Aachen - Plötzlich ist der Bandit der beste Freund

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Plötzlich ist der Bandit der beste Freund

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
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Alles andere als harmloses Daddeln: Der 22-jährige Patrick Hochstetter (Name geändert) wurde am Spielautomaten süchtig. Foto: ddp

Aachen. Wie alt Patrick Hochstetter war, als er zum ersten Mal ein Casino betrat, kann er nicht mehr genau sagen. Vielleicht 16, vielleicht 17, in jedem Fall noch nicht volljährig. Stand in der Schule eine Freistunde auf dem Stundenplan, ging Hochstetter mit Freunden in eine unweit gelegene Spielhalle.

Verzockt wurden Beträge von vielleicht fünf Euro - ganz harmlos, nur so zum Zeitvertreib. Patrick Hochstetter heißt eigentlich anders, ist heute 22 Jahre alt und Auszubildender.

Und wichtiger noch: Seit Juni vergangenen Jahres ist er „trocken”, bald hat er seit einem Jahr nicht mehr gezockt. Dass die harmlose Daddelei sich mit Anfang 20 in eine ernsthafte Spielsucht auszuwachsen begann, wissen nur seine Eltern, seine Geschwister - und Julia Voell, die gemeinsam mit Brigitte Philipps und Kristina Latz bei der Suchthilfe Ansprechpartnerin für den Bereich Spielsucht ist. Dass ein junger Mann wie Patrick Hochstetter das Angebot von Caritas und Diakonie aufsucht, ist für die Suchttherapeutin keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Die Zocker werden immer jünger.

Was an sich erschrecken mag, ist für einen Weg in die Abstinenz paradoxerweise von Vorteil: „Die Schulden sind noch nicht so hoch, die Familie hat den Klienten in der Regel noch nicht fallengelassen”, sagt Julia Voell. Auch sei es von Vorteil, dass der Betroffene durch die in der Regel noch enge Bindung ans Elternhaus eher von Dritten mit seinem Problem konfrontiert wird. So war es auch bei Patrick Hochstetter die Familie, die ihn dazu brachte, die Suchthilfe aufzusuchen. „Ich will meine Eltern nicht noch einmal enttäuschen und mir mein Leben nicht kaputt machen.”

Längst nicht mehr harmlos

Noch zu Beginn des vergangenen Jahres war er auf dem besten Weg dorthin. Beinahe täglich schüttelte er dem einarmigen Banditen die Hand - noch immer nur so zum Zeitvertreib, der jedoch längst nicht mehr harmlos war. Wann er nach Hause ging, wurde durch die Ladenschlusszeit bestimmt.

Manchmal hatte Hochstetter durchaus einen stattlichen Gewinn in der Tasche - der am nächsten Tag gleich wieder in den Münzschlitz wanderte. Um die 5000 bis 6000 Euro hatte er der Glücksspielindustrie am Ende binnen eines Jahres in den Rachen geworfen - viel Geld für einen Auszubildenden. Sein Monatsgehalt ging am Automaten drauf, auch nahm er einen vierstelligen Dispokredit auf („Ich war selbst überrascht, dass das so einfach ging”) und begann zu stehlen.

„Das ärgert einen schon”

6000 Euro - gemessen an dem, was andere Spieler sich ihre Suchtkarriere kosten lassen, ist dieser Betrag laut Julia Voell eher gering. Dennoch: Einen schicken Gebrauchtwagen könnte man sich davon leisten. „Das ärgert einen schon, wenn man darüber nachdenkt”, gibt Hochstetter zu.

Bei den wöchentlichen Einzel- und Gruppenterminen mit der Suchthilfe ist ihm wichtig, die Veränderung seiner Persönlichkeit zu reflektieren. Denn schwerer als der finanzielle Schaden wiegt für Hochstetter, dass der einarmige Bandit nach und nach sämtliche sozialen Kontakte zu ersetzen drohte. Der heute höflich und ein wenig zurückhaltend wirkende Patrick Hochstetter wurde jenseits der Spielhalle zunehmend aggressiv und unleidlich. „Ich war aufbrausend, habe oft gestritten und für nichts Einsicht gezeigt.”

Obwohl für soziale Kontakte lange kaum Zeit geblieben ist, kann sich Patrick Hochstetter heute sicher sein, dass keine Freundschaft an seiner Sucht zerbrochen ist. Dass ihm die Isolation erspart geblieben ist, ist dann auch der einzige Punkt, der ihn von den meisten anderen Spielern wesentlich unterscheidet. „Das”, sagt Julia Voell, „ist außergewöhnlich.”
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