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Rad-Sternfahrt: Riesige schwarz-gelbe Protestschlange

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
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Schwarz-gelb ist die dominierende Farbkombination: Die Sorge um marode Atommeiler in der Nachbarschaft haben 3500 Menschen zuerst aufs Rad und dann auf den Markt getrieben. Foto: Heike Lachmann

Aachen. „Absoluter Wahnsinn!“ Sebastian Breuer, Sprecher der Aachener Grünen, trifft den Nagel auf den Kopf. Die von den Grünen in Stadt und Städteregion initiierte grenzüberschreitende Rad-Sternfahrt „Tour Becquerel“ geriet zu einem eindrucksvollen Protest gegen die belgischen Schrott-Atommeiler Tihange und Doel.

Auf 500 Teilnehmer hatten die Grünen gesetzt, am Ende schätzt die Polizei ihre Zahl auf dem Markt auf bis zu 3500.

Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie herangeradelt. So wie Elvira Resch-Beckers aus Baesweiler, die mit 40 Gleichgesinnten um 12.15 Uhr in Baesweiler losgefahren ist. „Es war toll. Von der Polizei wurden wir gut begleitet. Am Straßenrand winkten die Leute, sie waren sehr angetan. In Alsdorf hat sich einer sogar spontan angeschlossen und ist mit nach Aachen.“

Da ist gegen 14 Uhr allgemeines Sammeln am Elisenbrunnen. Ein imponierendes Bild. Die meisten Räder mit schwarz-gelben „Anti-Atom“-Radscheiben bestückt. Tandems darunter, Liegeräder, Väter mit einer „Kinderkiste“ vorne drauf oder die Sprösslinge im Anhänger dahinter. „Fukushima ist überall“, mahnt ein Transparent. Einige haben ihre schwarz-gelben Anti-Atom-Schirme aufgespannt. Die Polizei sichert den Elisenbrunnen, die schwarz-gelbe Protestschlange auf der Straße zieht sich immer dichter und länger.

„Ein unglaubliches Bild“

Die Euphorie ob der größer und größer werdenden Menge wächst von Minute zu Minute. Lachende Gesichter ringsum. „Ein unglaubliches Bild“, schildert Harald Beckers vom Presseamt die Szenerie, als er sich am Bahnhof Rothe Erde der Protestfahrt anschließt, „eine riesige Kolonne kam von Brand runter, auf beiden Spuren der Trierer.“

Grünen-Fraktionssprecherin Ulla Griepentrog ist überglücklich: „Damit haben wir nicht gerechnet. Das ist richtig Klasse. Auch die Kinder kennen das Anti-Atom-Zeichen. ‚Da, Tihange‘, haben sie am Straßenrand gerufen. Das Thema ist angekommen in der Stadt.“

Angeführt von zwei blaulicht-blinken Polizeikrädern setzt sich die Kolonne um 14.15 Uhr vom Elisenbrunnen aus in Bewegung. Eine junge Frau und ihre beiden Kinder klatschen und klatschen. Ein Polizeibeamter wird mitgerissen von der Superstimmung: „Das ist mal ein schöner Einsatz.“ Auf dem inneren Grabenring geht es nun einmal fast um die Stadt. Bis auf wenige hundert Meter leuchtet der komplette Ring schwarz-gelb. Kurz vor Drei ist der Markt über die Jakobstraße her erreicht. „Ganz Aachen ist auf den Beinen“, sagt Grünen-Umweltpolitiker Jochen Luczak, lacht und steigt vom Rad.

Nicht nur ganz Aachen. Werner Krickel gehört zu den mehr als 200 Protestlern, die auf dem 50 Kilometer langen Radweg „von Monschau runtergekommen“ sind, wie die Eifeler so eine Fahrt in die nahe Großstadt nennen. „Eine phantastische Stimmung. Wir sind dabei, um weiter zu zeigen, dass Tihange abgeschaltet werden muss. Super, wie die Autofahrer mit ‚Daumen hoch‘ reagiert haben. Zurück fahren wir aber mit dem Bus“, sagt der „Monschäuer“ und lacht.

Mit Kind und Kegel sind Familien herbeigeradelt. Dem elfjährigen Simon Schmitz „vom Lousberg“ hat die Protesttour „gut“ gefallen: „Ich fahre mit, weil ich etwas Gutes tun will.“ Mutter Dagmar ergänzt: „Wenn wir für das Thema Tihange nicht in den Sattel steigen, wann denn dann. Wir haben Angst um die Kinder.“

Kundgebung vor dem Rathaus

Pünktlich um 15 Uhr beginnt die Kundgebung vor dem Rathaus. „Tihange abschalten!“ fordern rechts und links der Tribüne zwei lange Transparente mit schwarzen Lettern auf gelbem Grund. Unten steht: „Abschirmen unmöglich. Da hilft nur abschalten!“ Von der Tribüne ruft Mitorganisator Sebastian Breuer: „Ich bin völlig überwältigt von dem, was ich sehe. Es ist grandios, dass Ihr alle gekommen seid.“

„Überwältigt“ zeigt sich auch NRW-Umweltminister Johannes Remmel vom „eindrucksvollen Protest so vieler Menschen hier“. Der Grüne fordert eine „europaweite Energiewende“ und „alle Kraft für einen europäischen Atomausstieg“ einzusetzen, eine Forderung, „die hier und heute von Aachen ausgeht“.

Wiederholt skandiert er „Tihange und Doel – abschalten, abschalten!“ und die Menge fällt immer wieder lautstark ein: „Abschalten, abschalten, abschalten!“

„Aachen ist das Zentrum des Widerstands gegen Tihange und wird es bleiben, bis dieses Ding abgeschaltet ist“, ruft Städteregionsrat Helmut Etschenberg. „Die Tour Becquerel ist ein Zeichen der Phantasie und wir werden keine Ruhe geben, bis Tihange abgeschaltet ist.“

„Wir werden niemals aufgeben“, sekundiert Hans-Christian Markert, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag. „Es muss aufhören, dass neue Meiler gebaut werden. Was technisch nicht beherrschbar, ist politisch nicht verantwortbar.“ Wie schon Minister Remmel geißelt auch er deutsche Brennelemente-Lieferungen nach Tihange. Er fordert die Bunderegierung auf, die Gesetze dementsprechend zu ändern. Unter riesigem Jubel ruft er: „Frau Hendrix und Frau Merkel, stoppen Sie die Lieferungen, Sie haben die Mehrheit dazu, nutzen Sie sie endlich.“

Bis 17 Uhr können die Gegner der belgischen Pannenmeiler bei Live-Musik dreier Bands auf dem Markt über weitere Protestschritte fachsimpeln. „Tour Becquerel“ hatten die Grünen die Protest-Sternfahrt getauft, abgeleitet vom französischen Physiker Antoine-Henri Becquerel (1852-1908), der 1903 für die Entdeckung der Radioaktivität gemeinsam mit dem Ehepaar Marie und Pierre Curie mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde.

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