haben, größere Summen Geld oder Scheine sollten nicht gezeigt werden. Auch für neue Smartphones gebe es Sicherheitsmöglichkeiten.

Da die Erfahrung zeige, dass als Opfer oft Nachtschwärmer ausgesucht würden, die auf dunklen Straßen alkoholisiert unterwegs sind, sollte man nach einem Kneipenbesuch dunkle Gegenden meiden, selbst wenn man auf hellen Straßen einen Umweg gehen müsse. Wenn man überfallen wird, sollte man Geld, Handy oder EC-Karte herausrücken: „In dieser aussichtslosen Lage sollte man keine Gegenwehr leisten.“ Heldentaten erwartet Holger Kroth ebenfalls nicht von Passanten, die Zeugen eines Überfalls werden. Sein Ratschlag: „Helfen – ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.“

Das kann etwa dadurch geschehen, dass man andere Personen anspricht („Hallo, Sie mit dem Hut, rufen Sie bitte die Polizei!“), laut schreit, damit andere Personen aufmerksam werden, und den Tätern so zeigt, dass sie es nicht nur mit dem Opfer zu tun haben. Dann sollte man sich das Geschehen gut einprägen, etwa Alter, Aussehen und Nationalität der Räuber, und schließlich die 110 wählen. „Oft sind die Kollegen um die Ecke. Nahbereichsfahndungen führen am schnellsten zum Erfolg.“ Und – ganz wichtig: Sich um das Opfer kümmern, das unter Umständen blutend am Boden liegt. Es dürfe nicht allein gelassen werden, also sei abzuwarten, bis Polizei da ist.

Was in den Unterlegenen vorgeht, weiß Opferschutzbeauftragte Sylvia Reinders, die einen großen Teil ihrer Arbeit in die Schulung von Kollegen investiert. Sie unterscheidet drei Phasen nach einem derartig einschneidenden Ereignis. Die erste besteht aus dem Schock, der unterschiedlich schwer ausfallen kann und bis zu einer Woche andauern kann. Dann folgt die Einwirkungsphase, die – je nachdem, wie stark die Selbstheilungskräfte sind, zwei bis vier Wochen anhalten kann. Man beschäftige sich immer wieder mit der Tat, leide unter mangelndem Appetit, Schlafstörungen oder Unkonzentriertheit. Schließlich folgt die Erholungsphase, in der es wichtig sein kann, sich psychologische Hilfe zu holen. Spazieren gehen kann helfen, Sport, Gespräche.

Wichtig ist es, sich keine Selbstvorwürfe zu machen, etwa „Hätte ich mich doch gewehrt“ oder „Hätte ich schneller Hilfe gesucht“. Denn wenn man überfallen wird, läuft ein Automatismus ab, der Körper schüttet Stresshormone ohne Ende aus, normale Reflexe (Flucht oder Gegenwehr) sind wegen der Zwangssituation nicht möglich, das Alarmsystem ist hochgefahren, das Zeit-Raum-Gefüge völlig durcheinander.

Manche Opfer vergessen die Notnummer 110, rufen etwa bei der Mutter statt bei der Polizei an, die Minuten scheinen endlos zu sein: „Das ist so, man kann es nicht ändern.“ Trost ist nur, dass Opfer von Gewalttaten Kosten nicht selbst tragen müssen, der Landschaftsverband springt ein, manchmal auch der Weiße Ring.

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