Aachen - Quälende Reise ins Vergessen

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Quälende Reise ins Vergessen

Von: Grit Schorn
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Berührende Lesung im Aachener
Berührende Lesung im Aachener Dom: mit Arno Geiger und Christine Lieberknecht, Thüringens Ministerpräsidentin. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die fünfte Lesung im Rahmen der „Literatur zur Nacht” unter dem Barbarossaleuchter im Aachener Dom war mehr als gut besucht - Thema und Autor stießen auf großes Interesse und spürbare Empathie.

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil” befasst sich mit der Demenz-Erkrankung des Vaters des österreichischen Autors: in einer klaren, niemals wehleidigen Sprache, die ebenso ehrlich wie auch durchaus heiter und bezaubernd die Zuhörenden mit auf eine Reise ins Vergessen nimmt.

Nach der herzlichen Begrüßung durch Michael Wirtz, Vorsitzender des Beirats der Europäischen Stiftung Aachener Dom, führte Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, in die subtile Erzählung ein. „Themen, die uns auf den Nägeln brennen”, seien hier feinfühlig angesprochen, ebenso wie „die Verwurzelung in Geschichte und Gegenwart”. Lieberknecht zitierte sehr berührend aus dem Johannes-Evangelium („Ich bin da, ich habe deinen Namen gerufen”) und verwies auf das „Bewusstsein unseres Selbst”. Durch Alzheimer-Abbauvorgänge gehe nicht alles verloren, nicht alles sei Verlust, was der Autor später durchaus in seiner Lesung bestätigte.

Der Vater habe trotz oder sogar wegen der Erkrankung zu einer erstaunlichen Ausdruckskraft voller Humor und Hintersinn gefunden, die vieles leichter gemacht habe. „Privates und Historisches fließen hier zusammen”, erläuterte Lieberknecht und sprach über die Freiheit des „alten Königs”, die eine andere sei. Ausgewählte Zitate aus Rilkes „Panther” und von Elias Canetti sprachen das aufmerksame Auditorium ebenfalls an.

Am Anfang schier verzweifelt

„Das Leben ist ohne Probleme auch nicht einfacher”, so lautet eine Erkenntnis des bereits erkrankten August Geiger, 1926 in bäuerlichem Umfeld in Wolfurt/Vorarlberg geboren. Die Demenz begann wohl schon Anfang der 90er Jahre - so schildert es sein Sohn Arno Geiger, der anfangs gemeinsam mit seinen Geschwistern schier verzweifelte. In seiner Lesung machte der 44-jährige Autor („Alles über Sally”, „Schöne Freunde”) deutlich, dass man die beginnende Verwirrung und Verirrung des Vaters zunächst nicht als Krankheit erkannt habe. Vielmehr gewann die Familie den Eindruck, August Geiger sei antriebslos, kauzig, stur und ein „Schwachkopf” geworden. Der Autor, damals noch als Ton- und Videotechniker tätig, hielt - wie die Geschwister auch - die „unendliche Trübsal” kaum noch aus. „Die Luft um den Vater wurde dünner.”

Nach langer Quälerei auf beiden Seiten kam die „Einsicht in den wahren Sachverhalt”. Sie bedeutete „für alle eine Erleichterung. Jetzt gab es für das Chaos eine Erklärung, die wir akzeptieren konnten, wir fühlten uns nicht mehr so am Boden zerstört”. Besonders bitter war wohl die Einsicht, dass viel Zeit vergangen war, die man sinnvoller hätte nutzen können.

Die wunderbare Lesung wurde musikalisch umrahmt mit Francis Poulencs Sonate für zwei Klarinetten, vorgetragen von Raphael Schwarzstein und Sofia Molchanova von der Jungen Philharmonie Köln.
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