Poetry Slam-Finale: Im Wesentlichen zählt die Performance

Von: Heinrich Schauerte
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Voller Saal, heiße Temperaturen: Beim Poetry Slam-Finale in der Raststätte versuchten sich Jungdichter im publikumswirksamen Reimen. Foto: Roeger

Aachen. Die Straße vor der Kneipe ist voll von heftig diskutierenden jungen Leuten. Kein Auto kommt mehr durch. Man ahnt schon, um was es drinnen geht: in der Raststätte Lothringer Straße ist gerade Pause beim „satznachvorn”, dem Finale des diesjährigen Aachener Poetenwettstreits, auch Poetry Slam genannt.

Wer hier gewinnt, fährt im November zur Deutschen Meisterschaft im Ruhrpott.

Groß muss die Begeisterung für die Dichtkunst sein, wenn man das hier auf sich nimmt: mindestens 150 Leute sitzen in dem nicht besonders großen Raum, die stickige Luft ist stickig und heiß, das Bier vermutlich nicht viel kühler. Das Publikum ist größtenteils U 25. Um den Nachwuchs braucht sich das Volk der Dichter und Denker also keine Sorgen zu machen. Nur Gerhard Horriar, der Zeremonienmeister, ist ein alter Recke, der das jetzt schon zwölf Jahre lang macht. Das reicht ihm aber auch, und demnächst wird Slammer Robert Targan den Job übernehmen.

Egon Alter, nicht aus Berlin

Der ist es auch, der in der ersten Runde gegen Egon Alter aus Berlin antreten muss. Der heißt zwar nicht so und ist auch nicht aus Berlin, aber hier ist eben alles ein wenig anders. Von den dreizehn Qualifizierten sind auch sieben krank, bleiben also sechs übrig, von denen wiederum einer noch irgendwo bei Wuppertal im Zug sitzt. Oder er kommt aus Wuppertal und lebt in Berlin, jedenfalls startet er für Aachen. Fest steht nur, dass er im Zug sitzt.

Der Zeremonienmeister bestimmt nunmehr die Jury aus dem Publikum. Mit sicherem Griff wählt er Sarah von Heinrich Heine und mit Deutsch-Leistung oder auch nicht. Dazu noch Pascal mit Betonung auf der ersten Silbe, und die Jury kann ihres Amtes walten.

In der ersten Runde gewinnt Robert, der sich über diese Ansammlung von Menschen ohne Fahne in der Hand freut und sich fremdschämt über nachmittägliche TV-Sendungen. „Was wollte Robert, Sarah?”, will der Moderator wissen, aber Sarah hat wohl eher keine Deutsch-Leistung. „Boh, ist die doof”, entfährt es ihm, und irgendwie ist alles ganz anders als bei RTL, aber auch wieder ganz ähnlich.

Auch hier geht es knallhart zu, doch keiner meint was ernst, und schon ganz andere haben so manches Dichterwort nicht kapiert. Vielleicht auch weil es gar nichts zu kapieren gab. Im übrigen kommt es ja auch wesentlich auf die Performance an, wie überall im Showgeschäft.

Stefan aus Berlin, der eigentlich auch aus Aachen kommt, glänzt mit einer pseudowissenschaftlichen Abhandlung über rhetorische Fragen etwa von Türstehern, die schnell in nonverbale Kommunikation und damit ins echte Leben übergehen können. Jens aus Berlin oder Aachen besingt hochnotpeinliche Intim-Musterungen und weiß, dass manche Gags wahlweise nur in Aachen oder Berlin funktionieren.

Kandidat Goldschläger, der auch nicht so heißt, klagt „Melanie, du hast mir die Zukunft geklaut!” und spricht über das Berufsbild Lautsprecher. Einen solchen mietet man, und der sagt Melanie oder der ganzen Welt dann alles, was man sich selbst nicht traut. Egon Alter, der weder aus Berlin noch Aachen kommt, aber dafür einen falschen Namen hat, hält dann noch eine oscarreife Rede, in der er sich bei seinen Eltern bedankt, dass sie ihn zur Adoption freigegeben haben.

Der Applaus entscheidet

Die Entscheidungen fallen manchmal knapp aus. Während die Kandidaten nervös auf und ab tingeln, entscheidet der Moderator im Zweifelsfall einfach selbst, welcher Applaus der lauteste war. Denn weiter kommt, wer am meisten Lärm provoziert, also alles ganz demokratisch.

Nach der Pause ist dann endlich auch Michael Feindler da, der wirklich aus Berlin kommt, aber aus Wuppertal stammt und für Aachen antritt. Er macht sich in dieser Eigenschaft die Verbesserung des Bildes Wuppertals in der Öffentlichkeit zum echten Anliegen. Damit ist er offensichtlich der für Aachen geeignetste Kandidat von allen und übersteht nicht nur die Gruppenphase, in der jeder gegen jeden antritt, sondern macht gegen Mitternacht den Sieg für sich klar.

Der Zeremonienmeister lobt, die Poesie Feindlers sei keine Hiphopgedönslyrik, sondern echt gereimt und verstehe sich in der Tradition von Robert Gernhardt oder Ringelnatz. Die kriegt Sarah ja vielleicht auch irgendwann noch in Deutsch-Leistung.
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