Aachen - Prozess: Online den Frieden gestört

Weltmeisterschaft Weltmeister WM Pokal Russland Fifa DFB Nationalmannschaft

Prozess: Online den Frieden gestört

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Vor dem Aachener Amtsgericht stand am Freitag ein schüchtern bis hilflos wirkender Hartz-IV-Empfänger.

Der 42-jährige arbeitslose Dipl. Ingenieur der „Physikalischen Technik”, wie sich Thomas F. aus Mannheim bei der Frage nach seinem Beruf erklärte, musste sich vor Richterin Sabine Schafranek wegen der Rechtfertigung einer Geiselnahme verantworten.

Wie das kommen mag, begründete Staatsanwalt Wilhelm Muckel am Freitag in der Anklageschrift. Thomas F. hatte am 6. September 2007 einen Online-Leserbrief an die „Aachener Nachrichten” versandt, in der er die schlagzeilenträchtige Geiselnahme des Bereichsleiters der Aachener Arge am 5. September 2007 „gerechtfertigt und gebilligt” haben soll.

Damit habe der Schreiber „den öffentlichen Frieden” gestört, hieß es in der Anklage. Jene „Billigung von Straftaten” sei sogar auf einem bundesweiten Internetportal erschienen. Die Passagen mit Rechtfertigungen der Tat und Äußerungen wie etwa jener, dass jeder, der in die Fänge der Argen gerate, zu solchen Taten gedrängt werde, fand die Stadt Aachen nach den Geschehnissen nicht akzeptabel und erstattete Anzeige.

Das wurde am Freitag vor Gericht bekannt. Die Staatsanwaltschaft war dem Leistungsempfänger (etwa 650 Euro im Monat einschließlich Miete) daraufhin mit einem Strafbefehl von 600 Euro auf die Pelle gerückt. Der sah das nicht ein und legte Einspruch ein, es muss also verhandelt werden.

Thomas F. nun, der durch den Kölner Anwalt Detlev Hartmann vertreten wird, trug am Freitag eine kurze Erklärung vor, mit der er sich deutlich von solchen Taten distanzierte. Damals habe er keineswegs eine bestimmte Geiselnahme gebilligt. Er habe nur seine fundamentale Kritik an dem rabiaten Vorgehen und den Zuständen in den Argen, die die Hartz-IV-Leistungen verteilen, formuliert.

Als Staatsanwalt Muckel ihm vorhielt, er habe schließlich einen Amoklauf gebilligt, machte sich deutlich Unmut im zahlreich erschienenen und offensichtlich sachkundigen Publikum breit, die Korrektur „Geiselnahme” beruhigte die Gemüter dann wieder.

Gericht vertagt

Doch mit der Erkenntnis, dass man juristisch nicht genau wisse, ob der Vorgang damals überhaupt eine Geiselnahme oder eine räuberische Erpressung war und auch als solche angeklagt wurde, vertagte sich das Gericht auf einen anderen Termin, der noch nicht bekannt ist. Tatsächlich war die Tat, bei der eine damals 46-jährige Frau an einem Mittwochmorgen mit einer Waffe in die Arge an der Vaalser Straße stürmte und von dem Bereichsleiter Geld oder zumindest Essensgutscheine einforderte, als Geiselnahme angeklagt.

Die Tat beging sie allerdings im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, nämlich unter Drogeneinfluss. Die Angeklagte wurde 2009 zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert