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Radklassiker „Rund um Dom und Rathaus“: 6000 Zuschauer

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
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Start (und Ziel) am Markt: Annähernd 6000 Zuschauer verfolgten am Samstag an der ein Kilometer langen Strecke rund um Dom und Rathaus den gleichnamigen Radklassiker, eine spektakuläre Veranstaltung sondergleichen.

Aachen. Es mag tatsächlich noch Aachener geben, die noch nie dabei waren. Verwunderlich genug, doch die sollten sich das Ereignis fürs nächste Jahr als „unbedingt ansehen!“ vormerken. Die 38. Auflage bestätigte einmal mehr: Das Radrennen „Rund um Dom und Rathaus“ rangiert bei den Sportlern als hochgeschätzter Klassiker, und es ist ein wunderbares Familienfest für die ganze Stadt.

Nicht mehr wegzudenken aus dem jährlichen Festreigen. Hut ab vor den Organisatoren des RC Zugvogel 09, Riesenkompliment!

Alles ist spektakulär an dem Rennen. Der ein Kilometer lange Kurs rund um die traumhafte Kulisse des Weltkulturerbes, das Publikum, erneut rund 6000 Zuschauer, die begeistert die Fahrer mit Beifall und Zurufen wie „Allez, allez, allez – hopp, hopp, hopp” anfeuern und noch den Schlappsten zu neuen Kräften puschen.

Eine Marke für sich

Dabei ist die halsbrecherische Jagd über das berühmt-berüchtigte innerstädtische Aachener Kopfsteinpflaster ein „mörderischer Rennkurs, eine der schlimmsten Strecken in Nordrhein-Westfalen”, wie Rennstrecken-Sprecher Udo Bährens formuliert.

Der 68-jährige Kölner ist eine Marke für sich. Auch er ist spektakulär. Ohne ihn wäre den meisten Zuschauern wohl nicht so sonnenklar, was da auf der Piste genau abgeht. Bährens, in Jugendjahren selbst Aktiver mit vielen Siegen auch im Aachener Beritt, kommentiert das Renngeschehen. Er sitzt in dem vor dem Marienturm des Rathauses postierten Jury-Bus, einem weißen Spezial-Gefährt aus den Niederlanden mit an der Fahrerseite hochgeklappten Seitenfenstern, damit er und aufgereiht der siebenköpfige Wettfahr-Ausschuss die Ziellinie davor genau im Blick haben.

Bährens ist ein Fachmann, nun schon 40 Jahre „überall in Deutschland“ und also auch in Aachen als Sprecher dabei, sachkundig den Zuschauern Reglement und anderes erklärend, die Rennpositionen auch, plaudernd bis zu deren Muskelaufbau über die Fahrer, die er doch alle von Klein auf kennt.

Vom Start und Ziel Markt führt der mit Gittern abgesperrte Kurs gegen den Uhrzeigersinn über Jakobstraße, Wehrhafter Schmied, Klappergasse, Rennbahn-Fischmarkt, Schmiedstraße, Münsterplatz, Ursulinerstraße, Buchkremerstraße, Büchel hoch und wieder zum Markt. „Die Fahrer müssen im Sattel bleiben“, ruft Bährens über die am Markt, in der Jakobstraße und am Büchel platzierten Lautsprecher. Sonst schlägt ihnen auf diesem erbarmungslosen Kopfsteinpflaster das Rad unterm Allerwertesten weg.

Die „Defekthexe“ ist Bährens Lieblingswort. Das böse Weib schlägt gnadenlos zu: jede Menge platte Reifen, Speichen brechen, Ketten reißen. Die scharfe Linkskurve vor der Mayerschen setzt Fahrern wie Rennmaschinen zu: Ein kleiner Bordstein quer über die Piste versetzt harte Schläge, schüttelt die Sportler durch. Superteure Rennräder scheppern wie verrostete alte Drahtesel. Von der Defekthexe Getroffene steuern das Materiallager auf dem Markt an, wo Betreuer flink den Schaden beheben und gemarterte Fahrer sich die kopfsteinpflaster-geschundenen Hände mit Wasser kühlen.

Rund um den Kurs stehen die Zuschauer. Sitzen auf Mäuerchen vor Läden, um den Eäzekomp oder stehen auf Steinbänken. Und sitzen zuhauf auf den Terrassen der Cafés und Restaurants, trinken und schmausen. Ob in der Schmiedstraße, am Büchel, auf dem Münsterplatz, Markt oder unter den schattigen Linden am Fischmarkt, wo zwei Straßenmusikanten aufspielen – wer will sagen, wo es am schönsten ist. Wo man steht und geht: Die Leute „verjönne“ sich. Wer sich die Beine vertreten will, pilgert einfach mal um die Rennstrecke. Und Bährens ruft, die Leistung der Fahrer rühmend: „Wer hier untrainiert eine Runde mitfährt, braucht ein Sauerstoffzelt.“

„Wer gut fährt, kann auch viel verdienen“, kommentiert Udo Bährens. Kneipiers, Juweliere, ein Allgemeinmediziner, eine Schreinerei und viele andere Firmen lassen „Schlag auf Schlag“ bei Sprints Sonderprämien für die schnellsten Beine springen, mal 20, mal 50, mal 100 Euro. „Die hinten sind verloren“, philosophiert Bährens, die Zuschauer lachen.

Der alte Zugvogel-Kämpe Josef „Jüppchen“ Meisen verkauft, nimmermüde an der Strecke auf- und ablaufend, das Rennprogramm: „Zugvogel hat mir viel gegeben, jetzt will ich etwas zurückgeben.“ Tochter Kathrin hilft. Und Sohn Marcel tritt als schon erfolgreicher Fahrer mächtig in die Pedale. „Aufpassen!“ fiebert der Vater mit, wenn der Sohnemann im Pulk im Abstand von 75 bis 80 Sekunden Runde für Runde vorbeizischt, und entspannter: „Schön, Marcel, gut so.“ Udo Bährens fachsimpelt in die Menge: „Marcel Meisen ist auf dem richtigen Weg, ein ganz Großer zu werden.“

Polizeihauptkommissar Thomas Klauth, der mit zwei Kollegen die Rennstrecke im Blick hat, ist des Lobes voll: „Das ist alles sehr gut organisiert, und die Stimmung ist phantastisch.“ Lob von allen Seiten gibt es auch für die Verkehrskadetten. Ist das Fahrerfeld vorbeigerauscht, öffnen sie an strategischen Punkten für Passanten ganz kurz die Übergänge. Das klappt alles reibungslos.

Vorm Jury-Bus steht der junge Zugvogel-Vorsitzende Guido Diefenthal. „Da musst du stehen!“ hat ihn einst der legendäre Zugvogel-Boss Günther Erdweg gelehrt. Nun harrt er genau da aus, direkt vor dem Bus neben der Rennstrecke, rührt sich bei den zwei Rennen über insgesamt vier Stunden kaum vom Fleck und ist über Handy mit allen Helfern rund um den Kurs verbunden. Tausend Dinge Organisation hat das Zugvogel-Team bewältigen müssen. „Das Wetter stimmt, das Rennen läuft, keine Unfälle, die Leute haben Spaß“, schaut Diefenthal zufrieden, aber nur leicht entspannt. Ein Restrisiko bleibe immer, „aber wenn ich mir über alles einen Kopf machen würde, würde ich ja bekloppt“.

Muss er nicht. Die Zukunft des Radklassikers ist gesichert. Vor acht Jahren ist die Aachener Bank als Hauptsponsor eingestiegen. Bei der Siegerehrung verkündet Bank-Vorstand Franz-Wilhelm Hilgers frohgemut ob des Publikumsmagnets: „Wir machen weiter. Wäre doch schade, wenn so eine Tradition sterben würde.”

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