Projekt „Brückenschlag“ zieht Bilanz: Hilfe kommt an, Finanzierung schwierig

Von: Margot Gasper
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Sie sind das Caritas Projekt „Brückenschlag“: Brigitte Leyens und Petra Stoschek unterstützen Familien, in denen es eine schwere Krebserkrankung gibt, zum Beispiel mit Behördengängen oder dabei, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Foto: Harald Krömer

Aachen. Papa hat Krebs. Mama hat Krebs. Jedes Jahr erfahren rund 1000 junge Menschen in der Städteregion Aachen eine solche schlimme Nachricht. 30 bis 40 Prozent der Krebserkrankungen verlaufen tödlich, sagen Statistiker. Rund 350 Kinder müssen also erleben, dass Mutter oder Vater an der Krankheit sterben. Und dass der Rest der Familie irgendwie weiterleben muss.

Das neue Projekt „Brückenschlag“ will Familien in der Städteregion Aachen unterstützen, wenn ein Elternteil schwer an Krebs erkrankt ist. Die Initiative will sicherstellen, dass vor allem die Kinder versorgt sind und intensiv betreut werden. Die ersten Brücken sind bereits geschlagen.

Hausbesuch

Mitte Oktober haben Sozialpädagogin Petra Stoschek und Familienpflegerin Brigitte Leyens ihre Arbeit in der neu geschaffenen Koordinationsstelle „Brückenschlag“ aufgenommen. Im „Nachrichten“-Gespräch ziehen sie nun eine erste Bilanz.

„Wir besuchen die Familien zu Hause“, sagt Brigitte Leyens. „Das ist das Besondere am Brückenschlag.“ So lernen sie Eltern und Kinder in deren vertrauten Umgebung kennen. Und sie bringen bereits ein Stück Entlastung mit. Denn wenn Vater oder Mutter lebensbedrohlich erkrankt ist und der Alltag aus den Fugen gerät, dann wird schnell jeder Behördengang und jeder Termin eine Belastung.

Brigitte Leyens und Petra Stoschek schauen im Einzelfall ganz genau hin, was die Familie braucht, um die Extremsituation möglichst gut zu bewältigen. Bringt eine Haushaltshilfe Entlastung? Ist der Einsatz einer Familienpflegerin nötig? Wer kümmert sich um die Hausaufgaben? Brauchen die Kinder die Hilfe eines Psychotherapeuten? Bei Alleinerziehenden muss womöglich geklärt werden, wer sich nach dem Tod von Mutter oder Vater um die Kinder kümmert.

Finanzierung oft Stolperstein

Die Frauen vom Brückenschlag führen Gespräche, vermitteln und vernetzen: mit Krankenkasse, Jugendamt, Rentenversicherungsträger, Therapeuten. Oft muss mühsam geklärt werden, wer zuständig ist. Und oft geht es ums Geld. Schon der Einsatz einer Haushaltshilfe zum Beispiel kann zum Problemfall werden. „Gerade bei langfristigen Krebstherapien ist eine Finanzierung oft holprig“, berichtet Petra Stoschek. „Da ist häufig nicht klar geregelt, wer in welcher Phase zuständig ist. Und für die Familien ist das wirklich eine Katastrophe.“

Dazu kommt: Wer sterbenskrank ist, hat manchmal schlichtweg nicht die Kraft, am Ball zu bleiben, immer wieder nachzufragen, Einspruch einzulegen und die Sache durchzufechten. „Wenn ich selbst krank wäre, wüsste ich nicht, ob ich das schaffen würde“, sagt Stoschek ganz ehrlich.

Es wäre wünschenswert, sagt Brigitte Leyens, wenn nicht für jede betroffene Familie aufs Neue eine Einzelregelung durchgefochten werden müsste. „Wir brauchen feste Kooperationswege.“ Hier sieht sie auch mittelfristig ein Ziel des Projekts „Brückenschlag“: „Wir wollen Strukturen schaffen, Standards setzen.“

Wenn Vater oder Mutter an ihrem Krebsleiden sterben, dann brauchen die Kinder besonders viel Hilfe. „Aber ausgerechnet beim Tod verlässt häufig das ganze Helfersystem die Familie“, beklagt Leyens. Zum Beispiel, weil die Kasse dann nicht mehr zahlt. Auch die Begleitung von Familien über den Todesfall hinaus gelte es zu systematisieren, fordert sie. „Gerade nach einem Todesfall sind vertraute Personen sehr wichtig.“

„Brückenschlag“ wurde auf Initiative des Euregionalen Comprehensive Cancer Centers Aachen (ECCA) des Uniklinikums Aachen und des Caritasverbands ins Leben gerufen. „Wir möchten Eltern unterstützen, die in der Situation einer so schweren Erkrankung oft emotional und organisatorisch im Alltag an ihre Grenzen stoßen“, sagt. Dr. Andrea Petermann-Meyer, Leiterin der Sektion Psychoonkologie des ECCA.

Netzwerk steht

Jessica Hugot, Leiterin Kompetenzfeld Familie bei der Caritas, ist sehr erfreut, dass die „Vernetzung von Gesundheitssystem und Jugendhilfe“ vorangeht.

Als Beirat für das Projekt fungiert der im März 2013 gegründete „Runde Tisch Brückenschlag“. Hier sitzen neben Uniklinik und Caritasverband viele Akteure am Tisch: Krankenkassen, Jugendhilfe, Ärzte und Therapeuten, Akteure in der Hospiz- und Trauerarbeit … Schirmherrin des „Brückenschlags“ ist die frühere Bundesgesundheitsministerin und Aachener SPD-Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt.

Das Pilotprojekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Die „Aktion Mensch“ unterstützt den Brückenschlag mit insgesamt 150.000 Euro. „Rund 65.000 Euro müssen über Spenden finanziert werden“, sagt Leyens. Finanzielle Unterstützung für die Initiative sei also sehr willkommen.

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