Aachen - Poesie, die der Zufall schreibt

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Poesie, die der Zufall schreibt

Von: Sarah Thelen
Letzte Aktualisierung:
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Schreibt Kurzgeschichten und moderiert seit Oktober den Aachener Poetry Slam: Robert Targan setzt auf das bewährte Konzept der Kultveranstaltung in der Raststätte.

Aachen. Es war mehr Zufall als alles andere, was Robert Targan vor rund dreieinhalb Jahren ins Wild Rover trieb. Eher widerstrebend hatte der 27-Jährige an jenem Tag dem Wunsch seines Kumpels nachgegeben: „Der hat mich mitgeschleppt zum Poetry Slam”, erinnert sich Targan, der zunächst skeptisch war, was ihn dort erwartete.

Menschen, Literatur-Laien, die ihr in Poesie gefasstes Innerstes vor fremden Menschen vortrugen - konnte das tatsächlich mitreißen oder würde der Abend von peinlichem Fremdschämen geprägt sein? Das wurde er nicht - als Targan den Irish Pub verließ, war er begeistert, nachdenklich - und er hatte die leise Vorahnung, dass sich auch die poetischen Zahnräder in seinem eigenen Kopf längst in Bewegung gesetzt hatten.

„Zunächst waren da all diese mutigen Menschen auf der Bühne. Und ich dachte: Wow, in deren Haut möchte ich nicht stecken! Zumal der Moderator des Slams den ein oder anderen Kommentar zu dem Vorgetragenen losließ, der nicht unbedingt das Selbstbewusstsein der Teilnehmer förderte”, so Targan.

Literarische Entwicklung

Der Moderator dieses Abends war Gerhard Horriar. Heute, zahlreiche Slams nach dieser ersten Begegnung, sind Horriar und Targan gut befreundet. Inzwischen hat Horriar die Moderation des Aachener Poetry Slams nach zwölf Jahren an seinen jungen Kollegen abgegeben. Er meint: „Robert hat sich glücklicherweise irgendwann doch getraut, beim Slam vorzulesen. Und seitdem haben seine Texte einen riesigen Qualitätssprung gemacht.”

Seine ersten vorsichtigen literarischen Gehversuche hatte Targan in der WG-Küche vor sechs Freunden unternommen. Von denen gab´s Beifall, Targan versuchte sich beim Aachener Slam, und schon beim dritten oder vierten Slam-Versuch qualifizierte er sich „aus Versehen” für die Internationalen Meisterschaften im schweizerischen Zürich.

„Beim ersten Mal bin ich neben einigen Slam-Größen aus ganz Deutschland aufgetreten. Da hab ich schon deutlich gemerkt, dass ich an meinen Texten noch feilen kann.” Gesagt, getan - inzwischen wird Targan zu Slams in ganz NRW eingeladen, demnächst liest er in Hamburg. Seine Geschichten schreibt er dann und wann: Mal tippt er spontane Ideen unterwegs in sein Handy ein, mal sammelt er auf Zetteln, was ihm gerade in den Sinn kommt, immer in der Hoffnung, dass sich die poetischen Versatzstücke irgendwann zu einer Kurzgeschichte fügen.

Lyrik mag er nicht, sein Stoff ist der melancholisch-heitere Mensch, dem das Leben mal so, mal so mitspielt und der über sich selbst mit Humor reflektiert. Häufig geht es um Frauen, Kneipentouren und den Kater danach. Nie denkt er sich vor dem Schreiben ein Thema aus, die Ideen kommen, wann sie wollen, zufällig eben. Rund 20 Texte gehören inzwischen zu seinem Repertoire, ständig kommen neue hinzu. Ein paar davon nimmt er mit von Slam zu Slam. Welche er dann auf der Bühne liest, entscheidet er vor Ort. „Das kann man wie so vieles am Slammen nicht planen. Du siehst erst vor Ort, was für ein Publikum da ist, wie die Stimmung im Saal ist und wie du selbst drauf bist. Und erst dann kannst du entscheiden, welcher Text am besten passt.”

Patentrezepte beim Slammen? Fehlanzeige! „Ein Text, der in einer Stadt funktioniert, kann in der nächsten floppen. Das Publikum wählt subjektiv, was gefällt und was nicht.” Und genau darin liegen Reiz und Herausforderung für den Slammer: Die Texte behalten die Oberhand, sie führen Regie und bestimmen die Hauptrollen. Es gibt eine völlige Autonomie der Poesie zu einer bestimmten Zeit und vor einem bestimmten Publikum. „Man darf sich als Schreiber auch nicht zu ernst nehmen. Der Slam ist und bleibt unberechenbar. Wenn du anfängst zu kalkulieren, rächt sich das. Denn dann ist der Spaß weg, die Texte funktionieren einfach nicht mehr”, weiß Targan.

Slammen geschehe um des Slammens Willen, nicht, weil man sich selbst gerne reden höre oder die Aufmerksamkeit des Publikums genieße, findet er. Recht hat er, findet Horriar: „Der Slam ist ein Spiel. Ein Spiel, dem man sich völlig anheim geben muss, wenn man mitspielen will.”

Neuer Moderator, altes Konzept

So wie Targan: Bei seinem letzten Slam-Auftritt in Siegen schmisss ihn das Publikum bereits nach der ersten Runde raus: „Um fünf Minuten zu lesen, bin ich sechs Stunden mit der Bahn gefahren. Sowas passiert.” Und ein bisschen ist auch das Ausdruck des Slam-Geists: unvorhersehbar, zufällig, spontan.

Und den will sich Targan auch bewahren, wenn er künftig die Aachener Slams moderiert. „Beim Vorlesen bewegt man sich auf der sicheren Seite. Als Moderator muss man spontan sein, weil man ja nie weiß, was die Slammer vortragen, und trotzdem auf ihre Texte eingehen muss.” Horriars Konzept will Targan übernehmen, denn zumindest da ist er sich sicher: Das ist berechenbar, das ist bewährt - hier ist der Zufall ausnahmsweise nicht König!

Poetry Slam im November in der Raststätte

Den nächsten Aachener Poetry Slam „satznachvorn - der westlichste Poetry Slam Deutschlands” gibt´s am Freitag, 5. November, in der Raststätte, Lothringer Straße. Beginn ist um 20 Uhr.

Wenige Plätze sind noch frei: Wer sich mit eigenen poetischen Kreationen als Slammer versuchen will, kann sich jetzt noch per E-Mail anmelden unter satznachvorn@gmx.de .
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