Aachen - Preuswald: Siedlung will wieder aufblühen

Preuswald: Siedlung will wieder aufblühen

Von: Gerald Eimer
Letzte Aktualisierung:
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Tristesse pur: Das Unkraut sprießt, die Farbe blättert, der Müll sammelt sich.

Aachen. Für Soziologen dürfte die Siedlung Preuswald ein spannendes Untersuchungsfeld sein. Material dazu finden sie genug im erst kürzlich veröffentlichten Sozialentwicklungsplan der Stadt.

Dort wird der Preuswald als „Problemgebiet” beschrieben - nicht anders als das Ostviertel, Rothe Erde, Schönforst und die Obere Jülicher Straße.

Kennzahlen liefern die Erhebungen über Hartz-IV- und Wohngeld-Empfänger, über „Frühe Hilfen”, zur Gewalt gegen Frauen und Kinder oder auch zur „Belastungsintensität durch tatverdächtige Heranwachsende”.

In diesem „Problemgebiet” leben aber auch Frauen wie Roswitha Hoefeld, Hanna Dorner-Bachmann oder Dora Ondracek, die sich auch noch an andere Zeiten erinnern und immer noch gerne im Preuswald leben.

„Das Viertel ist traumhaft schön”, schwärmen sie von der Lage mitten im Grünen. Es könnte geradezu eine Idylle für junge Familien sein, sagen sie.

Und bis hinein in die 80er Jahre war es das ja auch: Ein gefragtes Viertel, in dem man sich auf langen Wartelisten eintragen musste, um überhaupt eine Wohnung zu kriegen.

Profite abgeschöpft

Irgendwann aber ist das gekippt. Angefangen habe es mit dem Verkauf eines Großteils der Wohnungen an Investoren. Solange sich die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Gehag gekümmert habe, sei noch alles in Ordnung gewesen, erinnern sich die Älteren.

Seitdem aber habe der Bestand viermal den Besitzer gewechselt, alle hätten nur Profit machen wollen, kaum einer habe in die Häuser investiert, kritisieren die Anwohner, unter ihnen auch viele Eigenheimbesitzer.

Die Folge: In vielen Mietshäusern bröckelt der Putz, teils sind die Wohnungen feucht, Treppenhäuser verkommen. Mieter, die es sich leisten können, suchen sich was Besseres und setzen eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang.

Es wird immer schwerer, Mieter zu finden, die dem erklärten Ziel des städtischen Fachbereichs Wohnen entsprechen, im Preuswald „eine mittelständische Bewohnerstruktur und vernünftige Altersdurchmischung zu erreichen”.

So sollen insbesondere auch junge Familien angesprochen werden, um die dortige Kindertagesstätte und die nahe Grundschule erhalten zu können.

„Es muss bald etwas passieren”, sagen die drei Frauen Hoefeld, Dorner-Bachmann und Ondracek, die derzeit informell nach eigenen Angaben für annähernd 130 „Preuswälder” sprechen und vorerst auch Ansprechpartner für die OB-Kandidaten Marcel Philipp (CDU), Karl Schultheis (SPD) und Hilde Scheidt (Grüne) sind.

Noch im Verlauf des Wahlkampfes soll eine „Initiative Preuswald” gegründet werden, die dann auch formeller agieren und Ideen zur Problemlösung im Viertel einbringen kann.

Und die hören sich anders an als das, was etwa Marcel Philipp kürzlich ins Gespräch gebracht hat. Eine Neubausiedlung und eine Verkehrsanbindung zum Dreiländerpunkt könnten seiner Meinung nach neues Leben in den Preuswald bringen, nicht zuletzt könne so auch eine bessere Nahversorgung durch neue Geschäfte ermöglicht werden, glaubt Philipp. Beim politischen Gegner stieß er damit umgehend auf Widerspruch - und auch in der Siedlung selbst scheint er wenig Rückhalt zu finden.

Der Weg zum Dreiländerpunkt möge bitte Wanderweg bleiben und bloß nicht für Autos freigegeben werden, sagen auch die drei Frauen. Zur Lösung der wahren Probleme trage das Projekt ebenso wenig bei wie mögliche Neubauten, glauben sie.

Ihre wichtigsten Forderungen: Die Wohnungen müssen vernünftig saniert werden, kurzfristig müssten vor allem auch Hausmeister wieder regelmäßig nach dem Rechten sehen.

Genau dies hatte auch die Deutsche Annington angekündigt, die vor gut anderthalb Jahren rund 625 Wohnungen im Preuswald gekauft hat und damit dort größter Eigentümer ist.

Das in Bochum ansässige Unternehmen preist sich selbst als „langfristig orientiertes Wohnungsunternehmen” und als „verantwortungsvollen Vermieter”, der nun ein „attraktives Wohnumfeld” schaffen wolle.

Annington hat dafür auch die Nähe zur Stadtverwaltung gesucht, um „erste richtungsweisende Maßnahmen” einzuleiten, wie Oberbürgermeister Jürgen Linden bereits vor einem Jahr mitgeteilt hatte. Den Anwohnern aber haben sich diese Maßnahmen bislang noch nicht erschlossen.

Passiert sei bislang noch gar nichts, beklagen sie. Hausmeisterdienste seien gestrafft worden, zugesagte Handwerkertermine werden nicht eingehalten, Ausbesserungsarbeiten werden auf „niedrigstem und billigstem Niveau” ausgeführt.

Auf Beschwerden würde gar nicht reagiert, beklagt beispielsweise auch Preuswald-Bewohner Willi Schindele. Einen persönlichen Ansprechpartner vor Ort gibt es nicht mehr, stattdessen müsse eine Hotline von Annington angewählt werden.

Noch hatte er nicht das Glück, jemanden zu erreichen - seine E-Mails und Briefe bleiben unbeantwortet.

So komme es, dass es in den Häusern drunter und drüber gehe, klagt er. Hausordnungen werden nicht eingehalten, Lärm und Dreck seien die Folge.

In den Kellern stapeln sich brennbare Gegenstände, Fluchtwege sind versperrt, Wände völlig verschmiert. Zwischen den Mietern gebe es große Spannungen, sagt er. Von „Integrationsproblemen” sprechen viele Bewohner. Die Furcht vor einer „Ghettoisierung” geht um.

Im Wahlkampf haben nun auch die OB-Kandidaten das Problem erkannt. Alle Parteien haben sich für eine „Zukunftswerkstatt” im Preuswald ausgesprochen, um die Probleme anzugehen. Ob sie Honig daraus saugen können, steht auf einem anderen Blatt.

„Uns geht es nicht um Parteipolitik, uns geht es nur um die Sache”, betonen Roswitha Hoefeld und Hanna Dorner-Bachmann, die auch der Stadt vorwerfen, allzu lange tatenlos geblieben zu sein. „Wir hoffen, dass bald etwas passiert, sonst geht es hier immer weiter runter.”
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